SoundCloud-CEO Alex Ljung bei einer Konferenz im Oktober in New York

Millionen-Verluste, Übernahme-Gerüchte und ein Abo-Dienst, der nicht abheben will: Wer in diesem Jahr die Neuigkeiten über SoundCloud verfolgte, musste den Eindruck bekommen, die Berliner Musikplattform befinde sich in einer tiefen Krise.

Das zu überprüfen ist nicht ganz einfach. Wie kaum ein anderes deutsches Startup scheut SoundCloud Öffentlichkeit und Presse. Doch offenbar setzt bei den Gründern Alex Ljung und Eric Wahlforss gerade ein Umdenken ein: Sie sprechen in diesen Tagen mit Journalisten, um den heutigen Deutschland-Start von SoundCloud Go, der kostenpflichtigen Premiumversion für Hörer, zu bewerben. Vielleicht aber auch, um Werbung für ihr Unternehmen zu machen und bei potenziellen Käufern im Gespräch zu bleiben.

CEO Alex Ljung empfängt zum Interview mit Gründerszene im firmeneigenen Tonstudio im Hauptquartier in der Berliner Factory. Der Schwede ist bekanntermaßen kein besonders auskunftsfreudiger Gesprächspartner, auch diesmal verlässt er nur selten das sichere Gebiet offizieller Sprachregelungen. Wir sprechen über den Launch von Go, über die jahrelangen Verhandlungen mit den Platten-Labels und über die bald zehnjährige Geschichte des Unternehmens. Und da lässt sich Ljung dann doch einige spannende Gedanken entlocken.

Heute startet SoundCloud Go in Deutschland. Was ändert sich?

Zwei Sachen: Wir launchen Go und bringen erstmals Werbung auf die Plattform. Für die Nutzer bleibt SoundCloud so, wie sie es kennen: einer der größten Musikdienste der Welt, Abermillionen von Songs, offen und frei verfügbar. Aber es wird auch Advertising in unterschiedlichen Formaten geben. Die daraus entstehenden Einnahmen werden wir zu einem großen Teil an die Künstler zurückgeben.

In Kombination damit launchen wir unseren Abo-Service Soundcloud Go. Der kostet 9,99 Euro pro Monat und man bekommt damit drei Sachen: Keine Werbung, die Möglichkeit zum Download von Songs und zusätzlich zu unserem schon enorm großen Katalog an Songs den gesamten Premium-Back-Katalog von einigen der größten Künstlern der Welt. Wir haben all die Songs und Alben, die man normalerweise von einem der anderen Dienste erwarten würde, auch noch in SoundCloud hineingepackt. Go bietet eines der größten Inhalte-Angebote der Welt: über 135 Millionen Tracks.

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Go gibt es schon länger in den USA und sechs weiteren Ländern. Warum kommt Ihr gerade jetzt nach Deutschland?

Es ist großartig, mit Go endlich nach Deutschland kommen zu können. Das ist unsere Heimat, hier haben Eric und ich unser Unternehmen gestartet, hier ist unser Hauptquartier. This is home. Deutschland wird unser achter Markt für Go sein. Der erste waren die USA im März. Das macht acht Märkte in acht Monaten – eine hohe Geschwindigkeit.

Die Voraussetzung um Go in ein neues Land zu bringen ist, dass alle Lizenzfragen geklärt sein müssen, richtig?

Ja. Für Go brauchen wir die Rechte an den zusätzlichen Inhalten für das jeweilige Gebiet. Im Fall von Deutschland also zum Beispiel eine Vereinbarung mit der GEMA.

Wie viele zusätzliche Tracks bekomme ich mit Go?

Wir schlüsseln nicht auf, welche Songs nur bei Go und welche frei verfügbar sind. Insgesamt sind es über 135 Millionen Tracks. In den letzten Monaten haben wir weit mehr als zehn Millionen Songs hinzugefügt. Das deckt schon heute unglaublich viel ab. Und jeden Tag kommen neue Tracks hinzu, auf beiden Diensten. Schon ohne Go werden jede Minute zwölf Stunden Musik hochgeladen.

Ist Go in den bisherigen Märkten ein Erfolg? Kannst Du das mit Zahlen belegen?

