Karawane

Die Karawane zieht weiter

San Francisco ist das neue Valley

Endlich ist es passiert“ titelte Anfang September das Stadtblog SFist, als ein Tech-Shuttlebus mit einem der historischen Straßenwägen San Franciscos zusammenstieß. Der Unfall symbolisierte das, was viele Einwohner der Stadt denken: die Invasion der „Tech People“ ruiniert die Stadt an der Bay. San Francisco wird immer mehr zu Silicon Valley, während sowohl die Nord- als auch die Süd-Region der Bay Area mit sozialen Problemen kämpfen.

Als ein TV-Sender im vergangenen Herbst die Reality Show „Startups: Silicon Valley“ ausstrahlte, war die Community empört – nicht nur wegen der Kommerzialisierung und der damit verbundenen klischeehaften Inszenierung, sondern besonders weil die Hälfte der Besetzung nicht in der Gegend um Palo Alto oder Mountain View wohnte, sondern in San Francisco. Dabei beschreibt der Begriff „Valley“ immer weniger die Region, die eine knappe Fahrstunde von San Francisco entfernt ist. Bekannte Unternehmen wie Twitter und Square haben sich vor Jahren schon in der Stadt angesiedelt. Zudem locken die Stadtpolitiker mit Steuervergünstigungen für Startups, die sich hier niederlassen.

Kürzlich veröffentlichte Daten zeigen, dass in der Metropole mittlerweile mehr Venture Capital investiert wird als in der South-Bay-Region. Auch wenn andere Analysten die Zahlen differenziert interpretieren, ist die steigende Bedeutung erkennbar. Bezeichnend ist auch, dass der „Godfather of Silicon Valley“ Ron Conway im vergangenen Jahr die Initiative sf.citi gestartet hat und somit die Stadtentwicklung unterstützt. Bürgermeister Ed Lee verkündete bei der TechCrunch Disrupt, dass die Zahl der Tech-Firmen 2012 um 3,6 Prozent auf 1.892 gestiegen sei. Zudem wurden 45.493 zusätzliche Jobs in der Branche geschaffen. In einer Stadt mit 800.000 Einwohner ein beachtlicher Anteil. Selbst die Fachkräfte, die in Silicon Valley arbeiten, ergreifen die Landflucht – möglich machen das die zahlreichen privaten Shuttle-Busse, die die Region mit der Stadt verbinden.

Zwischen Luxus-Haus und Straße

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Ein Haus in Silicon Valley kostete im Juli 2013 durchschnittlich eine Million US-Dollar. Und während die Investment-Summen steigen, steigen auch die Obdachlosen-Zahlen. Das „Homeless Camp“ in San Jose beherbergt 175 Personen. In San Francisco sieht die Situation ähnlich aus. Während die Stadt schon seit Jahrzehnten ihr Obdachlosen-Problem nicht in den Griff bekommt, sind die Mieten besonders in den vergangenen Jahren extrem angestiegen. Ein Ein-Zimmer-Apartment kostete diesen Sommer durchschnittlich 2.800 US-Dollar im Monat. Der teuerste Bezirk ist das Startup-Viertel SoMa  mit 3.495 Dollar Durchschnittsmiete. Faktoren wie Shuttle-Stationen oder Caltrain – der Zug ins Silicon Valley – in der Nähe treiben die Preise hoch. Für den normalsterblichen Einwohner San Franciscos, der kein Jahreseinkommen von mehr als 100.000 US-Dollar hat, ist der Ort nahezu nicht mehr zu finanzieren.

Stadt der Singles

In San Francisco leben mehr Hunde (120.000) als Kinder (107.000). Darauf reagiert auch die Immobilienbranche. Zahlreiche Wohnhäuser werden derzeit gebaut, die meisten davon nur mit Studios und Ein-Zimmer-Wohnungen. Nachhaltig ist das nicht, und so werden Familien weiterhin stadtauswärts flüchten. Reiche Haushalte siedeln sich um Palo Alto an, Familien mit geringeren Einkommen ziehen in die East Bay. Hier schließt sich der Kreis: Während sich in San Francisco derzeit junge Techies tummeln und die hohe Dichte an Bars und Restaurants ausnutzen, lassen sich etablierte Unternehmer mit Familie (und Tesla) im Valley nieder.

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Ist San Francisco also das neue Silicon Valley? Nein – zumindest nicht nur. Die Tech-Industrie breitet sich mittlerweile auf die ganze Bay Area aus. Auch in Oakland entwickelt sich aktuell ein Startup-Hub. Genauso wie die Startup- und Digital-Branche mittlerweile alle anderen Sektoren beeinflusst, hat sie auch Auswirkungen auf die Lebensräume. Es ist das Ende des Silicon Valley, wie wir es bisher kannten, aber es ist ein Anfang dessen, was viele hier als neue industrielle Revolution bezeichnen.

Dieser Artikel ist Teil unseres sechswöchigen Themenspecials zum Valley Camp. Wir fliegen im Oktober nach San Francisco, um für euch von dort zu berichten – wer mitfliegen will: alle Infos hier.

Bild: Neal J. Wilson / Gettyimages