201702_Gruenderszene_Top_oder_Flop_Nachrichten-Apps

Die Idee ist eigentlich einleuchtend. Wenn man Nachrichten verbreiten will, könnte man das doch in Form einer Chat-Unterhaltung tun. Also so richtig jung sein und all die WhatsApp-Kids im gewohnten Ton ansprechen. Ich lasse mir seit einigen Wochen News in dieser Form von Resi und Novi präsentieren. Auch wenn ich altersmäßig nicht ganz zur Zielgruppe gehöre. Resi wird von Gründer Martin Hoffmann gemacht, der zuvor Chef des Social-Media-Teams bei der Welt war. Novi kommt von der Tagesschau und dem NDR.

Resi ist eine eigene App, die man sich ganz normal auf dem Smartphone installiert. Sie soll laut den Machern von den Angewohnheiten des Nutzers lernen und im Laufe der Zeit ein Gefühl dafür bekommen, für welche Nachrichten er sich besonders interessiert. Die App gibt es bereits seit Sommer vergangenen Jahres und wird häufiger am Tag aktualisiert. Novi funktioniert als Bot innerhalb des Facebook-Messengers und ist erst seit ein paar Wochen am Start. Das Programm liefert Lesern zweimal täglich eine Zusammenfassung. Morgens gibt es einen kompakten Überblick und am Nachmittag ausführliche Updates. Der Dienst befindet sich noch in der Testphase.

Wir haben uns einen Vormittag mit beiden Nachrichten-Anwendungen angeschaut.

Das hier sind die beiden Startscreens. Novi setzt auf die Farbe blau, Resi ist pink. Kreisch! Das muss doch ankommen bei den jungen Leuten, oder?

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Die Ansprache wirkt bei Resi deutlich persönlicher. Hey! Mit Emojis und lockerer Sprache. Und geduzt werde ich auch. Die App hat gemerkt, dass ich etwas länger nicht mehr da war und will mir zur Strafe Push-Notifications unterjubeln. Bei Novi geht es sofort mit trockenen Nachrichten los.

Ich entscheide mich gegen Push-Nachrichten – „Okay, kein Problem“ – und dann geht es auch bei Resi mit Nachrichten los.

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Beide News-Anwendungen haben die Nachricht des Tages richtig gewichtet. Am Dienstag war der Rücktritt des Sicherheitsberaters von Donald Trump das wichtigste Thema. Resi ist zur Zeit viel ausführlicher und bietet auch mehr Interaktion an. Novi bleibt sehr knapp.

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Mit Klickflächen wie „Und was heißt das jetzt?“ wird mir bei Resi angeboten, mich tiefer in das Thema einzulesen. Ich kann auch einen verlinkten Artikel in der Zeit dazu lesen, wenn ich mag. Novi ist schon beim nächsten Thema. Vertiefung ist bis jetzt nicht angesagt.

Danach geht es auch bei Resi zum nächsten Thema.

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Hier geht die Bewertung der Nachrichten schon auseinander. Novi setzt den Anti-Terroreinsatz in Chemnitz an die zweite Stelle. Etwas schwierig, wenn man keine Bestätigung für die Festnahme bekommen konnte. Resi hat sich mit dem angedachten Pfand auf Wein-, Milch oder Schnapsflaschen für das populärere Thema entschieden. Auch hier bietet Resi eine Vertiefung an.

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Auch bei der dritten Nachricht des Tages unterscheiden sich beide Anwendungen. Novi bringt den Merkel-Vorschlag zum Thema Flüchtlinge, Resi vermutet bei den jüngeren Lesern eher Interesse für Tech-Themen und bringt den erneuten Höhenflug der Apple-Aktie. Danach ist bei Novi schon Schluss. Der interessierte Leser wird auf die Tagesschau verlinkt. Weitere Nachrichten und tiefere Informationen kommen erst am Nachmittag.

Bei Resi geht es jetzt dagegen erst so richtig los. Der Tod von Kazim Akboga, der Mord am Halbbruder des nordkoreanischen Diktators, die Rückkehr der Nackten in den Playboy, Disneys eingestellte Zusammenarbeit mit einem Youtube-Star, ein mutiger Tesla-Fahrer und ein gestohlener Pinguin – Resi schickt eine knallbunte News-Mischung ins Rennen. Alles ist liebevoll mit GIFs aufgehübscht. Das macht schon Spaß. Außerdem hat man immer mal wieder die Chance, sich per externem Link noch tiefer in einzelne Themen einzuarbeiten.

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Am Nachmittag folgt Novi mit ähnlichen Themen: Der mögliche Opel-Verkauf, Merkel und Tunesien, Disney und der Youtube-Star, Pfand und ein kleines Häppchen zum Schmunzeln am Schluss.

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Zum jetzigen Zeitpunkt ist Resi deutlich weiter in der Entwicklung als der öffentlich-rechtliche Nachrichten-Bot Novi. Wie gesagt, er befindet sich noch in der Testphase und deshalb ist der Vergleich nicht ganz fair. In Sachen Darstellung und Sprache ist Resi dabei auf einem klaren Weg. Man möchte eine Messenger-Unterhaltung nachstellen – und das gelingt schon ziemlich gut. Für den News-Snack zwischendurch ist Resi eine Alternative.

Für die tiefergehende Beschäftigung mit einem Thema gibt es dazu längere Lesestücke, ein sogenannter „Longread des Tages“. Hier wird eine längere Geschichte verlinkt, die der Redaktion aufgefallen ist. Zum Beispiel eine Story der NZZ aus der Schweiz über eine Frau, die Alte, Kranke und Sterbende pflegte, bis sie selber schwer krank wurde. Oder es gibt Links auf ausführliche Artikel von anderen Medien.

An der Sprache und dem Look wird Novi in den kommenden Wochen noch deutlich arbeiten müssen, wenn man ein ernsthafter Konkurrent sein will. Man hat noch nicht das Gefühl, mit Novi einen Messenger-Dialog zu führen. Dafür ist die Sprache zu steif und trocken. Eher klinisch wie bei der Tagesschau. Ob es für einen öffentlich-rechtlichen Anbieter klug ist, sich so eng mit dem Messenger von Facebook zu verknüpfen, sei mal dahingestellt.

Vielleicht ist ja auch der gemeinsame Konkurrent Quartz der goldene Mittelweg zwischen Resi und Novi. Den gibt es allerdings nur in englischer Sprache.

Foto: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Hamed Saber