Dieser Text erschien zuerst im neuen NGIN-Food-Heft. Hier geht es zum Magazin!

Eigentlich ist die Idee von Rocket Internet simpel: Die Berliner Firmenschmiede gründet oder investiert in Startups und verkauft sie später mit Gewinn. Doch seit dem Börsengang Ende 2014 konnte Rocket keinen nennenswerten Erfolg verbuchen. Das verunsichert die Anleger: Der Aktienkurs dümpelt seit Monaten vor sich hin.

Rocket benötigt also gute Nachrichten. CEO Oliver Samwer hat versprochen, dass sich 2017 eine seiner Beteiligungen an die Börse wagen wird. Aus dem Portfolio kommen da nur die beiden umsatzstärksten Startups in Frage: der von Rocket gegründete Kochboxen-Versender HelloFresh und der Lieferdienst-Vermittler Delivery Hero, in den Rocket mehr als eine halbe Milliarde Euro investiert hat.

Beide Unternehmen vermeldeten jüngst massive Umsatzsteigerungen für das Jahr 2016. HelloFresh, an dem Rocket noch etwa 53 Prozent gehören, setzte knapp 600 Millionen Euro um. Das ist fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Delivery Hero steigerte seine Umsätze um etwa 80 Prozent auf knapp 300 Millionen Euro – und ist zu 40 Prozent in Rocket-Besitz.

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HelloFresh: „Im Moment gibt es keine konkreten IPO-Vorbereitungen“

Eine beeindruckende Entwicklung – gehen Samwers Pläne also auf? Das muss bezweifelt werden. So hat es HelloFresh zum Beispiel alles andere als eilig, an die Börse zu gehen. Nachdem ein erster Anlauf bereits 2015 scheiterte, betont Finanzchef Christian Gärtner im Gespräch mit diesem Magazin: „Im Moment gibt es keine konkreten Vorbereitungen, wir sind ganz klar völlig auf unser operatives Geschäft konzentriert. Mittelfristig ziehen wir aber einen IPO weiter in Betracht.“

Das Problem für Samwer: Sein Einfluss auf das Tochterunternehmen ist begrenzt. Obwohl Rocket Internet HelloFresh vor sechs Jahren selbst gestartet hat, distanzierte sich zuletzt sogar HelloFresh-Geschäftsführer Dominik Richter öffentlich von seinem Haupteigner: „Wir sind HelloFresh, nicht Rocket. Rocket ist einer unserer Investoren.“ Und: „Rocket Internet sitzt bei uns im Aufsichtsrat, verfügt dort aber über keine Mehrheit, sondern hat einen von sechs Sitzen.“

Gut möglich ist zudem, dass HelloFresh vor einem IPO erst die Gewinnschwelle erreichen will. Da sich das Investmentklima zuletzt abgekühlt hat, achten viele Geldgeber verstärkt auf Profitabilität. Hello-Fresh-CFO Christian Gärtner erklärt aber, man rechne noch nicht damit, 2017 profitabel zu werden. Das Startup schrieb im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust über 83 Millionen Euro, was einer negativen Ebitda-Marge von 13,8 Prozent entspricht. „Aber diese Marge wird sich weiter verbessern“, so Gärtner. Mit dem Börsengang ist bei HelloFresh demnach 2017 eher nicht zu rechnen. Einzig ein Erfolg des wichtigsten US-Konkurrenten Blue Apron, der dieses Jahr noch an die Börse strebt, könnte das Startup dazu bewegen, sein Tempo zu erhöhen. Die USA sind ein wichtiger Markt für HelloFresh: Dort macht das Unternehmen mittlerweile mehr als die Hälfte seines Umsatzes und kann es sich nicht leisten, im Wettbewerb zurückzufallen.

