SAP-Chef Bill McDermott verlor bei einem tragischen Unfall im Sommer ein Auge.

SAP-Chef Bill McDermott ist der größte Optimist unter Deutschlands Managern. Sogar seinen Unfall, bei dem er das linke Auge verlor, begreift der Amerikaner als Inspiration. Im Interview spricht er über seine Rückkehr, seine Freundschaft zu Hasso Plattner und die Vorteile von Geschäften in der Datenwolke.

Der heute 54-Jährige wurde im Alter von 17 Jahren Unternehmer: Er übernahm einen Delikatessenladen in seinem Heimatort Amityville im US-Bundesstaat New York. Beim Kopiererhersteller Xerox stieg er zum Vorstand auf. Seit 2002 arbeitet er für SAP, seit 2010 ist er Vorstandschef.

SAP konkurriert vor allem mit Salesforce und Oracle, die ebenfalls für Firmenkunden arbeiten. Obendrein drängen Amazon, Microsoft und IBM in den Markt, machen aber auch Geld mit Privatkunden. So erklären sich die höheren Umsätze.

Was früher die elektronische Datenverarbeitung, EDV, war, nennt sich heute im Marketing-Deutsch „Big Data“. Auf 160 Milliarden Euro schätzen die Beobachter von Crisp Research den weltweiten Markt für das Jahr 2015. Es gibt drei Teilmärkte. Erstens: Rechner, Datenbanken und Programme, mit denen sich Daten auswerten lassen – das Betätigungsfeld von SAP. Zweitens: Firmen, die diese Technik anwenden, die Daten auswerten und das Ergebnis verkaufen. Und drittens: der Markt für „Sensoren und Netzwerke“, die für die Verbindung von Geräten und Fahrzeugen mit dem Internet sorgen.

Bill, Sie haben bei einem Unfall im Sommer auf tragische Weise Ihr linkes Auge verloren. Wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Wenn man sich so schwer verletzt, dann rät der Körper: Bleib’ sitzen, leg’ dich hin, erhol’ dich. Aber der Wille sagt: Steh’ auf, geh’ raus und lebe! Was ich aus der ganzen Sache gelernt habe, ist: Letztendlich ist der Wille stärker.

Woran haben Sie nach dem Unfall zuerst gedacht: dass Ihre Karriere beendet ist?

Ich habe an meine Frau und meine beiden Söhne gedacht und dass ich für sie da sein muss. Dann an meine Freunde und Arbeitskollegen. Als ich die Operationen und die Reha hinter mir hatte, habe ich gemerkt, wie sehr ich liebe, was ich mache. Ich wollte mein Leben zurück und das tun, was ich tue. Dafür habe ich immer gekämpft, mein ganzes Leben lang. Nach einer Woche Intensivstation war ich zurück bei der Arbeit. Ich durfte wegen der Augenverletzung nicht fliegen, aber alles andere ging. Nach 90 Tagen war ich wieder in der Luft und flog um die Welt. Wirklich weg war ich ohnehin nie.

Wie wirkt sich Ihr Handicap auf Ihr Alltagsleben aus?

Ich weiß heute: Durchblick und Erkenntnis hat man nicht nur durch das, was man mit den Augen sehen kann. Erkenntnis gewinnt man durch Gefühle. Medizinisch gesprochen, habe ich ein Auge verloren, und technisch gesehen, müsste ich Sehprobleme haben. Aber tatsächlich sehe ich jetzt besser als vorher.

Aber nicht mehr dreidimensional.

Mein Freund, der Sänger Tony Bennett, hat zu mir gesagt: Wenn man alt genug ist, dann weiß man, wie man das Leben lebt. Auf mich übertragen heißt das: Die Verletzung hat mich reifer gemacht, ich sehe die Welt heute aus einer anderen Perspektive. Ich betrachte die Verletzung als Möglichkeit, ein inspiriertes Leben zu führen und andere zu inspirieren – und nicht darauf zu schauen, was ich verloren habe.

