Man müsste mal... Social-Business-Kolumne

Welche Rolle spielt das Soziale in einer immer unberechenbareren und turbulenteren Business-Welt? Ist es Ballast oder Anker? Entscheidet selbst. Ich glaube, wenn wir uns dem ohnehin nicht entziehen können, können wir auch das Ruder in die Hand nehmen.

Wie lange wollen wir noch argumentieren?

Ursprünglich war der Arbeitstitel der Kolumne „Wie lange wollen wir noch argumentieren?“. Ich bin extra in die Pampa gefahren, um in Ruhe die Muße für neue Gedanken zu finden, die Argumente zu sortieren und ein paar aktuelle Bücher dazu zu lesen.

Begleitet habe mich unter anderem Jorgen Randers Bericht an den Club of Rome, „2052“ (der Nachfolger von „Grenzen des Wachstums“), das Buch „Die Generation Man müsste mal“ der Utopia.de-Gründerin (www.utopia.de) Claudia Langer und eine Streitschrift des Philosophen Michael Schmidt-Salomon, „Keine Macht den Doofen„. Alle eint, dass sie sich mit der Zukunft unserer Spezies beschäftigen, genauer gesagt, mit den Folgen unseres Handeln (oder auch Nicht-Handelns) und den daraus resultierenden Perspektiven.

Darüber wollte ich eigentlich schreiben. Doch je weiter ich mich vorarbeitete, desto mehr kreisten meine Gedanken um die Eingangsfrage, von der ich dachte, dass wir sie bereits hinreichend beantwortet hatten. Haben wir aber nicht. Zumindest nicht, wenn man sich von Social Business als stehendem Begriff löst und es als lebendige Bezeichnung einer Art des Geschäftsgebarens, des Geschäftemachens, versteht. Denn dann ist es nicht mehr nur ein als Unternehmen geführtes soziales Engagement für Benachteiligte, sondern eine grundsätzliche Haltung und Betrachtungsweise.

Warum nicht gleich Verantwortung übernehmen?

Beim Drüber-Nachdenken fiel mir ein, dass bereits vor 100 Jahren Rudolf Steiner in seinem nationalökonomischen Kurs klarstellte, dass die Wirtschaft den Menschen dient (Plural!) und nicht umgekehrt. Er richtete damals seine Botschaft besonders an die Arbeiter. (Zur gleichen Zeit wurde übrigens Henry Ford von seinen Aktionären erfolgreich verklagt, weil er seinen Arbeitern den Mindestlohn auf fünf US-Dollar pro Tag anhob und den Preis für das T-Modell deutlich senkte, damit es sich auch einfachere Menschen leisten konnten.)

Leider gibt es immernoch viel zu viele Menschen, die sich und ihr Leben der Wirtschaft opfern und hohe Risiken eingehen, freiwillig oder aus Zwängen. Der Gipfel aber ist erreicht, wenn wir wissentlich anderen Menschen in diese Lage bringen oder wenn wir ihre Selbstzerstörung billigend in Kauf nehmen.

In Wahrheit stehen wir an diesem Punkt. Wir wissen und verstehen heute viel, viel mehr als unsere Eltern- und Großelterngenerationen. Wir sind verantwortlich für das, was in der Welt vor sich geht – durch unsere beruflichen Entscheidungen, unsere Kaufentscheidungen, unsere politischen Wahlen. Das ist Fakt.

Wenn das so ist, können wir doch gleich Verantwortung übernehmen. Das bringt uns wenigstens aus der passiven in die aktive Rolle. Das, liebe Gründerinnen und Unternehmer, ist es, was ich unter Social Business verstehe.

  • Unternehmertum, das Verantwortung übernimmt und sich um die Menschen sorgt (und damit automatisch auch die Umwelt).
  • Unternehmertum, das die Welt als Einheit und lebendigen Organismus versteht und nirgendwo auf Kosten anderer agiert.
  • Unternehmertum, das sich aktiv um eine Verbesserung der Zustände bemüht und auf dem Weg dort hin auch anderen Hilfestellung leistet.

Meine inspirierenden Reisebegleiter

Zum Schluss noch mal zurück zu meinen Reisebegleitern: einer zornigen Claudia Langer, einem zynischen Michael Schmidt-Salomon und einem ernüchterten Jorgen Randers. Nicht gerade ein Ensemble, das Mut macht, könnte man meinen. Interessanterweise haben sie es doch alle drei geschafft und ich will euch in knappen Worten sagen, warum, damit ihr vielleicht selbst zur Lektüre greift.

