SoundCloud Go Launch Party In Berlin

Sie sind zumindest noch alle an Bord: Die SoundCloud-Topmanager Alex Ljung, David Noël und Eric Wahlforss (von links) beim Deutschlandstart der Premiumversion

Es wird einfach nicht besser: Schon seit Wochen muss sich SoundCloud mit einer schlechten Nachrichtenlage herumschlagen, ein Ende ist nicht in Sicht. Die jüngste Hiobsbotschaft: Offenbar soll das Berliner Musik-Startup dermaßen verzweifelt nach einem Käufer suchen, dass nun ein Verkauf selbst auf absolutem Ramschniveau möglich scheint. 

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Wie Recode unter Berufung auf mehrere ungenannte Quellen berichtet, würden in den Verhandlungen Bewertungen deutlich unter den 700 Millionen US-Dollar aufgerufen, die bei der letzten Finanzierungsrunde zugrunde lagen. Eine ebenfalls anonyme Quelle gibt sogar an, dass ein Preis in der Region von 250 Millionen möglich sei – das wäre nicht viel mehr als die etwa 230 Millionen, die seit Gründung 2007 überhaupt in das Unternehmen investiert worden waren. SoundCloud weist die Spekulationen – schon routinemäßig – zurück. Ein Sprecher erklärte gegenüber Gründerszene, der Recode-Text stelle „den aktuellen Stand des SoundCloud-Geschäfts nicht korrekt dar“.

Klar ist: Wenn ein Exit nicht bald gelingt, dann muss SoundCloud zumindest schnell frisches Kapital aufnehmen. Ob das Unternehmen dabei aber „um Geld betteln“ muss, wie die Financial Times vor einem Monat schrieb, oder sich in einem für Wachstumsunternehmen völlig normalen Fundraising-Prozess befindet, wie das Unternehmen selbst beteuert, bleibt derzeit Interpretationssache.

Wer sich allerdings derzeit auf die Suche nach Anzeichen für eine positive Entwicklung bei SoundCloud macht, der dürfte damit enorme Schwierigkeiten haben. Was in den letzten Wochen so los war:

  • Marktexperten räumen den Berlinern gegenüber den übermächtigen Mitkonkurrenten Spotify und Apple Music immer weniger Chancen ein. Statt Konversionsraten von bis zu einem Viertel wie bei Spotify erreiche SoundCloud gerade mal zwei bis drei Prozent, schätzte der Branchenanalyst Mark Mulligan von Midia Research unlängst. Damit ist die Rate der Nutzer des kostenlosen Basisdiensts gemeint, die sich für ein kostenpflichtiges Abo entscheiden.
  • Dass SoundCloud seit 2014 keine neuen Nutzerzahlen vorgelegt hat, bestärkt das Vertrauen in das Unternehmen nicht gerade. Zahlen über zahlende Nutzer von Spotify (50 Millionen) und Apple Music (20 Millionen) sind nur wenige Wochen beziehungsweise Monate alt. Von SoundCloud kennt man nur die gebetsmühlenartig wiederholte Zahl von 175 Millionen Besuchern pro Monat – und keine Angaben dazu, wie viele das 2016 eingeführte Premium-Abo nutzen. Die derzeit einzige halbwegs handfeste Information: Aufs Jahr gesehen, so ein Unternehmenssprecher zu Gründerszene, erwarte man ein 2,5-faches Wachstum in 2017 – „teilweise getrieben von SoundCloud Go“. 
  • Die seither geltende Preis- und Produktstruktur ist schon wieder Geschichte: Vor zwei Wochen schob SoundCloud überraschend ein mittelpreisiges Angebot für sechs Euro nach. Damit sollen Nutzer den Musikkatalog der Berliner werbefrei und offline nutzen können und Zugriff auf 120 Millionen Tracks haben. Nicht inbegriffen sind Songs aus dem Premium-Back-Katalog, mit dem SoundCloud eigentlich die anderen Streaming-Anbietern überflüssig machen wollte. Bei diesen 30 Millionen Songs handelt es sich um populäre Musik, die auch bei der Konkurrenz von Spotify und Apple Music verfügbar ist. 
  • Dass das Produkt eine wichtige Baustelle ist, verdeutlicht auch der Rollenwechsel von Mitgründer Eric Wahlforss: Er gab Anfang Januar seine Rolle als CTO ab und soll nun als CPO seither die Strategie rund um neue Produktinitiativen vorantreiben.
  • Mit COO Mark Strigel und VP Finance & IT Markus Harder gingen vor kurzem zwei wichtige Topmanager verloren, wie die Financial Times berichtete. Das Unternehmen betonte, die beiden hätten nach fünf Jahren einfach neue Herausforderungen gesucht – dennoch wiegt der Verlust mitten in der schwierigen Phase schwer.

Nicht zuletzt bemerkenswert: Während man bei SoundCloud in der Vergangenheit die negativen Berichte über das Unternehmen lieber einfach aussaß oder nur dürre PR-Phrasen verschickte, reagiert man inzwischen zunehmend gereizt. So bekam die Financial Times nach dem Bericht über den Abgang der Top-Manager einen wütenden Kommentar aus der Pressestelle: Durch die Nutzung einer anonymen Quelle habe die FT ihre journalistischen Standards verletzt, dieses Verhalten sei „enttäuschend und überraschend für eine altehrwürdige Zeitung“. 

Es stimmt ja, viele der Texte, in denen SoundCloud schlecht wegkommt, basieren auf Quellen, die sich nicht namentlich zitieren lassen und die das Unternehmen teilweise kräftig prügeln. Aber verteidigen will das einstige Vorzeige-Startup derzeit auch niemand on the record – was ebenfalls Bände spricht.

Bild: Getty Images  / Matthias Nareyek