Ihr Blickfeld hat sich doch sicherlich verändert. Sie müssen doch im Alltagsleben eingeschränkt sein.

Nein. Der Mensch ist unglaublich anpassungsfähig. Wenn ich mir ein Glas Wasser einschenke, schütte ich nichts daneben. Meine Sicht ist nicht beeinträchtigt. Ich habe Glück gehabt.

Als Sie nach Ihrer Verletzungspause im Oktober an Ihren SAP-Schreibtisch zurückkehrten, sagten Sie, dass Ihre Verletzung Sie noch wertvoller für SAP gemacht hätte…

…ja, weil mein Wille und meine Leidenschaft zu leben noch größer geworden sind. Ich bin noch inspirierter zurückgekommen.

Es gibt Leute in Ihrer Umgebung, denen wird vor so viel Unbeugsamkeit ganz bang zumute: Manager fürchten, dass Sie Ihren Härte-Maßstab künftig auch an sie anlegen.

Nein. Ich schreibe meinen Mitarbeitern nicht vor, wie sie ihr Leben zu leben haben. Und ich lebe mein Leben, so wie ich will.

Warum müssen Manager immer die harten Kerle sein?

Ich glaube nicht, dass sie das immer sein müssen. Manchmal sind wir traurig, manchmal fröhlich. Manager sollten unverfälscht sein. Meine Mutter hat immer gesagt: „Der beste Teil an dir bist du selbst.“ Ich glaube, es ist wichtig, man selbst zu sein. Und das bin ich.

Jetzt schreiben Sie ein Buch über Ihr Comeback nach dem Unfall. Zwei Fragen, erstens: warum? Zweitens: Leidet Ihre Arbeit nicht unter der Schriftstellerei?

Nein. Es geht nicht darum, etwas aufzuarbeiten. Ich möchte anderen Menschen etwas geben. Ich bin gefallen – und wieder aufgestanden. Meine Geschichte kann für andere Menschen eine Inspiration sein. Deshalb schreibe ich das Buch.

Sie klingen wie ein Motivationstrainer, und so liest sich auch Ihre Autobiografie „Mein Weg zu SAP“: Ihr berufliches Ziel sei es, „ein Gewinner sein“. Sind Ihre Mitarbeiter davon nicht genervt?

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Ich glaube, dass meine deutschen Mitarbeiter gelernt haben, mich zu schätzen und zu verstehen. Auf der anderen Seite habe ich gelernt, meinen amerikanischen Stil an den europäischen Stil anzupassen. Ich bin ein sehr leidenschaftlicher Mensch. Ich habe immer Schwierigkeiten damit, meine Leidenschaft zu zügeln. Wenn so jemand nach Deutschland kommt, dann wirkt er auf die Deutschen vielleicht zunächst übermotiviert – und deshalb nicht authentisch oder zu amerikanisch. Hier herrscht einfach eine andere Kultur. Meine SAP-Kollegen sehen, dass ich an mir arbeite, und sie sehen, dass ich authentisch bin. Mittlerweile sind wir uns nähergekommen. Zum Beispiel bin ich jetzt schon seit 40 Stunden auf den Beinen. Ich bin aus Dallas, Texas, hierhergekommen, um bei einer Mitarbeiter-Feier dabei zu sein. Das ist mir sehr wichtig.

Wie haben Sie Ihren amerikanischen Stil an Deutschland angepasst?

In Deutschland werden Dinge nicht überverkauft. Die Deutschen sind sehr faktenorientiert, techniklastig. Weniger Wörter, mehr Fakten. Manchmal weniger Energie, mehr Argumente. Manchmal weniger Erklärungen, mehr Untersuchungen. An diese Dinge habe ich mich gewöhnt. Ich glaube, dass ich durchaus ein gewisses Maß an Vision, Strategie und Leidenschaft mitbringe, um SAP stärker zu machen. Und mein amerikanisches Wissen wird dazu beitragen, dass wir amerikanische Firmen schlagen können.

