Eine Leseprobe aus dem Buch „Der einfache Weg zum begeisternden Vortrag“ von Florian Mück, professioneller Redner und Trainer für Rhetorik und Charisma.

Drei Momente der Wahrheit

Was war dein erster Eindruck bei deinem letzten Aufenthalt in einem Hotel, bei deiner letzten Flugreise, beim letzten Restaurantbesuch? In der Marketinglehre haben diese Erstkontakte mit Dienstleistungen einen Namen: Momente der Wahrheit.

Der erste Eindruck einer Serviceleistung lässt sich nur schwer revidieren. Im weiteren Sinne ist auch jeder Vortrag ein Service für dein Publikum. Auch als Redner vermittelst du einen ersten Eindruck. Für mich sind es drei Momente der Wahrheit, die du beachten musst.

Der erste Moment der Wahrheit heißt Schweigen. Du sagst nicht „So“, du sagst nicht „Hallo“, du sagst nicht „Ähm“, du räusperst dich nicht. Du trittst auf die Bühne und schweigst. Denn deine Rede beginnt nicht, wenn du die ersten Laute von dir gibst, sondern bereits viel früher. Viele Redner fangen schon an zu quatschen, bevor sie überhaupt auf der Bühne sind oder im Meeting-Raum vor der Gruppe stehen. Ein absolutes No-Go, das wirst du nie wieder tun! Was du in einem Raum brauchst, wenn deine Rede beginnt, ist absolute Stille. Und diese Stille hängt von einer einzigen Person ab: von dir.

Anzeige
Der zweite Moment der Wahrheit heißt Lächeln. Während du schweigst, lächelst du dein Publikum an. Dein Lächeln (siehe auch Schritt 15) zeugt von Selbstvertrauen, Selbstsicherheit, Charisma.

Der dritte Moment der Wahrheit heißt Geduld. Denn Schweigen alleine reicht oftmals nicht, um dein Publikum davon abzubringen, Stühle quietschen zu lassen, zu husten wie Pferde oder an ihren Smartphones herumzufummeln.

Mit den drei Momenten der Wahrheit erreichst du zweierlei. Zum einen strahlst du Autorität und Selbstvertrauen aus. Das heißt, dein Ethos, also deine Glaubwürdigkeit als Redner steigt. Zum anderen stellst du die uneingeschränkte Aufmerksamkeit deines Publikum sicher. Denn nun warten alle gespannt auf einen der wichtigsten Sätze deiner Rede – den ersten Satz. Doch mit einem Paukenschlag einzusteigen, ist gar nicht so leicht.

Langweiliger Herr Mayer

Erinnere dich zurück an alle Reden und Powerpoint-Präsentationen, die du in den letzten fünf Jahren erlebt hast. Denk an alle Redner, die du gesehen hast – auf Kongressen, Seminaren, Messen, Hochzeiten, Geburtstagen. In vielen Fällen wählen sie denselben todlangweiligen Standardeinstieg: „Ähm, hallo zusammen und guten Abend. Mein Name ist Peter Mayer, und es ist mir eine große Ehre und Freude, die Möglichkeit zu haben, Ihnen heute etwas zum Thema Mobilität im 21. Jahrhundert zu berichten.“

Das ist doch kein mächtiger Einstieg, der das Publikum vor Aufregung innerlich fast zerspringen lässt! Hand aufs Herz: Wenn deine Rede ein Roman wäre, stünde so etwas im ersten Absatz? Wohl eher nicht.

Nehmen wir diesen Standardeinstieg genauer unter die Lupe. Wir wissen, wie der Redner heißt. Sein Name stand schließlich auf der Einladung und im Programm. Zudem wurde Herr Mayer von der netten Moderatorin des Abends namentlich vorgestellt.

Wir wissen auch, worüber er sprechen wird. Das stand ebenfalls in der Einladung und im Programm – und die nette Moderatorin hat noch einmal auf das Thema des Abends hingewiesen.

Sogar auf dem Roll-up vor dem Saal stand es in großen Lettern. Wir wissen, dass es Abend ist, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wissen wir, dass es dem Redner eine große Ehre und Freude ist, zu uns zu sprechen. Er redet schließlich schon seit fast einer halben Minute, und nichts von dem Gesagten ist neu. Wie langweilig!

Das geht besser! Für mich hat der erste Satz nur ein Ziel: die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Publikums zu erringen. Das, was die drei Momente der Wahrheit erreicht haben, musst du mit deinem ersten Satz in die Rede tragen – 100 Prozent Aufmerksamkeit! Und wie erreichst du das? Mit einem Paukenschlageinstieg.

Einstieg mit Paukenschlag

In meinen Trainings frage ich manchmal eine Teilnehmerin, wie viel Zeit sie einem Mann geben würde, der offensichtlich im Begriff ist, sie anzuflirten. Nachdem das allgemeine Gekicher, ihre roten Wangen und die Macho-Kommentare der Männer abgeklungen sind, sagt sie in der Regel: „Na ja, so 30 Sekunden.“

Anzeige
Ich für meinen Teil finde diese Einschätzung unrealistisch. Ich weiß ja nicht, wie die Erfahrungen der männlichen Leserschaft sind, aber ich selbst komme oft genug nicht mal in die Nähe einer halben Minute. Manchmal habe ich nicht einmal genug Zeit, um meinen vollen Namen zu sagen. Mehr als zwei Sekunden? Utopisch!

Für mich gilt das Gleiche in der freien Rede. Egal ob Produktpräsentation, Investoren-Pitch oder Hochzeitsrede – denke immer an die begrenzte Zeit, die wenigen Sekunden, die du hast, um das Publikum in deinen Bann zu ziehen. Der erste Satz muss also knallen. Hier sind fünf Paukenschläge für deinen Einstieg.

Zitat

Rhetorik-Rubine berühmter Persönlichkeiten sind immer ein sicherer Weg, eine Rede zu beginnen. Du „leihst“ dir sozusagen die Autorität und Glaubwürdigkeit (Ethos). Ein cleverer Schachzug. Ich empfehle Zitate, welche die zentrale Botschaft deiner Rede unterstützen.

Stell dir vor, du bist Abteilungsleiter und sollst eine Rede vor deinen Mitarbeitern halten, weil die Firma derzeit eine schwierige Phase durchmacht. „Durchhalten“ könnte demnach deine Botschaft heißen. Tippe in eine Suchmaschine „Zitat“ und „Durchhaltevermögen“ ein. Das Ergebnis: Eine Reihe von brauchbaren Zitaten. Du könntest deine Rede so starten:

Albert Einstein hat einmal gesagt: [Mach eine Pause! Gib deinem Publikum Zeit, den genialen weißhaarigen Mann vor seinem geistigen Auge zu sehen.] „Es ist nicht so, dass ich klug wäre. Ich bleibe einfach länger an Problemen dran.“ Ich will, dass wir länger an unseren Problemen dranbleiben als jeder Wettbewerber. Ich will, dass wir länger an unseren Problemen dranbleiben, als es irgendein Analyst von uns verlangen würde. Ich will, dass wir länger an unseren Problemen dranbleiben, als es irgendeine Lösung jemals erfordern würde.

Bild: Gettyimages/Paul Bradbury

Weitere Tipps findet Ihr im Buch:
Florian Mück, Der einfache Weg zum begeisternden Vortrag, Redline Verlag, 16,99 Euro.