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Sieben Bootstrapping-Tipps für ein Startup unter 1.000 Euro

Die Suche nach Business Angels, Venture Capitals oder anderen Geldgebern steht bei vielen Gründungen zum Start oft weit oben auf der Agenda. Ein starker Investor ist für bestimmte Arten von Gründungen auch absolut unabdingbar, doch immer mehr Gründer können ihre Startups mittlerweile aus eigener Kraft mit dem Bootstrapping-Ansatz hochziehen, ohne von externem Kapital abhängig zu sein.

Bootstrapping heißt in erster Linie, kein externes Kapital einzusetzen, sondern die Start-Finanzierung aus minimalen Mitteln und über laufende Erlöse zu stemmen. Dass dazu ein gewisses Maß an Sparsamkeit gehört, erklärt sich von selbst, doch worauf kommt es wirklich an, wenn es darum geht, ein Startup ohne fremdes Geld auf die Schiene zu setzen?

1. Flexible Infrastruktur

Wer sein Startup per Bootstrapping startet, weiß, dass er in der Anfangsphase auf große Büroflächen mit fester Mietbindung und andere Investitionen verzichten muss. Doch ist das ein Nachteil? Bevor man richtig startet, lässt sich oft nur raten, welche Kapazitäten man beispielsweise an Büros oder Servern braucht. Die Gefahr ist groß sich zu verschätzen.

Das konsequente Umgehen von Investitionen ist insofern der Garant für die künftige Flexibilität des Startups. Und die wird zumindest in den ersten Monaten nötig sein. Deshalb sollte der Bootstrapping-Gründer so viel wie möglich flexibel mieten anstatt gleich zu kaufen oder langlaufende Verpflichtungen einzugehen.

Coworking Spaces oder andere zeitlich flexible Mietmodelle bieten sich hier an. Für ein dauerhaftes Arbeiten mag eine solche Umgebung vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack sein, doch für eine gewisse Zeit ist es eine gute Lösung. Auch das Arbeiten im Home Office kann eine gute Alternative sein, wenn man es mit regelmäßigen Teamtreffen verbindet.

Hat sich das Startup erstmal in einer gewissen Größenordnung eingependelt, lässt sich wesentlich besser einschätzen, was wirklich auf Dauer gebraucht wird. Und dann sind hier und da auch feste Lösungen sicherlich sinnvoller.

Auf Seiten der Software ist sogar ein dauerhafter Einsatz von Mietmodellen oft ratsam. Mit Software-as-a-service-Anwendungen, die es mittlerweile für etliche Business-Anforderungen gibt, ist eine virtuelle Organisation vieler Unternehmensprozesse machbar – und warum sollte man auf diesen Vorteil verzichten?

Wichtig ist dabei allerdings die richtige Mischung an Tools und Systemen nach dem Motto „Keep it simple!“. Mehr als eine Handvoll Systeme sollte es nicht werden, ansonsten kann man sich schnell in den eigenen Abläufen und Automatismen verheddern.

2. Aktionsplan statt klassischem Businessplan

Einer der Vorteile des Bootstrapping heißt Unabhängigkeit – insbesondere gegenüber externen Kapitalgebern. Und diese Unabhängigkeit äußert sich beispielsweise darin, keinen Businessplan zu benötigen, um seine hochtrabenden Pläne bei Venture Capitals und Business Angels vorzuführen.

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Nun mag manch einer einwenden, zum Planen generell brauche man doch einen Businessplan. Und einen Plan braucht man auch ganz sicher, nur eben keinen Businessplan im klassischen Sinne. Der klassische Businessplan ist ein starres Gebilde, das neben vielen blumigen Formulierungen einen großen Anteil an Kaffeesatzleserei enthält. Daher verschwinden solche Pläne nach den Präsentationen meist in den unteren Schubladen eines Startups. Was ist aber nun der richtige Planungsansatz?

Die zukünftige Entwicklung eines Startups enthält immer eine große Reihe an Fragezeichen. Um dem Gerecht zu werden, gilt es zwar, auf der einen Seite klare Ziele zu definieren. Auf der anderen Seite muss die Planung aber ein Umsteuern erlauben, um Dinge an Gelerntes anzupassen.

Ein gemeinsamer Aktionsplan für´s Team, der die Todos für die relevanten Themen enthält, eignet sich daher besser. Konkrete Arbeitschritte gehören hier herein, die beispielsweise nach den Themen Website, Produkte, Infrastruktur, Marketing und Sales untergliedert sein können.