Wir legen keine Zahlen offen. Ich kann aber so viel sagen: Bei Nutzern und bei Künstlern gab es viel Freude und auch eine starke Nutzung. Wir expandieren mit dem Dienst in mehr und mehr Länder: Das zeigt, dass es gut läuft.

Ihr gebt seit Jahren als Nutzerzahl 175 Millionen Hörer an. Ist das noch aktuell?

Ja, mehr als 175 Millionen unique monthly listeners. Und das bezieht sich auf alle Regionen und alle Möglichkeiten, wie unser Dienst genutzt werden kann.

Im Vergleich zu dieser Zahl verblassen Eure Konkurrenten wie Spotify, Apple Music oder Tidal. Und trotzdem ist es für SoundCloud extrem schwierig. Wie wollt Ihr im Streaming-Markt überleben? Wie setzt sich SoundCloud ab?

Es gibt viele Musikdienste, die im Prinzip alle das gleiche bieten: 9,99 für 20 oder 30 Millionen Songs, einziger Unterschied: die Farbe des Logos. Wir sind die einzige Plattform, die wirklich anders ist. Sogar vor Go waren wir ein Dienst mit über 100 Millionen Tracks, viele davon komplett einzigartig, nirgendwo sonst zu kriegen. Auf einer traditionellen Radiostation laufen 3.000 oder 4.000 Künstler pro Jahr. Wir spielen mehr als zwölf Millionen Künstler jeden Monat. Viele haben versucht, uns zu kopieren, und sie sind immer gescheitert.

Dazu kommt etwas, das die Leute häufig übersehen: Der Musikstreaming-Markt steckt noch in den Kinderschuhen. Erst seit kurzem steigen die Einnahmen der Musikindustrie wieder – jahrelang gingen sie nur zurück. Viele Leute beginnen sich erst für Streaming zu interessieren oder sich von den Vorteilen eines Abos zu überzeugen. Ganz viel Wachstum liegt noch vor uns.

In der Pressemitteilung zum Launch wirst Du mit dem Satz zitiert, dass 2016 „ein großes Jahr“ für SoundCloud gewesen sei. In der Öffentlichkeit hat man 2016 aber eher als SoundCloud-Krisenjahr wahrgenommen – Gerüchte über einen Verkauf, die massiven Verluste in 2014…

Ach, es gibt so viel verschiedene Gerüchte und Spekulationen. Manche behaupten, wir würden bald die Welt beherrschen, andere, wir wären dem Untergang geweiht. Das liegt einfach daran, dass wir so verbreitet sind. Da kriegst du die volle Auswahl. Aber 2016 war ein fantastisches Jahr für uns. Zu Jahresbeginn hatten wir endlich Vereinbarungen mit der gesamten Musikindustrie. Wir haben Abodienst und Werbung in acht Märkten gelauncht. Und gleichzeitig eine ganze Reihe von Features für Künstler und Hörer ausgerollt. Wir haben sehr viel Geld aufgenommen. Und jetzt launchen wir in unserer Heimat. Das macht ein ziemlich gutes Jahr.

Ich habe den 39-Millionen-Verlust von 2014 angesprochen. Wie sieht es heute aus? Seid ihr auf Kurs, was die Profitabilität angeht?

Es ist nicht ungewöhnlich für Unternehmen, Verluste zu machen, während sie in Wachstum investieren.

Das ist das Prinzip von Startups, ja.

Facebook hat jahrelang Verluste geschrieben, bevor sie extrem profitabel wurden. Und das ist auch unsere Strategie, für die wir uns zusammen mit unserem Board und den Investoren entschieden haben. Unsere Finanzen sind kein Zufall, sie sind sorgfältig kalkuliert und geplant. Wir haben uns dafür entschieden, in Wachstum zu investieren und das Business größer zu machen. Seit einer Weile konzentrieren wir uns auch viel stärker auf die Ertragsgenerierung. Die Erträge sind eine der am schnellsten wachsenden Metriken bei uns. Was tatsächliche Verluste oder geplante Gewinne angeht: Wir legen keine zukunftsweisende Zahlen offen. Aber die Einnahmen steigen stark im Moment.

Dein Mitgründer hat kürzlich gesagt, dass Ihr gerade sehr aktiv Leute einstellt. Wie groß ist das Team jetzt?

Wir sind nun über 350 Mitarbeiter.

Werden vor allem Leute für die Produktseite rekrutiert?

