NEW YORK - APRIL 9: As the world economy struggles to overcome a recession, men take a smoke break in the New York Stock Exchange area in the heart of New York's financial district on Wall Street on April 8, 2009 in New York City in New York City. (Photo by Jeff Hutchens/Getty Images)

Der folgende Auszug stammt aus dem Buch „Die Start-up-Illusion. Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert“ von Steven Hill und ist bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur erschienen. Mit seinen Aussagen darüber, dass Startups den Sozialstaat ruinieren würden, entfachte der US-Journalist diese Woche auf der Republica eine lebhafte Debatte.

Eines der besten Beispiele für die Licht- und Schattenseiten der Digitalisierung sind für mich autonom fliegende Drohnen. Ich wohne in der Nähe des Strandes in San Francisco; dort sehe ich ziemlich häufig, wie technikbegeisterte Geeks Drohnen in der Größe von Radkappen den Strand rauf und runter fliegen lassen. Sie haben die Männer mit den hochklassigen Modellflugzeugen fast vollständig abgelöst.

Die beinah wie Raumschiffe der NASA anmutenden Drohnen sind technische Wunderwerke – innerhalb von Sekunden können sie wie Helikopter in die Höhe schnellen, bis sie außer Sicht sind – und dann tauchen sie genauso unvermutet wieder auf. Dank eines eingebauten GPS-Systems schießen sie vor und zurück, sind dabei nahezu lautlos und fliegen ungesehen durch die Luft. Ziemlich beeindruckend, nicht wahr?

Drohnen können aber auch sehr übergriffig sein. Die meisten Männer haben kleine GoPro-Kameras in ihre Miniraumschiffe eingebaut und filmen alles und jeden in Sichtweite. Frauen, die in Bikinis und Badeanzügen auf ihrem Strandlaken liegen, haben keine Ahnung, dass nur vier Meter über ihren Köpfen eine Sonde jede ihrer Bewegungen, jedes Haarezurückstreichen aufzeichnet. Beinah wie Versteckte Kamera – im wahrsten Sinn des Wortes. Bis zur Überwachung der Nachbarn ist es da nur noch ein kleiner Schritt. Noch verstörender ist ein verrückter Russe, der auf YouTube bekannt wurde, weil er Maschinengewehre an seine Drohnen montierte und damit auf Schaufensterpuppen schoss – und das in drastisch-brutaler Weise filmte.

„Die Start-up-Illusion. Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert“, 272 Seiten, 14,99 Euro

„Die Start-up-Illusion. Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert“, 272 Seiten, 14,99 Euro

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Der bekannte Fahrdienst Uber ermöglicht Menschen, die vom Service normaler Taxiunternehmen enttäuscht sind, eine neue Form der Personenbeförderung; aber das Unternehmen überflutet auf diese Weise die Straßen mit Zehntausenden von Autos und verursacht Staus mit hohem Kohlendioxidausstoß. Man wird nun vielleicht etwas früher abgeholt, dafür steckt man unterwegs 25 Minuten länger im Verkehr fest.

Ähnlich Airbnb: Das Unternehmen hat eine beliebte Alternative zu Hotels geschaffen, die einerseits für Reisende günstiger und bequem ist und es andererseits Menschen ermöglicht, sich etwas dazuzuverdienen, indem sie leer stehende Zimmer vermieten; inzwischen ist Airbnb jedoch unterwandert von professionellen Immobilienfirmen, die wissen, dass sie ihre Einkünfte verdoppeln können, indem sie Mieter hinausdrängen und ganze Häuser für Touristen freihalten. Der Bestand an bezahlbarem Wohnraum für Mieter wird weniger, die Profite der Immobilienfirmen steigen, ebenso die Einkünfte der Gründer von Airbnb, die schon in jungen Jahren Milliardäre sind.

Viele der neuen Technologien verschaffen uns mehr Freiheiten und gesellschaftlichen Fortschritt; andere jedoch könnten auf düstere Abwege führen und in der Zukunft eine aufgeblähte „Big-Brother-Stasi“ hervorbringen. Deshalb sollten wir die Startup- beziehungsweise digitale Wirtschaft nicht einfach als „amerikanisch“ und mithin „gut“ begeistert begrüßen; es ist wichtig, sie kritisch zu betrachten.

