Smart TV Apps

Die Zukunft des Fernsehens

Im deutschen Wohnzimmer tobt die Schlacht um die Vorherrschaft über das TV-Gerät: Verknöcherte Fernsehsender wurden von der Second-Screen-Welle überrollt und versuchen, mit HbbTV aufzuholen, während die Hersteller Smart-TV-Geräte in den Markt drücken. Die Zukunft des Fernsehens liegt sicher in der intelligenten Verknüpfung von TV-Inhalten mit Internet-Angeboten: Die Werbung für das neue Bond-Phone soll genau
dann erscheinen, wenn der Agent gerade damit telefoniert. Und während des Berichtes über namibische Innenpolitik wäre ein Spendenformular nicht schlecht.

Der naheliegendste Ansatz wird unter dem Namen HbbTV entwickelt: Internet-Adressen werden synchron mit dem Fernsehbild ausgestrahlt und führen zu passgenauen Mehrwerten. Das Verfahren entwickelt sich allerdings im Schneckentempo, auch weil Sender undRundfunkbehörden mitspielen und in üblichem Tempo den Takt angeben.

Das zweite Gesicht

Seit nach der breiten Einführung von Tablets klar wurde, dass weit über die Hälfte aller Nutzer parallel zum TV-Konsum iPad oder Smartphone bedienen, haben findige Startups viel schneller reagiert: Warum nicht einfach auf diesem zweiten Bildschirm, dem Secnd Screen, zur jeweiligen Sendung passende Angebote auftischen? Da kommt zum Beispiel das gute alte Shazam wieder ins Spiel, das schlicht dem Fernseher lauscht und per Abgleich mit den Audio-Streams der Sender das angeschaltete Programm herausfindet.

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Als Baustein in eine App eingebaut, kann ganz schnell zum Beispiel die Werbung zum Agenten-Telefon den Weg auf den iPad-Schirm finden. Mälzer kocht Farfalle? – Findet die Rezept-Datenbank bestimmt interessant! Das Konzept funktioniert so gut, dass zugesteuerte Werbung von den Konsumenten eher als Mehrwert wahrgenommen wird – sagt eine Studie des Marktforschungsinstitutes BI Intelligence. Und eine Aktion des Otto-Versands scheint das zu bestätigen: Es wurden Produkte verlost, die in einem Werbespot zu sehen waren – auf 360.000 Adviews kamen 10.000 Adclicks.

Social TV

Es liegt natürlich nahe, rund um Fernseh-Programme ganze Communities aufzubauen. Die Sender tun es und einige Startups tun es auch. Zum Beispiel Couchfunk oder Zapitano (www.zapitano.com) versuchen, die Fans von Til Schweiger am Sonntagabend auf ihre Seiten zu lenken, um dort mit anderen Fans den Tatort zu diskutieren, Hintergrundinformationen zu bekommen oder Sendungen zu bewerten. Die Hersteller der Smart-TVs, allen voran Samsung, bauen ihrerseits Social-TV-Apps in die Geräte ein, mit denen direkt zum Beispiel zur Sendung getwittert werden kann.

First Screen – Vorteile?

Dabei scheint sich der große Vorteil des „first screen“ zu zeigen: Mehrwerte zum Programm können ohne Medienbruch genutzt werden. Schon wieder ein Grammatikfehler beim Schweiger? – Knopf auf der Fernbedienung drücken und drüber lästern! Aber leider ist das nicht ganz so einfach: TV-Geräte sind keine Touchscreens, sondern werden im Normalfall mit einer Fernbedienung gesteuert.

