SmartNews-People bei der Eröffnung des neuen Büros in San Francisco

Wie bringe ich die Nachrichten an meine mobile Leserschaft? Die überwiegende Zahl der jungen Leute in den USA informieren sich inzwischen laut einer Umfrage auf Facebook. Aber CEO Mark Zuckerberg hat gerade entschieden, dass Mitteilungen von Freunden oder aus der Familie vom Facebook-Algorithmus in Zukunft höher gerankt werden als die Inhalte von Medienunternehmen. Es könnte also wieder etwas mehr Luft für Spezialisten geben, die sich auf einen reinen Nachrichtenmix konzentrieren.

Was kann das Alleinstellungsmerkmal sein?

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Ein Player in dieser Nische ist SmartNews. Das japanische Startup arbeitet laut eigenen Angaben mit mehr 1.500 Publikationen zusammen. SmartNews will durch Analyse der Lesegewohnheiten seiner Kunden einen passgenauen Nachrichtenstrom erstellen und hat gerade in einer Serie-D-Finanzierungsrunde 38 Millionen Dollar eingesammelt. Leadinvestor war die Development Bank of Japan. Der Bewertung des Unternehmens ist damit auf satte 500 bis 600 Millionen Dollar gestiegen.

Aber was kann in Zukunft das Alleinstellungsmerkmal einer Nachrichten-App sein? Der Kampf gegen die Konkurrenz von Apple News, Upday, Flipboard, Nuzzle, Quibb oder New York Times Now ist hart. Was bietet SmartNews, um sich durchzusetzen und bislang mehr als 20 Millionen Downloads zu generieren und 10 Millionen wiederkehrende Leser alleine in Japan an sich zu binden?

Chefjournalist statt Chefredakteur

Bei SmartNews kümmert sich ausschließlich ein Algorithmus um die Zusammenstellung des Nachrichtenstroms. Die Konkurrenz von Facebook, Upday oder Apple News beschäftigt außerdem Journalisten, die an der Zusammenstellung beteiligt sind. Rich Jaroslavsky von SmartNews sagte dem Online-Magazin Techcrunch: „Mein Job-Titel ist ,Chefjournalist’. Und wir haben uns aus einem speziellen Grund ganz bewusst gegen die Bezeichnung ,Chefredakteur’ entschieden: Es geht aber bei uns nicht darum, Geschichten auszuwählen, sondern mit Programmierern zusammen zu arbeiten, um den Algorithmus schlauer zu machen, damit er bessere Geschichten findet.“ Aber ist das wirklich ein Vorteil? Upday wirbt zum Beispiel damit, dass immer auch Journalisten an der Kuratierung der Storys beteiligt sind.

SmartNews bietet außerdem eine sogenannte Smart-View-Funktion, die ähnlich wie Googles Amp oder Facebook Instant Articles für blitzschnelle Ladezeiten der Artikel sorgen soll. Bei unserem kurzen Test funktionierte das meistens gut. In einigen Fällen klappte es allerdings nicht störungsfrei.

Facebook ist in Japan nicht sehr populär

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Das Angebot von SmartNews ist in die Rubriken „Top“, „Entertain“, „World“, „Biz“, „Tech“ und „Science“ unterteilt. Die Reihenfolge kann der User selber festlegen. Dazu gibt es einen Reiter „Social“. Wenn der Leser seinen Twitteraccount mit der App verknüpft, erscheinen hier Geschichten, die häufig in seinem Netzwerk auf Twitter geteilt werden. Dazu kann man sich eigene Reiter nach thematischen Vorlieben oder bevorzugten Medien anlegen. Geld verdient das Startup mit Anzeigen. Zumindest in Japan. In anderen Märkten soll die App werbefrei bleiben. Medienpartner erhalten nach Angaben der Firma 100 Prozent der Werbeeinnahmen, der Nutzerdaten und des Traffics.  Der User wird nach einem Klick auf die Seite des Anbieters weitergeleitet.

Auf den ersten Blick ist der Mehrwert von SmartNews gegenüber der Konkurrenz nicht erkennbar. Das Angebot kommt schlank, sauber und schnell daher und macht Spaß. Das kann die Konkurrenz aber auch. Ziel ist es, automatisch die 0,01 Prozent der verbreiteten Nachrichtengeschichten zu identifizieren, die im Moment wirklich relevant sind. Das Geheimnis des Erfolges scheint aber eher zu sein, dass Facebook in Japan nicht so populär ist wie in meisten anderen Teilen der Welt. Twitter hat dort inzwischen mehr Nutzer. Mit dem Geld aus der Finanzierungsrunde will SmartNews jetzt sein Geschäft in den USA ausweiten. Und dann werden wir sehen, ob sich das News-Startup wirklich weltweit gegen die scheinbar übermächtige Konkurrenz durchsetzen kann.

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