Der Ausblick in das Jahr „2052“ ist ein ernüchternder Rundumschlag, der einem doch ein Stück weit die Angst nimmt. Er spricht die klare Sprache der Zahlen und wissenschaftlichen Hypothesen, bringt aber auch den Faktor Mensch mit ins Kalkül und beschreibt mehrer Reaktionsszenarien. Dadurch wird einerseits klar, dass nicht die Klügeren siegen und wir auch nicht mehr unbeschadet davon kommen, andererseits zeigt es, dass wir Realistische auch noch ein paar Bremsfallschirme im Köcher haben und die Möglichkeit, uns darauf einzustellen.

Wer keine Lust hat, sich die detaillierten Herleitungen und Prognosen durchzulesen, kann praktischerweise direkt zum Kapitel „Acht konkrete Fragen zur Zukunft“ vorspringen (Seite 282), in dem die wichtigsten Fragen kurz und knapp beantwortet werden.

Der Faktor Mensch ist übrigens im Augenblick überall das zentrale Thema. „Keine Macht den Doofen“ prangert die kollektive Dummheit der Spezies Homo Demenz an, die uns überhaupt erst in diesen Schlamassel gebracht hat. Auf provokante und sarkastische Weise wird ein Spiegel vorgehalten, der zeigt, wie einfach es sein könnte, wenn die Menschheit es sich nicht so schwer machte…

Claudia Langers „Die Generation Man müsste mal“

Die Generation Man müsste mal - Claudia Langer„Die Generation Man müsste mal“ hat mich ehrlich gesagt am meisten bewegt, vielleicht, weil ich mich und uns darin auf so vielfältige Weise trefflich beschrieben sah und es genau das oben erwähnte Dilemma des Wissens aber nicht Handelns in den Mittelpunkt stellt. Wobei mich das Buch nicht nur negativ betroffen gemacht hat, sondern durchaus auch zum Lachen brachte. Schön ist auch, dass es konkrete Handlungsimpulse gibt. Das von Claudia Langer gezeichnete Generationsbildnis ist so trefflich, dass ihr es unbedingt lesen solltet. Daher habe ich sie kurzerhand gefragt, ob ich es hier als Teaser für Euch veröffentlichen darf. Und sie hat JA gesagt!

Wir sind die Generation »Man müsste mal«.

