„Deutschland fehlt ein Elon Musk“, schreibt das Manager Magazin gerade. Die These: Hiesige Gründer sind zu gleichförmig, sie stammen all zu oft von den einschlägigen Wirtschaftshochschulen. Der WHU in Vallendar zum Beispiel, der EBS in Östrich-Winkel oder der Hochschule St. Gallen just jenseits der Schweizer Grenze. Danach noch schnell zu McKinsey oder BCG und ab zur eigenen Gründung. Startup-Deutschland sei durchsetzt von Zahlen-Denkern.

Der Blick auf viele Gründer-Lebensläufe zeigt, dass an diesem Gedanken etwas dran ist. Dass die Unternehmensschmiede Rocket Internet gerne über die Alma Mater ihres Gründers und WHU-Absolventen Oliver Samwer oder die Beraterfirma McKinsey rekrutiert, ist ohnehin bekannt. Was fehlt, dem kann man schwer widersprechen, sind Querdenker, Fachidioten, Vorbild-Nerds. Ob es gleich ein Elon Musk sein muss, sei einmal dahingestellt. Vielleicht wäre das für Deutschland doch noch zu viel des Guten.

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Fest steht: Die Fähigkeiten deutscher Ingenieure, die weltweit einen guten Ruf genießen, werden außerhalb der wohlbehüteten Konzern-Oasen mit Altersvorsorge und Dienstwagen kaum genutzt. Insbesondere nicht im Digitalen. Gegenüber Gründerszene hatte es Index-Investor Neil Rimer so formuliert: Was er noch sehr vermisse, sei „ein Team von exzellenten, sagen wir Audi-Ingenieuren, die sich zusammen tun und ein wirklich innovatives Tech-Startup gründen“.

Stattdessen regiert in der deutschen Startup-Welt die (wirtschaftliche) Denke: Es wird nach Märkten gesucht, damit man Geld verdienen kann. Nach dem Risiko-Assessment geht es dann los, weit aus dem Fenster lehnen wollen sich die wenigsten. Ausnahmen von diesem Muster gibt es zwar, aber sie sind selten. Zu viel Quergedenke verträgt das Land nicht.

Die Situation in Deutschland ist im Groben vergleichbar mit der im Silicon Valley vor gut zehn Jahren: Die Internet-Euphorie an der Westküste war spätestens 2002 von allgegenwärtigem Zweifel überrollt worden, Experimente gab es nicht, mit Ausnahme des 2004 gegründeten Facebook vielleicht. Selbst im Tech-Mekka hatte man die eigene Vision, die eigene Identität vergessen.

Es dauerte bis 2007, als Apple das iPhone vorstellte, bis wieder spürbar Flämmchen aufzuckten in der Tech-Szene. Bald darauf war das Valley zurück im Explosions-Modus. Es entstanden Unternehmen wie Airbnb (2008), Uber (2009), WhatsApp (2009), Pinterest (2010) oder Snapchat (2011). Was alle gemeinsam haben: Die Gründer sind keine BWLer. Brian Chesky studierte Industriedesign, bevor er Airbnb gründete. Uber-Boss Travis Kalanick ist Programmierer, genau wie WhatsApp-Gründer Jan Koum. Ben Silbermann, der Gründer von Pinterest, studierte Politikwissenschaft. Und Snapchatter Evan Spiegel ist gelernter Produktdesigner.

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Wenn die Wirtschaftswoche nun Bob Bechek und Walter Sinn, die Welt- und Deutschlandchefs der Unternehmensberatung Bain, mit den Worten zitiert, das nächste Google könne aus Deutschland kommen, wird auch an anderer Stelle die Identitätskrise hierzulande klar. Das Interview ist gespickt mit BWL-Buzzwords. Worte wie Mut oder Experimentieren sucht man vergebens. Und immer wieder wird versucht, US-amerikanische Vorbilder heranzuziehen, statt sich auf die eigenen Fähigkeiten zu fokussieren.

Dabei ist die deutsche Valley-Vernarrtheit schon im Kern komplett verquer: Was Elon Musk – wie zuvor Steve Jobs – auszeichnet, ist doch gerade, dass er sich nicht auf Vorbilder fixiert. Vielleicht, weil es aus seiner Sicht kaum welche gibt. Ganz bestimmt aber, weil er eine genaue Vorstellung hat von dem, was er erreichen will. Nicht morgen, nicht nächstes Jahr. Musk hat große Ziele. Und an seiner Vision arbeitet er. Hart und ohne zu viel nach rechts und links zu schauen. Oder sich um seine Beliebtheit zu sorgen. Musks Identität ist er selbst, nicht mehr, nicht weniger. So eine Haltung wäre auch für die deutsche Startup-Szene wünschenswert.

Bild: SpaceX