Deutsche werden immer älter und bleiben länger gesund – so entdecken mehr und mehr Startups und Digitalunternehmen Senioren als Zielgruppe für ihre Geschäfte. Die Ideen könnten dabei helfen, die Umstände für Arbeit, Reisen oder Pflege zu verbessern. Seit gestern ist beispielsweise das Portal Senioren-WG-finden.de online: Wie der Name schon sagt, soll die Seite es Senioren ermöglichen, eine passende Wohngemeinschaft zu finden. Macher ist WG-Suche.de, das ImmobilienScout24 betreibt.

Auf dem neuen Portal können Senioren Wohnungsinserate aufsetzen oder nach passenden Mitbewohnern suchen. Um den Zugang möglichst leicht zu machen, haben die WG-Suche.de-Gründer Carsten Wagner und Natascha Wegelin versucht, die Seite so einfach wie möglich zu halten. Klickt man sich durch die Seite, gibt es nur wenige Felder für Eintragungen, die Schrift ist groß.

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Die Gründer sehen viele Vorteile in ihrem Projekt: So könne man in Senioren-WGs selbstbestimmt, aber nicht alleine leben, und sich gegenseitig unterstützen. Wenn nötig sei es einfacher, gemeinsam einen ambulanten Pflegedienst zu organisieren. „Wir haben das Senioren-WG-Portal realisiert, weil wir uns die Frage gestellt haben, wie unsere Eltern und auch wir selbst einmal wohnen werden“, sagt Mitgründer Wagner. „Aus Gesprächen mit älteren Personen aus unserem Bekanntenkreis haben wir herausgehört, dass viele dem Konzept WG sehr offen gegenüberstehen. Denn diese Wohnform ermöglicht es, auch im Alter unabhängig zu bleiben“.

Ein weiterer Vorteil sei laut Unternehmen außerdem, dass die Wohnkosten geteilt werden könnten. Das kann eine entscheidende Rolle spielen: Erst vor zwei Tagen berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass das Risiko der Altersarmut weiter steige und die Kaufkraft der Rentner in den vergangenen 15 Jahren deutlich gesunken sei. Demnach hätten sich beispielsweise die noch zu versteuernden Renten von 2000 bis 2014 in den alten Bundesländern um 15,9 Prozent und in den neuen um 22,9 Prozent erhöht. Im gleichen Zeitraum seien die Preise um 24,4 Prozent gestiegen – und hätten damit den Zuwachs mehr als zunichte gemacht.

Urlaube und der Pflegemarkt

Wagner und Wegelin setzen also beim Geld sparen und der Gesellschaft im Alter an. Bei Themen wie Reise, Arbeit und Pflege suchen weitere Digitalunternehmen nach Lösungen. Zum Beispiel das Berliner Startup Commitmed.

Die Firma hat sich mit ihrem Produkt „Pflegebox“ auf den Pflegemarkt spezialisiert – und dafür bereits mehrere Millionen Euro in den vergangenen zwei Jahren unter anderem von der IBB Beteiligungsgesellschaft, dem Versandhaus Klingel und Privatinvestorin Susanne Porsche eingesammelt. Die Idee: Die Pflegebox wird Angehörigen nach Hause geschickt und beinhaltet Produkte wie Handschuhe, Desinfektionsmittel und Bettschutzeinlagen. Was viele Angehörige laut Mitgründer und Geschäftsführer Jörg Zimmermann nicht wissen, ist, dass Krankenkassen die Kosten für solche Materialen von bis zu 40 Euro im Monat übernehmen. Sein Startup will das bekannter machen und den Angehörigen bei der Abrechnung helfen.

Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen bereits mehr als 10.000 Kunden. Zimmermann plant, sein Angebot zu erweitern. Künftig will er mehr Information und Beratung anbieten. Zum Beispiel gibt es seit Anfang Februar einen sogenannten Pflegerechner online: Mit dem sollen Angehörige berechnen können, wie viel Geld ihnen aus der Pflegeversicherung zusteht. „Dem Rechner liegt ein komplizierter Algorithmus zugrunde. Es ist vorstellbar, ihn Partnern als Lizenzmodell anzubieten“, erklärte Zimmermann damals im Gespräch mit Gründerszene.

