Siemens sucht Startups

Siemens steht für Züge, Medizintechnik, Windkraftanlagen, Gasturbinen und vieles mehr. Siemens steht auch für einen Großkonzern, der in über 200 Ländern aktiv ist und mit viel bürokratischem Aufwand gelenkt wird – und das ist bekanntlich kein gutes Umfeld für innovative Ideen, die schnell umgesetzt werden sollen.

Werner von Siemens

Eine eigenständige Unternehmenstochter soll jetzt Abhilfe schaffen. Next47 heißt sie, eine Anspielung auf das Jahr 1847, als Werner Siemens und Johann Georg Halske den Vorläufer der heutigen Siemens AG in Berlin gegründet haben. Mit Next47 bündelt der Konzern nun alle Aktivitäten, mit denen er bisher Startups unterstützt hat. „In den vergangenen 20 Jahren hat das Unternehmen mehr als 800 Millionen Euro in rund 180 Startups investiert“, sagt Unternehmenssprecher Yashar Azad. Der neuen Einheit stehen in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Euro zur Verfügung, um innovative Projekte zu fördern: „Danach ziehen wir Bilanz und denken über weitere Finanzierungsrunden nach.“

Für Next47 wurden 100 Mitarbeiter aus dem Bereich Corporate Technology und der Tochter Financial Services ausgegliedert. Sie sitzen vor allem in den Zentralen in München, Berkeley und Schanghai und später auch in Boston, Tel Aviv und Peking. Ab Oktober beginnen sie mit dem operativen Geschäft.

Gesucht werden Ideen für Kernbereiche des Siemens-Portfolios: für die dezentrale Elektrifizierung, vernetzte Mobilität, Blockchain-Anwendungen, autonome Maschinen und künstliche Intelligenz. Sie können intern von Mitarbeitern oder extern eingereicht werden. Und sie dürfen disruptiv sein und bestehende Geschäftsmodelle angreifen. Gefragt sind auch Moonshots, also Projekte, die erstmals verrückt klingen, aber viel Potenzial bieten. Doch komplett ohne Einschränkungen geht es nicht: „Wir investieren nur in Bereiche mit Zukunftsperspektive und nicht in Spielereien“, sagt Azad. Wie bei einem klassischen VC entscheidet ein Gremium darüber, welche Projekte förderungswürdig sind und welche nicht: „Wir fragen uns bei jedem, wo der Mehrwert für Siemens liegt.“ Das Ziel: keinen Trend mehr zu verpassen.

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Wie sich das anfühlt, musste der Konzern laut Siemens-Chef Joe Kaeser Ende der 80er Jahre erleben. Zu der Zeit klopften drei junge Männer aus Kalifornien bei Siemens an. Sie arbeiteten daran, das Telefonieren über das Internet zu ermöglichen. Ihr damals noch recht unbekanntes Unternehmen hieß Cisco Systems. Die Gründer boten eine Zusammenarbeit mit neuer Internettechnologie an. Aber Siemens lehnte ab. Ein Fehler, denn Internettelefonie boomte, Cisco wurde zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt. Und Siemens verlor seine Vorherrschaft bei der mobilen Telefonie. „Wir verschliefen so einen Paradigmenwechsel und das soll uns in Zukunft nicht mehr passieren“, sagt Azad.

Ein erster Kandidat für die Next47-Finanzierung steht schon fest: Gemeinsam mit Airbus arbeitet Siemens an hybrid-elektrischen Antrieben für Flugzeuge. Ein dreistelliger Millionenbetrag ist dafür eingeplant. Wie viele Geschäftsmodelle Next47 insgesamt fördern soll, ist allerdings noch unklar. „Das kommt auf den Kapitalbedarf der einzelnen Projekte an“, sagt Azad.

Neben finanzieller Unterstützung will Siemens den Gründern mit Expertise zur Seite stehen. „Bei uns im Haus arbeiten allein in Deutschland beispielsweise 600 Anwälte, die rechtliche Fragen klären können“, sagt Azad. Außerdem könnten die Gründer von den landesspezifischen und globalen Kenntnissen des Großkonzerns profitieren. Ein geringer Preis für zukunftsweisende Ideen.

Artikelbild: CHRISTOF STACHE / Gettyimages; Foto: Science & Society Picture Library / Gettyimages; Facebook-Bild:  JOHN MACDOUGALL