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Er war einer der ersten auf dem Markt: Zusammen mit Kevin Marcuse gründet Jan Radoch 2008 Brandcatcher, einen Online-Shop für Streetware-Kleidung. Im gleichen Jahr geht auch Zalando online. 20 Mitarbeiter arbeiten 2014 für Brandcatcher – als das Startup in die Krise gerät. Schon im Sommer ist klar: Nach fünfeinhalb Jahren geht es nicht weiter, Brandcatcher ist insolvent.

Jan, ihr habt so lange durchgehalten – warum das plötzliche Ende?

Wir haben viel zu spät angefangen, nach Investoren zu suchen. 25.000 Euro hatten wir als Startkapital von der Familie und Verwandten eingesammelt. Später kamen noch einige private, kleine Geldgeber hinzu. Nicht viel Kapital, wir sind, anders als Zalando, immer organisch gewachsen.

Als uns 2013 endlich klar wurde, dass wir Investoren brauchen, war es zu spät. Die Investoren haben damals nach neueren Ideen – wie zum Beispiel Outfittery – gesucht. Unser Geschäftsmodell aus 2008 war 2013 schon nicht mehr innovativ genug für ein Investment.

Warum brauchtet ihr 2013 nach mehr als vier gebootstrappten Jahren Investoren?

Im eCommerce-Geschäft hast du immer das Liquiditätsproblem. Du musst Waren auf Vorrat kaufen – und das gleich in großer Stückzahl. Dafür brauchst du viel Cash. Wenn dann Retouren kommen, frisst dir das ganz schnell deine Marge auf. Auch wenn du eine super Quote von nur 20 Prozent hast.

Wir brauchten im ersten Quartal 2014 dringend einen Investor. Doch der blieb aus. Ich habe dann sehr, sehr sparsam gelebt und mich stark eingeschränkt.

Was heißt das konkret?

Solange du ein Dach und was zu essen hast, kannst du überleben.

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Das klingt hart.

Ich habe sehr lange Zeit mit meiner Freundin im Haus ihrer Eltern gewohnt – quasi in ihrem Kinderzimmer. Aber ganz ehrlich: Wenn du Ende Zwanzig bist und siehst, was sich deine Studienkollegen aufbauen, während du bei den Eltern deiner Freundin wohnst, ist das bitter.

Außerdem habe ich von sieben Uhr morgens bis 21 Uhr gearbeitet. Da bleibt das Privatleben auf der Strecke. Ich habe definitiv mehr Zeit mit meinem Startup verbracht als mit meiner Freundin. Brandcatcher war quasi meine zweite Freundin.

Und das über Jahre?

Ich habe auch mal eine Woche Urlaub gemacht. Das Geld kam dann aber von meinen Eltern.

Wie war die Stimmung im Sommer 2014 kurz vor dem Ende?

Wir haben uns immer wieder morgens hingesetzt und uns zehn Minuten angeschwiegen. Vielleicht länger. Dann haben wir darüber geredet, wie die Lage ist: Was sagen die Zahlen? Dann hat jeder überlegt, was wir anders machen können. Doch jeder wusste, dass wir nichts mehr machen konnten.

Am Ende waren die Mühen umsonst. Brandcatcher musste nach fünfeinhalb Jahren Insolvenz anmelden. Hast du dich betrogen gefühlt?

Nein, nicht betrogen. Es war hart, klar. Eine Insolvenz ist nichts Schönes. Davor war es aber eine aufregende Zeit. Außerdem gehst du ja nicht mit nichts raus. Die Erfahrung kann dir keiner mehr nehmen. Ich sage immer: Brandcatcher war mein Harvard. Es hat ähnlich viel gekostet und ich habe vergleichbar viel gelernt. Heute sehne ich mich manchmal nach der Zeit zurück. Möglich, dass ich das etwas romantisiere.

Schöner Scheitern: So fühlten sich die Gründer

Wolltest du schon immer Gründer werden?

Ich hatte zwei Jahre in den USA gelebt und dort sehr viel Kontakte zu jungen Unternehmern. Als ich nach Deutschland zurückkam, dachte ich mir, da musst du doch auch etwas machen. Ich hatte in dem Bereich eCommece zuvor nie etwas gemacht – höchstens mal einen Verkauf auf Ebay.

Trotzdem habe mit einem Kumpel angefangen, den Shop aufzubauen – ganz stilecht in einer Garage als der Markt noch nicht so besetzt war. Ich bin niemand, der von zuhause aus viel Geld mitgekriegt hätte. Wir haben uns das Stück für Stück erarbeitet.

Hast du heute noch etwas von Brandcatcher übrig behalten?

Ich habe noch eine alte Kiste im Keller mit alten Katalogen von Kollektionen. Und ein Plakat von Steve Jobs mit dem Spruch „Quitters never win & winners never quit“, das ich damals im Büro hängen hatte.

Wie hast du nach der Insolvenz weitergemacht?

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Ich habe als Berater für eCommerce bei Axel Springer angefangen. Nach zwei Jahren wollte ich dann wieder zurück in die Startup-Welt und bin seit dem vergangenen Jahr bei dem Produkt-Inkubator von Ströer. Das wirst du jetzt sicher gerne hören – der Kontakt lief damals über jemanden, den ich auf der Spätschicht von Gründerszene getroffen hatte. Damals ging es um ein Investment, später habe ich über diese Kontakte den Job gekriegt.

Wie reagieren die Menschen, wenn sie von deinem gescheiterten Startup hören?

Ich persönlich bin da durch meine Zeit in den USA geprägt. Fail your way forward – wie die Amis immer sagen. Aber in Deutschland habe ich schon gemerkt, dass Scheitern nicht selten mit Versagen gleichgesetzt wird. Es gab Leute, bei denen habe ich gespürt, dass sie nicht mit mir zusammenarbeiten wollten. Der Grund: Der ist schon mal gescheitert, der wird wohl wieder scheitern.

Eine Insolvenz ist sicher nicht toll. Aber sie macht keinen Versager aus dir.

Bild: Jan Radoch