Einem Tabu-Thema widmet sich Gründerin Gabriele Paulsen: Erotik im Alter. Sie stellte die Idee gestern bei der TV-Sendung Kampf der Startups vor: Mit ihrem Unternehmen Nessita vermittelt Paulsen Sexualassistenten, die ihre Firma selbst coacht, an immobile Menschen. Dabei geht es nicht um Sex, sondern körperliche Nähe und Zuneigung für Senioren, die nicht mehr so können, wie sie wollen – weil sie beispielsweise in Pflegeheimen leben. Geld verdient die Gründerin über Provisionen für die Vermittlung.

Reisen und die „Häkel-Omis“

Die Geschäftsmodelle der Senioren-Startups beschäftigen sich allerdings nicht nur mit Immobilität und Pflege. Das slowenische LinkedAge, das auch an der fünften Runde des Plug-and-Play-Accelerators von Axel Springer teilnahm, hat sich beispielsweise auf Reisen spezialisiert. Auf der Plattform können Senioren nach altersgerechten Hotels auf der ganzen Welt suchen. Gründer Tomaž Lorenzetti gab im Januar beim Demo Day des Accelerators an, mit Hotels in 20 Ländern zu kooperieren.

Einige Startups richten sich außerdem an Rentner, ohne ihnen etwas verkaufen zu wollen. Sie beschäftigen Senioren und beide Seiten sollen davon profitieren. Bei dem Pariser Startup Mamy Factory, das nach eigenen Angaben Kunden in ganz Europa hat, stricken Rentnerinnen zum Beispiel Kinderkleidung. Die vertreibt Gründerin Stéphanie Leone dann über ihren Online-Shop für nicht gerade wenig Geld. Wie viel davon an die Rentnerinnen geht, verrät die Gründerin nicht. Für ein volles Einkommen reiche es nicht aus, da die Frauen pro Stück und nicht nach Zeit bezahlt würden.

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Auch in Deutschland gibt es einige Handarbeit-Startups, die Selbstgemachtes von Rentnern über ihre Online-Shops verkaufen. Das Fürther Startup MyOma vertreibt zum Beispiel handgestrickte Mützen, Schals, Socken sowie Wolle und Strickbücher. Das Jungunternehmen MyBoshi von Thomas Jaenisch und Felix Rohland hat nach eigenen Angaben in den vergangenen fünf Jahren 80.000 handgehäkelte Mützen verkauft. Die Firma liefert mittlerweile auch Wolle und DIY-Häkel- und Strick-Sets in 15 Länder. Das bayrische Startup beschäftigt rund 30 „Häkel-Omis“, die mit der Arbeit ihre Rente aufstocken können.

Mobile Rentner will auch das Portal Rent a Rentner vermitteln. Unter dem Motto „Zu gut für den Ruhestand“ bringt die Seite Rentner mit Kunden zusammen, die beispielsweise für Hilfe im Garten, beim Kochen, Reparaturen oder Hundebetreuung zahlen.

Doch warum nur wieder für andere arbeiten? Es gibt auch Rentner, die sich entscheiden, selbst gründen. Wie Hermann Stengele, der sich wohl auch zu gut für den Ruhestand fand. Der langjährige Sparkassenvorstand gründete seinen Bezahl-Dienstleister GiroSolution im Jahr 2011, als er 60 Jahre alt und pensioniert war. Vor kurzem kam der Exit an die Sparkasse – der Stengeles Rente ordentlich aufgebessert haben dürfte.

Bild: Westend61 / Getty Images;  Axel Springer ist Gesellschafter der Vertical Media GmbH, dem Medienhaus von Gründerszene. Weitere Informationen zur Vertical Media GmbH hier: www.vmpublishing.com.