oliver-samwer-noah-berlin-15-2

Der Rocket-Chef Oliver Samwer auf der Tech-Konferenz Noah

Es scheint fast so, als hätte Rocket Internet die schwierige Zeit voraus gesehen. Vor sechs Monaten kassierte die Berliner Internetschmiede sein Label „Proven Winners“ ein. In dieser Kategorie hatte Rocket seine wichtigsten und umsatzstärksten Beteiligungen zusammengefasst. Gleich zwei dieser Hoffnungsträger traf es seit dem Frühjahr schwer: Die Global Fashion Group und Home24 mussten bei Finanzierungsrunden ihren Wert mehr als halbieren.

Das Gesamtbild der ehemaligen Proven Winners zeigt, dass der Wert (Last Portfolio Value) dieser wichtigen Beteiligungen stark gesunken ist. Das geht aus den offiziellen Rocket-Zahlen vom Frühjahr hervor (Excel-Tabelle). Der Last Portfolio Value gibt den Wert der Ventures bei ihrer letzten Finanzierungsrunde wieder. Zu Hochzeiten lag er insgesamt bei 4,6 Milliarden Euro. Mittlerweile ist der Wert der Beteiligungen um fast eine Milliarde gesunken.

Anzeige
Außerdem kommt die aktuelle Werteinbuße bei Home24 noch dazu. Philipp Kreibohm, Chef des Möbelhändlers, betont zwar, dass es nicht an den eigenen Zahlen gelegen habe, sondern an dem schwierigen Markt. Aber das Möbel-Segment bleibt trotzdem ein Sorgenkind von Rocket Internet. Westwing, der zweite ehemalige Gewinner aus dieser Sparte, kämpft gegen eine schwindende Kundentreue. Der Wert des Unternehmens hat sich innerhalb von mehr als einem Jahr nicht erhöht, wie sich bei der letzten Finanzierung gezeigt hat. Ein schwaches Signal in der wachstumsgetriebenen Rocket-Welt.

Das Warten auf den Börsengang von Delivery Hero

Schnell wird klar, dass bei Rocket Internet alle Hoffnung auf zwei Portfolio-Unternehmen ruht: Delivery Hero und HelloFresh – ein Selbstläufer ist das in beiden Fällen nicht. Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg hat angedeutet, sein Unternehmen womöglich im kommenden Jahr an die Börse bringen zu wollen. Doch was passiert, wenn der Konkurrent Takeaway mit seinem IPO in den kommenden Wochen schlecht abschneidet – oder gar scheitert? Viel länger kann Rocket nicht auf einen Erfolg warten.

Und wie sieht es bei HelloFresh aus, das mit einem Wert von 2,6 Milliarden Euro in der Auflistung steht? Für das Venture soll der geplante Börsengang im Jahr 2015 wegen überhöhter Preisvorstellungen von Oliver Samwer geplatzt sein. Der Rocket-CEO soll eine Unternehmensbewertung von mehr als drei Milliarden gefordert haben. Damals haben die Investoren abgewunken.

Interessant ist, dass sowohl HelloFresh als auch Delivery Hero in den vergangenen Monaten ohne viel Aufsehen neues Kapital bekommen haben. Bei Delivery Hero hatte Gründerszene im Dezember darüber berichtet, wobei das Unternehmen dazu keinen Kommentar abgab. Seitdem folgten einige weitere Kapitalerhöhungen. Zuletzt berichtete das Manager Magazin über einen Millionenkredit, den Delivery Hero zu schlechten Konditionen aufgenommen haben soll. Delivery Hero bestätigte den Kredit, stritt aber schlechte Bedingungen ab. Für HelloFresh ist ebenfalls eine neuere, bisher unbekannte Finanzierungsrunde in der Tabelle von Rocket zu finden. Demnach bekam der Kochboxen-Versender im April 2016 frisches Kapital. Rocket hat dabei seinen Anteil etwas reduziert. Auch bei Home24 ist der Anteil kleiner geworden.

Immerhin: Zwei bessere Nachrichten gab es in den vergangenen Wochen. Rocket Internet konnte für Lazada den E-Commerce-Riesen Alibaba gewinnen und verkaufte das Unternehmen zum Teil. Pizzabo und La Nevera Roja stieß das Unternehmen ebenfalls ab. Auch für den schwächelnden indischen Zalando-Klon Jabong fand das Unternehmen einen Käufer – die Erträge dürften aber weit hinter den Erwartungen zurück geblieben sein.

Der Druck auf Rocket Internet, weitere große Erfolge zu liefern, steigt Tag für Tag – am 22. September werden die Halbjahreszahlen veröffentlicht. Doch erst kürzlich warnte das Unternehmen vor hohen Verlusten. Seitdem geht der Börsenkurs einmal mehr nach unten. Ein Problem, denn für das gesamte deutsche Startup-Ökosystem braucht es nach Zalando endlich ein weiteres Beispiel, welches zeigt, dass Rockets Wachstumswette funktioniert.

Bild: Christina Kyriasoglou/Gründerszene, Hinweis: Der Wert aus dem September enthält die Abwertung von Home24, andere Wertveränderungen sind nicht bekannt.