nenad marovac

Wie eine Glaubensfrage diskutiert die US-amerikanische Techszene seit einigen Monaten: Befindet sich die Startup-Welt in einer Spekulationsblase – oder nicht? Blasen entstehen an den Märkten dann, wenn Investoren mehr Geld in ein Unternehmen pumpen, als sich dessen Wert künftig entwickelt. Auf beiden Seiten gibt es prominente Verfechter: Beispielsweise Star-Investor Marc Andreessen glaubt nicht an die Blase. Da so viele Menschen mittlerweile Smartphones verwenden, habe sich auch ihr Verhalten fundamental verändert. Und aus diesem Grund seien etwa Bewertungen vom Fahrdienstvermittler Uber (51 Milliarden US-Dollar) berechtigt. Dies sei der Unterschied zum Platzen der Dot.com-Blase: Zum Anfang des Jahrtausends verfügten erst wenige Menschen über einen Internetanschluss.

Anzeige
Die Blasen-Verfechter verweisen dagegen auf mehr als 100 sogenannte Einhörner in den USA – also Startups, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind (eine interaktive Übersicht hat das Wallstreet-Journal zusammengestellt). Für viele ist schwer vorstellbar, dass die jungen Unternehmen mehr als eine Milliarde Dollar wert sein sollen. „Zu argumentieren, wir befinden uns nicht in einer Blase, weil es nicht so schlimm wie 1999 ist“, hatte der Wagniskapitalgeber Bill Gurley getweetet, „ist genauso, als würde man sagen, Kim Jong-Un ist in Ordnung, weil er nicht so schlimm ist wie Hitler.“ Die Debatte ist aufgeheizt: Ein Reporter der New York Times wurde als „Pit Bull“ beschimpft, weil er über die Bubble schrieb.

Sollten die Pessimisten recht haben, könnte die Blase bald platzen, denn die Zeichen für eine Zinswende der amerikanischen Notenbank mehren sich. Der Hintergrund: Erhöht die Zentralbank ihre Zinsen, stecken Investoren ihr Kapital wieder in Anleihen – und entziehen es so auch den Startups ab. Dadurch könnten weitere Anteilseigner in Angst um ihr Geld geraten und ebenfalls verkaufen – in der Konsequenz bricht Panik aus. „Wenn die Bewertungen steigen, ist das wie wenn man ein Gewehr lädt, und es gehört nicht viel dazu, dass es losgeht“, sagte Charles Lee der Agentur Bloomberg. Lee ist Volkswirt von der Standford Universität, der den Einfluss von Zinsen auf die Tech-Industrie untersucht.

Wir haben Nenad Marovac zur Zinswende und der Blasen-Diskussion befragt. Marovac ist Managing Partner und CEO beim Wagniskapitalgeber DN Capital. Der VC ist in Europa, aber auch im Silicon Valley aktiv. Zum Portfolio gehören etwa die deutschen Startups Windeln.deAuto1 und Book a Tiger. Durch seine Erfahrungen und das internationale Portfolio hat sein Wort Gewicht.

Nenad, befinden wir uns in Europa denn in einer Spekulationsblase?

In Großbritannien und Deutschland gibt es bereits unzählige neue Fonds. Wir haben das gerade bei einem Deal gemerkt: Die Idee würde ich als höchstens „interessant“ bezeichnen, das Team war mittelmäßig, aber trotzdem haben sie unglaublich viele Term Sheets bekommen. Das zeigt mir: Wir befinden uns in einem überhitzten Markt.

Anzeige
Einige Experten gehen davon aus, dass die Startup-Blase durch die Zinswende platzen wird – weil die Leute ihr Geld aus den Startups abziehen.

Ich denke nicht, dass sie platzt, aber es wird eine Korrektur geben. Das liegt vor allem daran, dass dort draußen viele Cowboys unterwegs sind, die keine oder wenig Investment-Erfahrung haben, und in den Markt zurückkommen. Das treibt die Preise und darauf folgt nun die Korrektur. Ich denke, es hat schon begonnen.

Wird es künftig schwerer sein, Investments zu bekommen?

Nicht im Moment. Es ist unglaublich viel Geld da draußen. Good time to be an entrepreneur.

Wie wird die anstehende Zinswende der amerikanischen Fed die US-amerikanische Startup-Szene beeinflussen?

Ehrlich gesagt, sehe ich nicht, dass ein Anstieg von einem viertel oder halben Prozentpunkt die Startup-Szene trifft. Möglicherweise trifft es die Märkte, denn die Leute verlagern ihr Geld von Equity zu Anleihen. Doch bei den gegebenen niedrigen Zinsen wird eine kleine Erhöhung keinen Effekt haben. Mehr Sorgen machen ich mir um die Verschlechterung der Märkte und Volkswirtschaften in China und Europa.

Ist das auch ein Problem für die Startups?

China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft ein Slowdown wird die globale Nachfrage und das Wachstum überall beeinflussen. Das trifft alle Märkte.

Infografik: Venture Capital in USA und Europa: Die nächste Blase? | Statista

Die Grafik zeigt Seed-, Startup- und Early Stage Venture Capital Investitionen in USA und Europa im Vergleich zum Jahresdurchschnitt 2007.

Bild: Screenshot/Gründerszene