Wir sind umgeben von Freunden, Bekannten und Kollegen, die gebetsmühlenartig Sätze sagen wie »Man müsste mal zu einem Ökostromanbieter wechseln, gerade jetzt nach Fukushima und dem ganzen Wahnsinn.«, »Man müsste mal zu einer ethischen Bank wechseln, die Finanzbranche macht doch ihr Geld mit Waffen und Ausbeutung«, »Man müsste sich mal endlich politisch einmischen!«, »Man müsste mal wieder Urlaub in Deutschland machen; ist doch gar nicht nötig, immer in den Flieger zu steigen«, »Man müsste mal endlich aussteigen aus dem verdammten Hamsterrad, das Tempo bringt einen noch zum Burnout.« Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ich verzweifle an meinen Freunden, ermuntere und motiviere sie und kann sie dennoch verstehen. Denn ich kenne das Phänomen nur allzu gut von mir selbst. Mal ist es der innere Schweinehund, dann sind es vermeintliche Sachzwänge, die Hektik des Alltags, der Job, die Geldsorgen, die uns vorgeben, was wichtig ist und was man problemlos auf die lange Bank schieben kann.
Eigentlich wissen wir doch genau, dass wir handeln müssen. Wir leben in einer Welt, die kurz vor dem Kollaps steht: Das Bevölkerungswachstum nimmt drastisch zu, der Lebensraum nimmt ebenso drastisch ab. Es ist nur nicht so, dass diese Dinge wie von Geisterhand allein zu- oder abnehmen. Die Geisterhand, das sind wir. Sie und ich.
Unsere Welt ist geteilt. In dem einen Teil verblöden Kinder in einem gestrigen Bildungssystem und werden überernährt mit billigen Lebensmittel, in dem anderen verhungern Kinder, weil wir es nicht schaffen, eine Welt zu gestalten, die alle teilhaben lässt. Wir, die es schaffen, eine komplette Bibliothek auf unser Smartphone zu packen, lassen Kinder verrecken. Ja, Sie haben richtig gelesen und ich schreibe es noch einmal ganz deutlich: Wir lassen
Kinder verrecken. Wir treiben unter anderem durch die Anlagepolitik unserer Lebensversicherungen die Preise an den Rohstoffmärkten und die Nahrungsmittelpreise in die Höhe; wir ruinieren mit unserer Gier nach billigem Palmöl die Existenzgrundlage anderer; unsere Pharmaindustrie verhindert die günstige Weitergabe von Medikamenten an Bedürftige. Wir sind süchtig nach Erdöl. Süchtig nach Fett. Süchtig nach Zucker. Süchtig nach allem. Unser Wachstum frisst die weltweiten Ressourcen. Wir hängen am Tropf der Ölkonzerne. Unsere Wirtschaft, unsere Mobilität, unser Lifestyle sind ölgemacht. Und wir machen mit – obwohl wir den Zusammenhang ganz genau kennen.
Rohöl wird immer teurer, weil es immer weniger gibt. Das macht es für die Konzerne wirtschaftlich, noch mehr Aufwand zu betreiben, um an Öl zu kommen. In Kanada werden inzwischen unter enormen Wasserverbrauch Ölsandvorkommen abgebaut, in Australien setzt die Ölindustrie Farmer unter Druck, ihr Ackerland für Bohrungen zu verscherbeln. Aus Agrarflächen werden verseuchte Wüsten. Im Golf von Mexiko wurde in einer Tiefe von beinahe 1300 Metern nach Öl gebohrt. Die Welt hängt am Öl wie ein Alki an der Flasche – was zählt, ist nur noch die Beschaffung.
Wir leben ständig auf Pump, in Wirtschaft, Gesellschaft und Ökologie. Wir nehmen der Erde mehr, als wir zurückgeben. Unsere Schulden müssen andere zurückzahlen. Wir sind dann längst nicht mehr da.
Ich bin mir als Teil meiner Generation bewusst, dass der ökologisch und sozial Handelnde heute immer noch der Doofe ist. Er zahlt freiwillig mehr für Lebensmittel, für Kleidung, für Energie. Er ist oft nicht so mobil. Er nimmt Nachteile in Kauf.
Und ich weiß, dass die Themen Ökologie, Umweltschutz und Soziale Gerechtigkeit derart komplex sind, dass viele sich so verunsichern lassen, dass sie lieber Augen und Ohren zumachen. Motto: Das sollen die anderen machen. Ich weiß, dass jedes gute Argument für einen nachhaltigen Lebensstil in unserem Land gern mit dem Totschlagsatz »Wenn erst die Chinesen alle Auto fahren, kann man eh nichts mehr machen« im Keim erstickt wird. Ich weiß, dass viele sich moralisch überfordert fühlen und das einzige Gefühl, das ihnen bei diesen Themen bleibt, ein schlechtes Gewissen ist.

Und wissen Sie was? Ich kann es nicht mehr hören.

Wir stecken den Kopf in den Sand und setzen darauf, dass es so schlimm schon nicht werden wird. Hauptsache, wir können unseren Lebensstandard halten – oder am besten noch steigern. Auf wessen Kosten, das ist uns ziemlich egal. Wie oft haben wir von unseren Eltern den Satz gehört: »Ihr sollt es mal besser haben.« Tatsächlich sind wir eine Generation, über den Daumen gepeilt die Jahrgänge 1960 bis 1985, die es so gut hat wie kaum eine vor ihr. Wir sind gut ausgebildet, verdienen ganz ordentlich, konsumieren fleißig. Während unsere Eltern noch in die Zukunft geblickt haben, haben wir uns der Gegenwart ergeben.

Verantwortung? Für mich selbst – aber ja!

Eingeimpftes Lebensziel: Karriere machen. Wer nicht mindestens einmal stationär wegen Burnouts in der Klinik liegt, tut einfach nicht genug.

Weitere Informationen zu Claudia Langers Buch „Die Generation Man müsste mal“ sind auf der Website des Droemer Verlages zu finden.

Bild: to01 / Flickr