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Dieser Auszug stammt aus dem Buch „Rückschläge in Siege verwandeln: Wie und was wir aus den Niederlagen der Großen lernen können“. Das Werk von Nadine Schimroszik ist im Finanzbuch Verlag erschienen.

Wer ein Unternehmen gründet, wird vermutlich scheitern. Das ist der Normalfall, der Erfolg ist die Ausnahme. Obendrein muss sich, wer fehlgeht, auf einen anhaftenden Makel einstellen. Außerhalb des Silicon Valleys dürfte es solchen Entrepreneuren schwerer fallen, Kapital einzusammeln. Das Umfeld kann unbarmherzig sein und Gründer stigmatisieren.

Wohl auch darum war es Amazon-Chef Jeff Bezos wichtig, in seinem Aktionärsschreiben eine Bresche für eine offene Fehlerkultur zu schlagen. So wollte er Kritikern an seinem Kurs, beispielsweise Analysten, den Wind aus den Segeln nehmen. Bezos betont darin, dass das Scheitern und die Erfindung untrennbare Zwillinge sind. Der Chef des Online-Händlers aus Seattle muss sich immer wieder vorwerfen lassen, zu viele neue Dinge auszuprobieren und dadurch viel Geld zu verbrennen. Dabei wird noch am ehesten in den USA der positive Umgang mit dem Scheitern gelebt.

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„Rückschläge in Siege verwandeln“, 240 Seiten, 16,99 Euro

Im Silicon Valley gelten Fehler schlicht als notwendig. Wertvoll sind sie allerdings nur, wenn sich auch etwas über die Gründe in Erfahrung bringen lässt. Und diese können vielfältig sein. In der Wissenschaft wird in der Regel von vier möglichen Faktoren gesprochen. So können dies zu viele, sich ändernde oder unklar formulierte Ziele sein, die zu Irritation, unabgestimmtem Handeln, Misserfolg und Frustration führen. Zudem kann das Problem bei der Kommunikation liegen. So können Mitarbeiter Wissen brachliegen lassen, Informationen zurückhalten oder Konflikte schüren. Oder es mangelt an der Unterstützung oder Zuarbeit durch das Management. Darüber hinaus kann es zum Scheitern in Organisationen kommen, weil Vorhaben zu komplex sind, zu lange dauern und zu viele Personen involviert sind. Als Beispiel für Letzteres denken in Berlin derzeit sicher viele Menschen an den Flughafen Berlin Brandenburg, der ursprünglich 2012 fertiggestellt werden sollte und dessen Eröffnung nun auch 2017 nicht stattfindet.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass in Deutschland die Saat der negativen Gefühle gegenüber Fehlern und Scheitern bereits in der Schule ausgebracht wird. So wird Kindern in der Grundschule der Eindruck vermittelt, dass ein Misslingen etwas Schlechtes ist. In den Klassenräumen wird Fehlertoleranz kaum gefördert. Stattdessen wird darauf gedrungen, die Aufgaben des Lehrers ausnahmslos korrekt zu erfüllen. Der Psychologe Olaf Morgenroth fordert eine offenere Lernkultur an den Schulen: „Kinder sollten im Unterricht viel mehr zum Experimentieren nach der Trial-and-Error-Methode angeregt werden.“

Statt sofort jeden Fehler auszumerzen, sollten Lehrer die Schüler probieren lassen. „In einer solch offenen Atmosphäre würden sie erfahren, dass es nicht dramatisch ist, wenn mal was schiefgeht.“

Auch im Berufsleben oder der Ausbildung werden Fehler für gewöhnlich bestraft. Häufig werden sie verschwiegen, um die Karriere oder zumindest das eigene Selbstbewusstsein nicht zu gefährden, schreibt US-Ökonom Tim Harford. Das Abwenden des Misslingens hat mehrere Ursachen. So konzentrieren wir uns lieber auf den Erfolg, agieren voreilig, versuchen übertrieben, uns anzupassen, und verlassen uns zu stark auf die Meinung von Experten.

Diese Gründe mögen vor allem auf Individuen zutreffen, lassen sich aber auch auf Firmen übertragen. So institutionalisieren viele Unternehmen die Angst vor dem Fehler. Projekte werden entsprechend gestaltet, sodass entweder kein Geld oder keine Zeit für Experimente vorhanden ist. Es gibt Boni oder Beförderungen für diejenigen, die sich an den Plan halten. Diese Methoden, die angepasste und firmenkonforme Mitarbeiter belohnen, verhindern aber gleichzeitig neue Entwicklungen. Und damit auch Fortschritt und Innovation.