Wie viel Showbusiness braucht das Business?

Ich glaube, die amerikanische Geschäftswelt braucht weniger Show – vielleicht braucht die deutsche aber ein bisschen mehr. Der Mittelweg wäre perfekt (lacht). Ich habe gelernt, dass man mehr erreicht mit weniger Show.

Das sieht Hasso Plattner, der Mitgründer und Aufsichtsratschef von SAP, zweifellos genauso. Wer ist eigentlich der wahre Chef von SAP: Sie oder er?

Es gibt nur einen Hasso Plattner. Es gibt nur ein Innovationsgenie, das damals das Hauptprogramm „ERP“ und jetzt „Hana“ erfunden hat. Er ist der Spiritus Rector unseres Unternehmens. Wir bilden ein großartiges Gespann: Ich respektiere Hasso als Aufsichtsratschef, er respektiert mich als Vorstandsvorsitzender.

Wie häufig sprechen Sie ihn?

Ein paar Mal in der Woche.

Worüber? Große Strategie oder kleinteiliges Tagesgeschäft?

Wir sprechen über strategische Dinge, das große Ganze. Das Tagesgeschäft bespreche ich mit meinen Kollegen im Vorstand.

Wie war der Kontakt zu ihm während Ihrer krankheitsbedingten Auszeit?

Wundervoll. Er hat großen Anteil genommen. Das werde ich nie vergessen.

Sind Sie unabhängig genug? Hand aufs Herz, Plattner dominiert doch alles.

Das ist ein riesengroßes Missverständnis: Ich fühle mich in keiner Weise dominiert. Hasso hat ein großes Herz, er ist ein großartiger Mensch. Unsere Beziehung ist weit mehr als strategischer Natur. Wir können über alles reden, ich brauche nur seine Telefonnummer zu wählen. Hasso ist ein Freund fürs Leben.

Keine Freundschaft fürs Leben hat Sie und den denkwürdigen Technik-Vorstand Vishal Sikka verbunden. Er ist zum indischen Programmanbieter Infosys übergelaufen. In Ihrem Buch schreiben Sie: „Ein Mitarbeiter verlässt nicht sein Unternehmen Er verlässt seinen Manager.“ Warum hat Sikka Sie verlassen?

Er hatte Wünsche, die er nicht mehr bei SAP erfüllt sah. Und er hat recht. Es gibt nur einen Vorstandsvorsitzenden: mich. Ich freue mich für ihn, dass er jetzt bei Infosys ist und seinen CEO-Traumjob gefunden hat. Infosys ist im Übrigen ein wichtiger Partner von SAP. Wir haben eine gute Beziehung.

Spät, aber konsequent setzen Sie auf das Geschäft mit Geschäftsanwendungen in der Datenwolke. Salesforce ist Marktführer. Bei der Cebit im März haben die Amerikaner gleich zwei Hallen gemietet und treten als so genannter exklusiver Event-Partner auf. Salesforce-Chef Marc Benioff behauptet, dass SAP keine Innovationen hervorbringe und ein, wörtlich: „leichtes Ziel“ für Salesforce sei.

Es ist interessant, dass er mehr über SAP spricht als über sich selbst. Tatsächlich ist es Salesforce selbst, das zu wenig Innovationen hervorbringt: Unternehmen wollen mit den Kunden auf jeder Ebene kommunizieren. Sie wollen die Bedürfnisse der Konsumenten und ihr Verhalten im Internet verstehen. Nur SAP hat eine Architektur dafür: unsere Datenbank „Hana“ und die dafür entworfene Anwendung „S4-Hana“. „Hana“ kann Daten in Echtzeit auswerten, in einer Datenbank. Sie können Ihren Daten jede Frage stellen, die Sie wollen. Wenn Salesforce das auch könnte, dann würde ich vielleicht sagen, dass sie innovativ sind. Aber lassen Sie es mich wissen, wenn es so weit ist.

Bild: SAP

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