Snapchat wird erwachsen. Und Snapchat will Geld verdienen, viel Geld. Die Ankündigung, mit seinem Hauptprinzip zu brechen – der Vergänglichkeit – zeigt, wie ernst es dem US-Unternehmen ist. Schließlich war die Kurzlebigkeit der Snaps, die sich nach einer bis zehn Sekunden auf dem Gerät des Empfängers vernichten, das Alleinstellungsmerkmal des Messenger-Dienstes.

Aufgeweicht war das Prinzip zwar schon – so konnten die User Fotos und Videos vor dem Versenden auf ihrem Smartphone speichern, und sogenannte Stories waren immerhin 24 Stunden lang sichtbar. Doch künftig können sie mit der neuen Funktion Memories ihre Snaps direkt in der App ablegen, organisieren und bearbeiten. Das Kalkül dahinter ist einfach: Snapchat will, dass noch mehr Nutzer die App-Kamera als ihre Hauptkamera und das Snapchat-Verzeichnis für all ihre Bilder und Videos verwenden.

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Der Nischen-Dienst plant, mit der großen Schwester Facebook gleichzuziehen, und das ist allein mit dem Selbstzerstörungsmodus offensichtlich nicht drin.

Snapchat ist bereits dabei, sich vom Teenager- und Millenial-Netzwerk zum ernstzunehmenden Tool für Blogger, Promis und Firmen zu entwickeln. Mittlerweile schauen sich täglich weltweit rund 150 Millionen aktive Nutzer mehr als sieben Milliarden Video-Snaps an. Und wenn sich die User häufiger auch mit älterem Content beschäftigen, steigert das die Nutzung weiter.

Snapchat, das 2013 eine drei Milliarden Dollar schwere Übernahme-Offerte von Mark Zuckerberg ablehnte, wird selbst immer mehr zum Facebook – und dazu gehört auch Werbung, die bisher nur spärlich eingesetzt wurde. Doch neuerdings bietet Snapchat eine eigene Ads-API an, mit der Unternehmen Werbeflächen über Drittanbieter kaufen können. Außerdem – und das dürfte die Haupteinnahmequelle sein – werden den Nutzern Werbe-Anzeigen zwischen den Snapchat-Stories von Kontakten abgespielt. Diese Werbe-Offensive dürfte die Snapchat-Gemeinde vielleicht nicht besonders erfreuen, wohl aber das Unternehmen: Snapchat will seine Einnahmen einem Medienbericht zufolge bis Ende nächsten Jahres verfünffachen – auf eine Milliarde Dollar. Die Spekulationen über einen Börsengang laufen bereits.

Die Strategie von Snapchat ist ein Kompromiss, der am Ende aufgehen dürfte: Die eingefleischten Nutzer haben nicht mehr den Druck, ihre Aufnahmen sofort zu teilen, sondern können sie bequem innerhalb er App für einen späteren Zeitpunkt aufheben und neu aufbereiten. Außerdem trägt das Memories-Feature dem Trend zur Nostalgie Rechnung, den Facebook mit seiner „Heute vor einem Jahr”-Funktion gesetzt hat.

Nicht zuletzt dürften sich neue Nutzer einer älteren Generation eher mit einem Messenger anfreunden, der eine dauerhafte Fotoalbum-Funktion hat – das kennen sie schließlich von Facebook.

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