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Frédéric Oudéa, CEO der französischen Bank, im Gespräch mit Gründerszene

Selbst Banken haben mittlerweile verstanden, das eigene Geschäftsmodelle zu hinterfragen – „zu challengen“, wie es Frédéric Oudéa, Chef der Société Générale, im Gespräch beschreibt. Die französische Bank gründete etwa einen neuen Online-Ableger und schaut sich nach Fintechs um.

Kürzlich hat die Bank außerdem eine Partnerschaft mit der Factory in Berlin abgeschlossen. Meint der Bank-Chef es ernst mit der Erneuerung – und wie sieht er die Zukunft von virtuellen Währungen? Ein Interview.

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Herr Oudéa, heutzutage schmücken sich fast alle Konzerne mit Accelerator-Programmen oder Innovation Hubs. Oft ist unklar, was dort eigentlich passiert. Was haben Sie genau mit der Open-Innovation-Strategie in Berlin vor?

Die Idee ist es, in Städten mit einer guten Innovationsumgebung präsent zu sein. Dort suchen wir nach Startups, mit denen wir zusammenarbeiten können: Es kann sich dabei um Partnerschaften oder Investitionen in spezifische Startups handeln. Mit diesen beiden Ansätzen wollen wir neue Services für Kunden und neue Technologien entwickeln. 

Wie sieht die Erneuerung der Société Générale an anderen Standorten aus?

Zum internationalen Innovationsnetzwerk der Société Générale zählen Innovation-Hubs auf der ganzen Welt, die bereits aktiv sind, zum Beispiel Le Plateau in Paris, das Afrika Innovation Lab in Dakar und Catalyst, ein Startup-Accelerator-Programm in Indien.

Wir investieren auch im Fintech-Bereich, beispielsweise hat unsere Online-Banking-Tochter Boursorama kürzlich ein führendes französisches Fintech gekauft. Über die Technologie von Fiduceo lassen sich verschiedene Bank-Accounts verbinden. Wir bieten es nun für alle unsere Marken an. Wir haben außerdem in das französische Fintech Tagpay investiert, eine elektronische Geldbörse für Menschen ohne Bankkonto – Lösungen, die wir in unserem Vertriebsnetz in Afrika einsetzen.

Sie lassen sich auf Ihrer Homepage mit der Aussage zitieren, Fintechs seien „die neue Konkurrenz“. Was Sie jetzt sagen, klingt versöhnlicher.

Ich sehe die jungen Unternehmen mehr als Partner. Die Frage dahinter ist doch: Was nennt man eigentlich Banking? Die meisten Leute verbinden damit nur Payment, aber es ist sehr viel mehr. Es geht auch um Kredite oder darum, das Ersparte anzulegen. Fintechs sind stark beim Thema Payment, es ist der Berührungspunkt mit den Kunden, die Einstiegshürden sind niedrig und die werden durch die neue Regulierung der EU (PSD2) weiter verringert. Beim Thema Sparen oder dem Bereitstellen von Krediten oder großen Geldtransfers glaube ich nicht, dass sich Startups durchsetzen.

Bis auf das Payment muss sich also bei den Banken nichts ändern?

Doch. Banken müssen ihr Geschäftsmodell drastisch ändern, vor allem für die Endkunden – da gibt es keinen Zweifel. Wir müssen anders denken: Die Leute wollen einen Service in Echtzeit und das zu geringeren Kosten. Sie gehen immer weniger in die Filialen, jedes Jahr werden es weniger bei uns. Wir müssen die Bank-Prozesse mehr und mehr automatisieren und unsere IT überprüfen. Das findet bereits statt. Kredite werden bei uns beispielsweise schon online vergeben und es wird noch mehr passieren: Fintechs ermöglichen uns, neue Technologien auszuprobieren und mehr bei uns zu integrieren.

Sind Sie also der Überzeugung, dass neue Finanzunternehmen ohne die traditionellen Banken nicht zu dominanten Playern heranwachsen können?

Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwann ein Apple des Bankings gibt, aber viele Fintechs werden erst einmal den Vorteil sehen, wenn sie mit Banken zusammenarbeiten, um ihr Produkt zu skalieren. Ein paar werden sich sicherlich etablieren, denn es gibt Raum für neue Geschäftsmodelle, vor allem bei B2C-Angeboten. Online-Banking ist ein Beispiel. Unsere eigene Online-Bank, Boursorama, wächst sehr schnell und hat bereits eine Million Kunden. 2020 sollen es zwei Millionen sein.

Wie können Innovationen den Weg von der Factory hier in Berlin in die Bank finden?

Wir haben ein spezialisiertes Innovation Team, das von ausgewählten Experten in unseren verschiedenen Geschäftsbereichen unterstützt wird, als Schnittstelle mit der Factory Berlin fungiert und eng mit dem Innovationsteam in Paris zusammenarbeitet. Dieses Team sitzt direkt vor Ort und hält Ausschau nach potentiellen Partnern. Die Felder der Technologie sind nicht großartig anders als in Paris oder in London, wo wir beispielsweise an Themen wie künstliche Intelligenz und maschinellem Lernen, Big Data und neuen Technologien arbeiten.

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Was ist gerade für den deutschen Markt interessant?

Hierzulande beschäftigen wir 3.500 Leute, auch wenn wir kein Privatkundengeschäft mit Filialnetz haben. Wir haben unter anderem ein starkes Investment-Banking in Deutschland. Wir sind mit ALD einer der führenden Anbieter für das Flotten-Management von Unternehmen, ein Geschäftsfeld, bei dem wir eine enorme Veränderung im Mobilitäts-Sektor sehen können. Schon bald werden die Leute kein eigenes Auto mehr besitzen und alle Autohersteller gehen davon aus, dass ein Viertel der Autos in zehn Jahren fahrerlos ist. Sie brauchen für diese Autos – ohne Besitzer und Fahrer – jemanden der das organisiert. Und wir wissen wie sowas funktioniert, uns gehören bereits große Flotten. In diesem speziellen Feld sind neue Techniken sehr interessant. Ansonsten liegt unser Fokus klar auf dem Fintech-Sektor.

Momentan gibt es gerade einen Run auf Krypto-Währungen. Wie wird diese Technik das Banking in Zukunft verändern?

Ich glaube nicht daran, dass virtuelle Währungen eine Zukunft haben. Durch die Anonymität gibt es ein Problem mit den Regulatoren, denken Sie an Geldwäsche, Terrorbekämpfung, oder Steuerfahndung. Ich habe fundamentale Zweifel, dass die Behörden dieses Risiko eingehen wollen und das System zulassen. Auch weil ich glaube, dass Geldpolitik ein zentrales Steuer-Instrument von Regierungen ist.

Anders sieht es mit der Technik dahinter aus, der sogenannten Distributed Ledger. Wir experimentieren beispielsweise im Bereich der Handelsfinanzierung damit. Es geht dabei um große Öl-Deals, dort funktioniert Vieles bislang nur mit Stift und Papier. Eine erfolgreiche Transaktion reicht allerdings nicht aus, es muss zum Standard werden und das ist sehr kompliziert. Und dafür ist die Technik bislang noch zu langsam und verbraucht zu viel Energie.

Startschuss für die Kooperation mit der Factory:

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Bild: Factory Berlin