Die Hersteller tun sich schwer mit Innovationen an dieser Stelle, vor 20 Jahren sahen die Geräte schon genauso aus. Selbst die mitgelieferten Smartphone Apps, die Fernbedienungen ersetzen sollen, zeigen einfach ein Abbild derselben an – sehr erfinderisch! Und mit dieser Fernbedienung einen Tweet einzugeben, ist anstrengende Arbeit. Da passen schon eher TV-kompatible Inhalte wie bei den Musiksender-Startups Putpat.tv (www.putpat.tv) und Nuna.tv, dem Kino-Portal Cinetrailer oder natürlich den Online-Videotheken rund um Maxdome..

Die Mehrwerte von Smart-TV-Apps werden aber zunächst nicht Funktionen sein, die die Nutzer aktiv bedienen müssen. Vielmehr geht es um die TV-kompatible Präsentation von Content, bei der Konsumenten passiv, im sogenannten Lean-back-Modus, bleiben können. Videos oder hochqualitative Bilder bieten sich an, Texte, solange sie kurz und groß genug dargestellt werden. À propos Darstellung: Smart-TV-Apps müssen eine ähnlich einfache und klare Darstellung aufweisen wie mobile Apps, obwohl die Displays wesentlich größer sind. Warum? Weil sie viel weiter entfernt sind.

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Schafft man es aber, Content-TV-angepasst zu präsentieren, winkt der echte Vorteil: Im größten Smart TV Appstore, dem von Samsung, stehen gerade 500 Apps. In jeder Kategorie landet eine App sofort auf der ersten Seite – auf Smartphones unmöglich! Mit geringem Aufwand kann eine Marke also sehr prominent platziert werden. Das ist die Chance im jungen Markt der Smart-TV-Apps! Die großen Marken haben das bereits begriffen: Von Audi über Bild bis zum FC Bayern München findet man sie alle im Smart TV Appstore.

Wie geht’s?

Das mag auch daran liegen, dass die Entwicklung einer solchenAnwendung kein großer Aufwand ist. Die Apps bestehen aus Webseiten, in HTML, CSS und Javascript entwickelt. Aufpassen muss man nur auf wenige TV-spezifische Eigenschaften:

  • TV-gerechte Darstellung mit großen Zeichensätzen und passenden Kontrasten
  • eine Navigation mit kurzen Wegen, die mit rechts-links-oben-unten auskommt
  • möglichst Unterstützung von lean-back, also einen Weg in der Anwendung, in der Content ohne Nutzerinteraktion aktiv präsentiert wird
  • Vermeidung von Texteingabe

Wissenswert ist noch, dass in Europa, durch die hiesigen Mediengesetze bedingt, Smart-TV-Apps nur im Fullscreen laufen dürfen. Da sollte man sich Gedanken darum machen, wie das Fernsehprogramm in die App integriert werden kann – zum Beispiel durch einen Ticker über das laufende ausgewählte Programm, eine Liste von passenden Sendungen mit einem Knopf, um die Aufnahme mit dem Videorecorder zu programmieren, oder
Ähnliches. Hierfür bieten alle Hersteller passende sogenannte Device APIs an. Zwar kocht hier nicht jeder sein eigenes Süppchen, aber mit Samsung, der Smart TV Alliance und NetTV sind es immerhin drei verschiedene Plattformen, die es zu unterstützen gilt.

Auch in der Methode, wie die Apps auf den Fernseher kommen, gibt es Unterschiede: Platzhirsch Samsung lässt die App komplett packen, im Appstore bereitstellen und dann auf dem Gerät installieren – sehr ähnlich wie mobile Apps. Alle anderen Hersteller speichern im Appstore nur eine Art Bookmark und laden die App dann vom externen Server des jeweiligen App-Anbieters.

Zusammenfassung

Smart-TV-Apps sind ein junger Markt, ähnlich wie mobile Telefone anno 2007. Wenngleich ihr Potenzial nicht so groß ist wie das der mobilen Alleskönner, ist es doch gerade jetzt sehr einfach, mit einer App große  Aufmerksamkeit in fast leeren AppStores zu erlangen. Das gilt insbesondere für Entertainment-affine B2C-Startups.

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von ST33VO / flickr