Wir stellen in allen Bereichen ein: Entwickler, Produktleute, Designer, Finanzexperten, Juristen, Anzeigenverkäufer, Leute für den Abodienst, für Content oder Künstlerbeziehungen.

Stimmt der Eindruck, dass es da eine andere Geschwindigkeit als im vergangenen Jahr gibt? Vor einem Jahr habt Ihr ja noch Leute entlassen.

So etwas schwankt je nachdem, was zu der Zeit los ist. Jetzt stellen wir jedenfalls sehr aktiv ein.

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2017 wird SoundCloud zehn Jahre alt werden. Eine ganz schön lange Zeit…

…ja! Eine Dekade.

Spürt ihr noch die gleiche Motivation, das gleiche Feuer wie vor zehn Jahren?

Ja – obwohl sich das ändert. Am Anfang basiert ein großer Teil der Begeisterung auf der Vorstellung, was aus deinem Projekt werden könnte. Das verändert sich über die Zeit. Irgendwann hat man schon viel erreicht. Heute gibt es noch immer Freude über das, was noch werden kann, aber auch mehr Inspiration aus der tagtäglichen Arbeit. Aus dem, was auf der Plattform passiert. Heute sind die Ereignisse planbarer, aber es gibt auch viel mehr inspirierende Geschichten.

Zum Beispiel die von Rory Fresco, einem Jungen irgendwo aus der Mitte der Vereinigten Staaten. Er hat seine Musik auf SoundCloud hochgeladen, hatte davor ein paar Hundert Plays. Als er eines Morgens an seinen Computer ging, hatte er auf einmal 15.000 Plays. Er duschte und kam zurück: 50.000 Plays. Er wusste nicht, was los war. Am Ende waren es mehr als 100.000. Was passiert war, dass Kanye West in der Nacht zuvor einen Track auf SoundCloud hochgeladen hatte. Und der Empfehlungsalgorithmus hatte Rory Frescos Song direkt hinter Kanye platziert. Am Ende hatte Rory einen Plattenvertrag. Solche coolen Sachen können passieren, wenn auf deiner Plattform die größten Künstler der Welt sind und gleichzeitig Künstler, die gerade erst groß werden.

Während der letzten Jahre war die wahrscheinlich größte Herausforderung für SoundCloud, mit der Musikindustrie endlich Lizenzvereinbarungen zu finden. Mit fast jedem wichtigen Player gibt es jetzt einen Deal. Oder sind noch große Copyright-Probleme übrig?

Wir werden nie bei 100 Prozent sein. Aber wir haben heute die Unterstützung von einem großen Teil der Musikindustrie. Die stehen richtig hinter uns, wollen, dass wir mehr Einnahmen generieren können, dass mehr Stars bei uns entstehen. Es hat viel Zeit und Arbeit gebraucht, um dahin zu kommen. Das lag auch daran, dass wir als Plattform so anders sind als die anderen. Wir konnten nicht einfach einen Lizenz-Deal aus der Schublade nehmen – wir mussten wirklich bei Null anfangen um einen neuen ökonomischen Rahmen zu schaffen. Das hat Zeit gebraucht. Aber wir haben es geschafft, alle sind an Bord. Und das ist großartig nicht nur für uns, sondern auch für die Branche, für Nutzer und für Künstler.

Hättest Du Dir zu Beginn träumen lassen, dass Du einmal so viel Zeit mit regulatorischen und Copyright-Fragen verbringen würdest?

Nein. Ich glaube, am Anfang ahnst du schon, dass du mit solchen Sachen zu tun haben wirst. Aber wir haben die Komplexität des Ganzen komplett unterschätzt. Und das war auch gut so. Die meisten Gründer unterschätzen die Herausforderungen und die Komplexität dessen, was sie tun wollen.

Weswegen sie sich überhaupt trauen.

Genau. Das ist das gute daran. Du bist naiv und deswegen wagst du es. Wenn man alles kennen würde, was auf einen zukommt, wären viele Leute bestimmt ängstlicher. Egal um was für ein Business es geht, wenn du es auf ein globales Level bringst, ist das ein unglaublich arbeitsintensiver und komplexer Prozess. Das, was du tust, hat einen Effekt auf Millionen von Menschen.

Bild: Getty Images / Anna Webber