Ich lebe seit mehr als zwanzig Jahren im Epizentrum Silicon Valley. Als Bürger und als Journalist habe ich zahlreiche „Tech-Bubbles“ kommen und gehen sehen, habe beobachtet, wie Start-ups aufstiegen und abstürzten. Der „Startup-Nationalpark“, wie ich das Silicon Valley gern nenne, hat ohne jede Frage neue, vielversprechende Produkte und Dienstleistungen entwickelt – und dabei auf ebenso erstaunliche wie erschreckende Weise unsere persönlichen Daten erfasst.

Aber die grundlegendste Veränderung betrifft die Art, wie Menschen in Zukunft arbeiten werden. Die neueren Unternehmen des Plattformkapitalismus wie Uber und Airbnb, aber auch Upwork, TaskRabbit, Instacart und Dutzende weitere haben Produkte und Services geschaffen, die nachgewiesenermaßen attraktiv für ihre Nutzer sind; die digitalen Plattformen bieten in einem gewissen Maß tatsächlich neue Formen des Arbeitens und neue Einkommensmöglichkeiten, besonders für Menschen, die flexible Kurzzeitarbeit suchen, oder für jene, die einen erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt haben (in der Regel Minderheiten, Immigranten, Berufseinsteiger und in einem gewissen Umfang Frauen).

Anzeige
Diese Plattformen sind ebenfalls interessant für Menschen, die sich etwas dazuverdienen wollen, indem sie ihr Eigentum „monetarisieren“, also zu Geld machen, zum Beispiel durch die Vermietung ihrer Privaträume oder ihres Autos an Fremde, mit denen sie über verschiedene Apps und Websites in Kontakt kommen.

Die Startup-Wirtschaft eröffnet also einerseits Wege, um Geld zu verdienen. Andererseits folgen die Führungsetagen vieler dieser US-Unternehmen der Philosophie eines extremen „Wirtschaftslibertarismus“, indem sie sich jeglicher Regulierung entziehen und Arbeitskräfte bevorzugen, deren Einsatz sie an- und ausschalten können wie Glühbirnen. Sie beschäftigen eine gewaltige Menge an Subunternehmern, Freiberuflern, Zeitarbeitern oder sogenannten Solo-Selbstständigen (Selbstständige ohne Mitarbeiter), die sie nach Gutdünken anheuern und entlassen können.

Viele der Digitalunternehmen zahlen geringe Löhne, bieten keinerlei soziale Absicherung oder Krankenversicherung und fühlen sich zu keiner partnerschaftlichen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung verpflichtet. Sie können Arbeitskräfte einfach abstoßen, indem sie sie ohne Vorwarnung oder Kündigungsfrist von der digitalen Plattform ausschließen: fired by algorithm.

Außerdem entziehen sie sich ihrer Steuerpflicht und nutzen ihre finanziellen Mittel stattdessen, um ein Heer von Anwälten nach Gesetzeslücken suchen zu lassen. Die Europäische Kommission hat erst im Sommer 2016 Apple zu einer Steuernachzahlung von 13 Milliarden Euro (plus Zinsen) verpflichtet – das entspricht ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt von Island oder Zypern. Seit Jahren gewährt die Republik Irland Apple illegale Steuerermäßigungen, so dass der Konzern deutlich weniger Steuern zahlt als andere Unternehmen. Apple hatte 2014 Unternehmenssteuern in Höhe von 0,005 Prozent auf seinen Gewinn gezahlt.

Die Zeitschrift The Economist schätzte vor einiger Zeit, dass weltweit rund 20 Billionen US-Dollar an Unternehmensgewinnen in Offshore-Steueroasen versteckt werden. Niemand zahlt gern Steuern, aber sie sind heutzutage unerlässlich, um die staatlichen Sozialausgaben zu finanzieren und so eine moderne, zivilisierte Gesellschaft zu ermöglichen. Wie wir noch sehen werden, gestalten die Unternehmen des Plattformkapitalismus – und das beschränkt sich beileibe nicht auf Web- oder App-gestützte Technologiefirmen – ihre Geschäftspraktiken und ihre Strukturen in einer Weise aus, die letztendlich genau die Gesellschaft aushöhlt, die sie angeblich ins 21. Jahrhundert führen wollen.

Bild: Getty Images / Jeff Hutchens