Das hat man selten so erlebt. Schon im Vorfeld der heutigen Bekanntgabe der Geschäftszahlen von Rocket Internet trippelten Management und Mitarbeiter einiger Beteiligungen herum wie Hühner auf der Stange. Einige sahen sich sogar genötigt, gegenüber Gründerszene schon einige Details aus dem Geschäftsbericht gerade zu rücken, bevor der überhaupt veröffentlicht war. Vor diesem Hintergrund von Angst zu sprechen, wäre sicherlich zu viel. Aber Selbstvertrauen zu demonstrieren, das sieht anders aus.

Das gilt auch für einen wichtigen Satz, mit dem sich CEO Oliver Samwer heute zitieren ließ: „Das Jahr 2015 ist für Rocket Internet ein Jahr, in dem die Verluste unserer wesentlichen Beteiligungen – wie im September 2015 angekündigt – voraussichtlich ihren Höhepunkt erreicht haben werden.“ Für den früher einmal aggressivsten Mann im Internet sind das auffällig zurückhaltende und defensive Worte, bei denen mehr Hoffnung mitschwingt als Überzeugung. In spätestens einem Jahr wird sich Samwer an dieser Aussage messen lassen müssen.

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Derweil fällt es zunehmend schwer, bei Rocket Internet eine griffige Strategie auszumachen. Hier wird etwas gestartet, dort etwas beerdigt oder verkleinert, anderes dümpelt vor sich hin. Eine echte Spaghetti-Strategie: Mal sehen, was kleben bleibt. Der große Zalando-Nachfolger, den Samwer und Rocket so dringend für ihre Glaubwürdigkeit brauchen, ist weiterhin nicht erkennbar.

Denn der Zutaten-Lieferdienst HelloFresh mit seiner überaus fragwürdigen Milliardenbewertung und dem geplatzten IPO ist es nicht, zumindest noch lange nicht. Selbst wenn für 2015 immerhin 338 Prozent Umsatzwachstum zu Buche standen. Und auch wenn Delivery Hero, in das sich die Firmenschmiede eingekauft hat, tatsächlich eine Erfolgsgeschichte ist – es ist keine, die sich Rocket zuschreiben kann.

Hinzu kommen große Fragezeichen im Portfolio: Der Essenslieferdienst Foodpanda machte 2015 rund 30 Millionen Euro Umsatz – weltweit und mit mehr als 3.000 Mitarbeitern. Dass der Möbelshop Home24 den Vorstand austauscht und sich schon damit rühmen muss, bei der letzten Finanzierungsrunde nicht abgewertet worden zu sein, hilft kaum beim Rockstar-Image. Zu vielen der kleineren Fragezeichen wie dem FinTech-Unternehmen Lendico, der Reinigungskräfte-Plattform Helpling oder dem Gesundes-Essen-Startup Bonativo schweigt sich die Firmenschmiede komplett aus. Auch der Portfoliowert wird wird nicht mehr so detailliert angegeben wie in der Vergangenheit – obwohl Samwer doch mehr Transparenz versprochen hatte.

Dass es keine expliziten „Proven Winners“ mehr gibt, sondern nur noch wichtige Beteiligungen und Fokus-Kategorien, spricht wohl eine deutlichere Sprache als es den Rocket-Chefs lieb sein kann. Um den Betrieb aufrecht zu erhalten, kratzen Samwer und Co. an allen Ecken Kapital zusammen – an der Börse würden sie derzeit auch keines bekommen, die Kurve des Aktienkurses dokumentiert den Vertrauensverlust der Anleger.

Wenig überzeugt hat zudem der geschickt vorab verkündete (Teil-)Exit der asiatischen E-Commerce-Plattform Lazada an den chinesischen Internetriesen Alibaba, so schön der sich auf dem Papier auch machen mag. Bei 700 Millionen Euro Investment kann eine Bewertung von 1,5 Milliarden Euro zum Verkauf der Anteile (und vor dem zugehörigen 500-Millionen-Investment) aus Sicht eines Wagniskapitalgebers nicht zufriedenstellen. Angesichts der enormen Risiken der Investments müssen hier deutlich höhere Quoten her.

Schlagzeilen über Raketen-Startups gab es in den letzten Wochen zuhauf. Am prominentesten vielleicht die spektakuläre Punktlandung einer SpaceX-Rakete auf einem computergesteuerten Drohnenschiff im Meer. Selbst wenn man die Rocket-Ergebnisse ebenfalls als Punktlandung verstehen möchte – „Wir sind voll auf Linie mit den Erwartungen“ –, vom Feuer von einst ist wenig zu spüren. „Eine gigantische Fabrik der Mittelmäßigkeit“, hat es neulich jemand vielleicht etwas provokant formuliert.

Mit dem Spottfinger auf die Berliner Firmenschmiede zeigen sollte man jedoch nicht. Das wäre falsch. Die Rocket-Zahlen sind nämlich trotz aller offenen Fragen erst einmal auch kein Desaster. Dass 2015 keine Gewinne, sondern weiterhin hohe Verluste zu Buche stehen würden, war zu erwarten. Das gehört, so viel Realismus muss sein, in einem gewissen Rahmen auch zum Geschäftsmodell von Rocket Internet und zu den Realitäten junger Digitalunternehmen.

Die Rocket-Ergebnisse des vergangenen Jahres können aber weder beeindrucken noch beantworten sie kritische Fragen. Und damit sind sie vor allem eines nicht: die Erfolgsgeschichte, die Oliver Samwer selbst so gerne erzählen möchte. Und die viele der trippelnden Hühner in den Rocket-Beteiligungen beruhigen würde.

Bild: Catherine Ledner / Gettyimages