Delivery Heros Jahresergebnis lag 2015 bei minus 250 Millionen

Bleibt Delivery Hero. Tatsächlich wird ein IPO des Unternehmens in der deutschen Tech-Szene noch in diesem Jahr erwartet. CEO Niklas Östberg hat die Option immer wieder erwähnt und  zuletzt offiziell angekündigt.

Doch auch die Lieferdienst-Plattform muss ihre Zahlen vorher noch trimmen. Das Unternehmen, das von seinen Investoren mit etwa drei Milliarden Euro bewertet wird, hält sich zwar stets bedeckt, wenn es um seine Verluste geht. Wie der aktuelle Rocket-Geschäftsbericht allerdings offenbart, lag das Jahresergebnis der Beteiligung 2015 bei minus 253 Millionen Euro – während der Umsatz gleichzeitig 166 Millionen Euro betrug. Angaben zum Verlust aus dem Jahr 2016 gibt es bisher nicht. Er dürfte sich aber deutlich reduziert haben, da Delivery Hero diverse unprofitable Geschäftszweige kappte. Und auch hier hat Samwer kaum Druckmittel: Bei Delivery Hero hat Haupteigner Rocket Internet nicht einmal einen Sitz im Aufsichtsrat. Das wurde in den Beteiligungsverträgen schon früh festgelegt. „Oliver Samwer kann Druck machen, wie er möchte“, sagte Niklas Östberg der Wirtschaftswoche. „Ich treffe meine Entscheidung gemeinsam mit allen Investoren.“

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Wie begrenzt Samwers Einfluss ist, zeigte sich bei der Übernahme des Rocket-Ventures Foodpanda durch Delivery Hero Ende 2016. Wie kürzlich bekannt wurde, gab Rocket seinen Anteil an Foodpanda für gerade mal 192 Millionen Euro ab – ein Jahr zuvor stand er noch mit 280 Millionen in den Büchern. Offenbar saß Samwers eigene Beteiligung Delivery Hero bei den Verhandlungen am längeren Hebel.

Samwers IPO-Ziel steht somit auf wackligen Beinen, Delivery Hero macht seinen Börsengang nach wie vor vom Marktumfeld abhängig. Die Geschäftszahlen des Liefer-Unternehmens müssen bei der Road Show erst einmal genügend Investoren überzeugen, damit ein signifikanter IPO gelingen kann, der auch der Rocket-Aktie Aufwind verleiht. Und nicht nur darüber besteht Unsicherheit. Vollkommen ungeklärt ist die Frage, ob eines der in den vergangenen zwei Jahren neu gegründeten Rocket-Startups bald die umsatzstarke Nachfolge zu HelloFresh und Delivery Hero antreten kann.

What’s next?

Dass die aktuellen Hoffnungsträger aus dem Bereich Food kommen, ist mehr Zufall als Planung. Rocket erklärt gegenüber NGIN Food: „Wir sind in vier Fokussektoren aktiv: Food & Groceries, Fashion, Home & Living und General Merchandise. Diese vier Marktsegmente sind für uns gleichsam bedeutend.“ Das einzige Kriterium für eine Gründung sei „die Überzeugung, dass ein Unternehmen skalierbar ist und einen signifikanten Marktanteil erreichen kann“, heißt es weiter.

Immerhin bei drei Geschäftsmodellen im Lebensmittel-Sektor hält Rocket das für möglich: Die Firmenschmiede setzt künftig auf die Fertiggericht-Lieferanten Everdine und EatFirst sowie die Plattform CaterWings, über die Geschäftskunden Caterer bestellen können. Sie scheint derzeit am Weitesten zu sein. Über seine Zahlen verrät das Startup aber wenig. Nur so viel: Nach eigenen Angaben beschäftigt CaterWings 70 Mitarbeiter und ist in Deutschland und den Niederlanden sowie London und Manchester verfügbar. Und: Seit dem Markteintritt Ende 2015 verzeichne man monatlich zweistellige Wachstumsraten. Für ein Rocket-Startup eigentlich ein Muss.

Bild: Chris Marxen für Gründerszene