Dieser Aktionsplan dient im Gegensatz zum starren Konstrukt Businessplan als dauerhaftes Tool für eine Art rollierender Planung, deren Inhalte immer wieder überprüft und angepasst werden. Die Planung ist also zu keiner Zeit komplett, sondern läuft permanent parallel zu den konkreten Schritten weiter und lässt sich von den anfangs gesteckten Zielen leiten.

3. Fokus auf die nächsten Schritte

In der Startphase eines Startups gibt es diverse Felder, auf denen man sich ausgiebig austoben kann. Seien es rechtliche Fragen, Design-Aspekte, Controllingdetails oder Fragen des richtigen Programmieransatzes für die Website. An allen Ecken gibt es scheinbar etliches zu tun. Und auf all diesen Feldern lässt sich beliebig viel Zeit verlieren, ohne dass ein einzelner Bereich wirklich zu hundert Prozent perfekt ist. Wo soll man also anfangen?

Entscheidend ist zunächst einmal zu identifizieren, was auf dem Weg zu den ersten Umsätzen die wirklich kritischen Schritte sind. Was muss dazu unbedingt getan werden? Hier gilt es anzusetzen, und 80 Prozent zur Perfektion reichen dabei vollkommen aus. Die restlichen 20 Prozent fressen ansonsten den Großteil der knappen Zeit.

4. Monetarisierungskonzept

Es gibt etliche Kennzahlen, die man in allen Bereichen des Startup-Aufbaus messen kann, der absolute Fokus, sollte jedoch in der Startphase auf eine ganz bestimmte Zahl gerichtet sein: Die Erlöse.
So banal es klingt, aber beim Bootstrapping braucht ein Startup relativ zügig einen permanenten Zufluss an Erlösen, da dies die Lebensader des Unternehmens ist. Von Anfang an gilt es, ein Monetarisierungskonzept zu haben, das nicht nur auf Useraufbau, Social-Media-Reichweite und andere weichere Zahlen setzt, sondern kompromisslos den ersten zu verdienenden Euro, den ersten zahlenden Kunden im Blick hat.

Für das Monetarisierungskonzept ist also konkret zu durchdenken, wie die Erlöse entstehen sollen. Dabei stehen diese Fragestellungen im Vordergrund:

  • Über welche Kanäle ist die Zielgruppe ansprechbar?
  • Was ist der konkrete Nutzen des Produkts für die Zielgruppe?
  • Was wird das Produkt kosten?
  • Wie wird die Bezahlung organisiert?

Je schneller die ersten Umsätze dann fließen, umso unabhängiger wird das Startup, und umso mehr kann in den weiteren Aufbau investiert werden.

5. Bottom-Up-Planung

Wie verlockend scheint ein Milliardenmarkt, in dem man nur einen Prozent Marktanteil braucht, um Umsätze im achtstelligen Bereich zu machen? In einer Excel-Tabelle kann ein solches Bild sehr schlüssig aussehen, doch diese Art der Marktanalyse ist für Bootstrapper vielfach irreführend.

Ein Prozent Marktanteil klingt vielleicht nach wenig, nach einer erreichbaren Größe, aber was heißt es denn konkret in Verkäufen, diesen Marktanteil zu realisieren? Wieviele Verkäufe müssen dafür in welcher Zeit gemacht werden? Wieviel Geld wird das Marketing für diese Verkaufszahlen verschlingen? Über welche Marketingkanäle sollen die Kundenscharen kommen?

In diesen Fragen steckt während der Startphase eine Menge Kaffeesatzleserei, und daher bietet es sich eher an, den Bottom-Up-Ansatz zu wählen, also zu schauen, welche Verkaufszahlen man mit dem bestehenden Wissen über Kundenverhalten und Marketingkennzahlen realistisch erreichen kann.

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Dazu muss der Gründer so schnell wie möglich einzelne Marketingkanäle und -methoden testen, erste Verkäufe machen, und daraus die richtigen Schlüsse ziehen, mit welcher Art von Marketing man weiterarbeitet und welche Zahlen damit anzuvisieren sind. Ist beispielsweise herausgefunden, welche Anzahl an Website-Besuchern aus einem bestimmten Marketingkanal nötig ist, um einen Verkauf zu generieren, ist auch kalkulierbar, wieviele Verkäufe damit pro Woche, und pro Monat möglich sind, wenn gleichzeitig ersichtlich ist, wieviel Traffic dieser Marketingkanal hergibt.

