Schöner Scheitern Besse Header

Mybook-Gründerin Antonia Besse

Antonia lacht. Das macht sie ohnehin sehr viel. Für das Interview hat sie zu sich nach Hause im Berliner Dahlem eingeladen. Das Haus: eher Villa als Einfamilienhaus, lichtdurchflutete Räume, Designer-Einrichtung, alles farblich abgestimmt. Nach hinten öffnet sich das Wohnzimmer, dann steht man auf einer kleinen Wiese mit Terrasse, Sesseln und Hängematte.

Auf dem Weg dorthin kickt Antonia ein Paar pinkfarbenen Gummi-Galoschen zur Seite, die die Tür versperren. Sie grinst, entschuldigt sich für die vermeintliche Unordnung. Aber wirklich ernst meint sie es nicht. Hier wird nun einmal gewohnt.

Antonia, dein Startup hat seinen Kunden Bücher-Empfehlungen verschickt. Seit Juni ist die Website tot, Mybook ist Geschichte. Was ist passiert?

Ich habe aus vollster Überzeugung aufgehört.

Du hast aufgehört?

Es ist echt ein Drama.

Antonia Besse lacht. Ja, es geht heute ums Scheitern, ihr Scheitern. Aber sie ist fröhlich. Sie wippt auf ihrem Stuhl herum. Sie freut sich auf das Gespräch.

Wir hatten 120.000 Kunden, die auf Mybook angemeldet waren. Das war an sich super. Das Geschäftsmodell hat funktioniert, es hat allerdings dann doch an der Reichweite gehapert. Wir hätten noch einmal eine Millionensumme ins Marketing investieren müssen. Das wollte der Hauptinvestor Bonnier aber letztlich nicht.

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Und dann gab es da noch einen zweiten Grund: Für mich war das Scheitern auch ein persönliches Scheitern. Alle sagen immer: Kinder, Karriere – das klappt alles, wenn es gut organisiert ist. Das hat für mich einfach nicht gestimmt.

Familie oder Startup – das muss sich doch heute nicht mehr ausschließen.

Auf Bayerisch würde ich sagen: Des is a Schmäh! Ich bin irgendwann völlig verbittert um den Grunewaldsee gelaufen und habe mir gedacht: Ich kriege das nicht hin. Wir hatten drei Jahre lang Au-Pairs, wir haben eine Haushälterin. Es wurde privat an Personal nicht gespart. Und es hat trotzdem nicht funktioniert.

Wann hast du beschlossen auszusteigen?

Final war für mich, als die Schule meiner Tochter Anfang 2015 anrief und sagte: „Carla, die ist hier mit 39,5 Grad Fieber und die sagt, wir dürfen Sie nicht anrufen, weil Sie heute keine Zeit haben.“ Das war bitter. Daran habe ich monatelang herumgeknabbert.

In der Gründungszeit habe ich natürlich an die 60 Stunden pro Woche gearbeitet. Viel Arbeit schreckt mich nicht, aber das war brutal. Auch am Wochenende bin ich in der Früh aufgestanden und hab Verkaufszahlen gecheckt. Waren die nicht gut, war der ganze Tag versaut. Das hat mich mit Haut und Haar aufgefressen.

Wie hast du den Stress verarbeitet?

Ich bin gejoggt. Wie eine Verrückte. Und dann wollte ich – voll schlau – zwei Sachen gleichzeitig machen: Ich hab mir eine Meditations-App ins Ohr gesteckt und wollte beim Joggen meditieren. Die App meinte dann: Mach mal die Augen zu und zähle bis 30. Okay, dachte ich mir, Augen zu!

Was ist passiert?

Es hat mich natürlich über eine Wurzel gehauen. Zwei Bänder sind gerissen. Mein Mann musste mich um halb sieben am Sonntagmorgen aus dem Park abholen. Er meinte dann zu mir: Das geht so nicht mehr.

Wie haben die Investoren reagiert, als du trotz funktionierendem Geschäftsmodell dein Startup verlassen wolltest?

Entspannt waren die nicht. Aber sie haben sich daran gewöhnt. Als ich ausgestiegen bin, haben wir immer noch mit neuen Investoren gesprochen und es gab die gute Chance, dass Mybook das alles auch ohne mich als Gründerin übersteht. Als dann doch die Türen zugesperrt wurden, hat mich das stark getroffen. Ich habe ein Wochenende lang geweint.

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Zwei Jahre hab ich mich kasteit und dann war alles umsonst. Aber ich bin nicht verbittert.

Hat dir das Team das nachgetragen?

Ich glaube, ja.

Das ist einer der wenigen Momente, in denen das allgegenwärtige Lachen aus Antonias Gesicht verschwindet. Sie überlegt, spricht leiser. Das Thema ist ihr nicht unangenehm, aber sie überlegt, ob sie dort Fehler gemacht hat.

Mein Mann nicht, der hat alles live mitgekriegt. Aber das Team, die waren echt überrascht. Die konnten überhaupt nicht verstehen, dass ich familiäre Gründe hatte. Die sind alle superjung. Aber alle sind gut untergekommen. Das war uns wichtig.

Schöner Scheitern: So fühlten sich die Gründer

Was machst du jetzt?

Das mit dem Gründen ist ja leider geil. Ich musste einfach noch einmal anfangen. Ich habe dann Biene Berlin gegründet und mache jetzt Lippenpomaden aus Berliner Kiez-Honig.

Lippenpomade?

Ja, genau! Ich war wegen der Mybook-Investoren oft in Stockholm und habe dort den Trend der ökologisch wertvollen Kosmetik mitbekommen. Und da dachte ich mir: Beauty? Voll super! Im November soll nun mein erstes Produkt auf den Markt kommen. Der Honig kommt aus Berlin Mitte.

Du hast Mybook wegen zu wenig Familienzeit aufgegeben. Nun gründest du wieder. Was ist dieses Mal anders?

Ich habe mein eigenes Geld investiert, bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich bestimme was ich mache und wann ich es mache. Es macht super Laune, weil ich alles selber mache – bis auf das Zusammenrühren der Pomade.

Wenn du heute Gründer siehst, die sind, wo du schon warst, was würdest du ihnen raten?

Für die Männer kann ich nicht sprechen. Und ich weiß, dass Gründerinnen immer sagen, dass es funktioniert mit dem Privatleben. Ich wäre da vorsichtig.

Sie sagt das ohne Bitterkeit, aber vorsichtig. Antonia Besse grübelt, überlegt sehr sorgfältig über die nächsten Worte.

Ich habe die Erfahrung gemacht: Irgendwann musst du dich entscheiden. Du kannst als Frau auch prima auf Karriere setzen. Aber dann steht nun einmal alles andere zurück. Ich habe mich anders entschieden.

Bild: Michel Penke