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Dabei kann die Fähigkeit zu Teamwork, Brainstorming und Teilen von Ideen eine Firma messbar voranbringen, betont die Psychologin Carolin Dweck, die lange an der Columbia Universität in New York gelehrt hat. Eine Umfrage des Beratungshauses Gallup zeigt, dass eine positive Antwort auf die Frage: „Haben Sie bei der Arbeit die Möglichkeit, das zu tun, was Sie am besten tun können?“ Rückschlüsse auf ein ausgeprägtes Engagement und hohe operative Leistung zulässt. Sei es möglich, aus der Masse herauszustechen, ohne Nachteile zu befürchten, könnten Mitarbeiter ihre Stärken wie Neugierde, Lust zu lernen und Beharrlichkeit offenbaren, Verbesserungsmöglichkeiten auftun und Wege vorschlagen.

Ein weiteres verbreitetes und Fehler begünstigendes Phänomen ist Aktivismus. Dieser kann kontraproduktive Handlungen in Situationen bedingen, in denen ausgerechnet das Nichtstun die bessere Option gewesen wäre. Eine interessante Studie von Torwärtern beim Elfmeterschießen zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit, den Ball zu halten, mit 33,3 Prozent am größten ist, wenn der Torwart im Tor verharrt. Dies wird allerdings nur in 6,3 Prozent der Fälle getan. Den Wissenschaftlern zufolge hängt dies damit zusammen, dass es besser aussieht und sich besser anfühlt, dem Ball hinterherzuhechten und dabei zu verpassen, als in der Mitte stehenzubleiben und dem Ball dabei zuzuschauen, wie er vorbeisegelt.

Ähnliches passiert auch in der Geschäftswelt. Dort haben Manager ein größeres Interesse daran, Aufgaben zu verteilen und anzuordnen, als sie zunächst zu planen. Unter Zeitdruck nimmt dieses Phänomen noch zu. Ein Verhalten, das genau wie fehlende Selbstreflexion Fehler fördert und Lernen verhindert.

Es zeigt sich immer wieder, dass bei der Bewältigung von Misserfolgen psychologische Aspekte nicht zu unterschätzen sind. Der Gescheiterte muss es schaffen, sich das Geschehene bewusst zu machen, seine eigene Rolle darin zu erkennen und Konsequenzen zu ziehen. Häufig üben sich auch Vorgesetzte, die mit gutem Beispiel vorangehen sollten, in Vermeidungstaktiken. „Den Erfolg schreiben sie sich selbst zu, die Ursache für Misserfolg aber liegt stets bei den anderen“, sagt Wirtschaftspsychologe Jörg Wirtgen über Topmanager. Da sei dann ein Börsencrash oder eine Wirtschaftskrise schuld, oder Gesetzgebung und Justiz hätten behindert. Bei Machtmenschen sei die Lernfähigkeit „gering ausgeprägt“. Es gebe meist kaum jemanden, der sich ihnen widersetze, auch weil sie sich gern mit Menschen umgäben, die ihre Meinung bestätigten. Sie ergründeten zu selten mit externen Ratgebern, worin ihre Fehler liegen könnten.

In der Unternehmenswelt würde nach Meinung von Wissenschaftlern bereits die Erkenntnis dienen, dass jeder Fehler macht. Zu begreifen, dass man die Erfahrung des Scheiterns mit anderen teile, die später erneut gegründet hätten und dann erfolgreich gewesen seien, könne aus dem Motivationsloch heraushelfen. Es könne dazu beitragen, schädliche Grübeleien einzustellen und die Erholung beschleunigen, um sich nach einer gewissen Pause für ein neues Firmenabenteuer zu begeistern.

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Dafür ist es vor allem nötig, dass Gescheiterte über ihre Erlebnisse sprechen. Hier kommt die sogenannte German Angst ins Spiel, ein Begriff, der vor allem im Ausland geprägt wurde, um das deutsche Lebensgefühl zu beschreiben. Vielleicht auch deswegen gibt es in Deutschland die Anonymen Insolvenzler, ein Netzwerk von bundesweit agierenden Selbsthilfegruppen für von der Insolvenz Betroffene. Der geschützte Raum ist notwendig, damit Leute über ihre Fehler sprechen. In der Außenbetrachtung ist dann wohl auch typisch deutsch, dass es in Köln eine Lampenfieberambulanz für Musiker gibt.

Bild: Getty Images / Hans Neleman