So ergibt sich eine überschaubare Menge an Kennzahlen, die es gilt im Blick zu haben und zu optimieren. Ein beispielhaftes Kennzahlen-Set könnte folgendes sein:

  • Kennzahl A: Anzahl der Besucher, die pro Marketingkanal zu vertretbaren Kosten in einem bestimmten Zeitraum auf die eigene Website zu holen sind.
  • Kennzahl B: Conversionrate, also der Anteil der User, die auch zu Kunden werden.
  • Kennzahl C: Durchschnittlicher Kaufbetrag, den ein Kunde bezahlt.
  • Kennzahl D: Wiederkaufquote je Kunde.
  • Kennzahl E: Deckungsbeitrag pro Kauf.

Mit solchen Zahlen lässt sich realistischer planen. Das Zahlenmaterial hilft, die Prozesse im Marketing nach und nach immer weiter zu optimieren.

Die oben erwähnte 80/20-Regel findet sich übrigens auch meist in diesen Marketing-Kennzahlen wieder. Nicht selten entstehen 80 Prozent der Umsätze aus nur 20 Prozent der einsetzbaren Marketingkanäle, teils aus noch weniger. Deshalb sind auch hier genau diese 20 Prozent der Marketingkanäle zu finden.

6. Strukturen zur Skalierung schaffen

Kein Bootstrapping-Startup wird sich zu Beginn ein großes Team leisten können. Dennoch müssen die Leistungen des Startups in allen Bereichen ja irgendwie erbracht werden. Angefangen beim Marketing über die Buchhaltung, den Kundensupport bis zu Gesprächen mit Lieferanten und Partnern. Überall geht es darum, klare Prozesse einzurichten, und deshalb ist es ratsam, all diese Bereiche zunächst selbst zu übernehmen, um das Zusammenwirken zu durchblicken, zu organisieren und die Prozesse aufzustellen.

Am besten ist es, wenn jeder Prozess, jede wiederkehrende Aufgabe im Unternehmen einmal schriftlich festgehalten wird. Das kostet alles viel Schweiß und Nerven, aber so ergibt sich nach kurzer Zeit ein Unternehmenskonstrukt, dessen einzelne Funktionen auch an Mitarbeiter delegiert oder outgesourct werden können. Denn wer dauerhaft alles selbst macht, kann sein Startup niemals ernsthaft weiterentwickeln.

7. Als Lean Startup zum Proof of Concept

Eine ideale Ergänzung zum Bootstrapping im Hinblick auf die künftige Entwicklung ist der Lean-Startup-Ansatz. Hier geht es darum, so schnell wie möglich mit einem minimal funktionisfähigen Produkt, dem sogenannten „minimum viable product“, in den Markt zu gehen und zu beobachten, wie die User damit umgehen.

Welche Produktbereiche sind wichtig, welche sind unwichtig? Was gilt es zu ergänzen, was gilt es wegzulassen? Lernen aus dem Kundenverhalten und -Feedback. Denn wer ewig nur am Produkt vor sich hinbastelt, ohne das Feedback der Kunden zu suchen, kann auch schnell am Markt vorbeisegeln.

Von langer Hand vorbereitete Produktlaunches wie die Apple-Shows sind zwar faszinierend anzusehen, nur ist das beim Bootstrapping mit maximal 1.000 Euro Startinvest vollkommen unrealistisch und eben auch risikoreich. Marktforschung für Lean Startups bedeutet hingegen, real im Markt zu testen.

Wer sein Startup auf diesem Wege weiterentwickelt, darf sich nicht scheuen, ursprüngliche Thesen und Ansätze über Bord zu werfen. Dabei geht es nicht nur um Einzelaspekte wie das Design oder bestimmte organisatorische Fragen. Es geht um das komplette Geschäftsmodell, das ganz grundsätzlich permanent auf dem Prüfstand ist, bis das Startup wirklich auf der Erfolgsspur ist.

Fazit: Erst Bootstrapping, dann VCs und Co

Der Launch eines neuen Startups kann definitiv ohne fremdes Kapital gelingen. Ob VCs und Co in späteren Phasen das Wachstum beschleunigen können, steht auf einem anderen Blatt, aber grundsätzlich bietet sich Bootstrapping für den Aufbau solcher Projekte immer stärker an.

Mit dem Augenmerk auf virtuelle Organisation und den Bootstrapping-Ansatz ist aus Gründersicht vor allem ein Wert hervorzuheben, den ein Startup dieser Art mit sich bringt, und der heißt Unabhängigkeit.

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