So erleben Startups den German Accelerator - EXIST

Jens Kühnapfel von virtualQ beim Final Pitch des German Accelerators 2016

Crashkurs USA – So geht Business in den Staaten

Auserwählte deutsche Startups erhalten seit 2011 mit dem German Accelerator die Möglichkeit, ihre Geschäftsidee auf der anderen Seite des Atlantiks weiterzuentwickeln. In New York, dem Silicon Valley und neuerdings auch Boston macht das Förderprogramm zweimal im Jahr Gründer für einen neuen Markt und andere Wettbewerbsbedingungen fit.

Neben einem eigenen Büro gibt es für die Jungunternehmer interdisziplinären fachlichen Support von Mentoren und Zugang zu einem großen Netzwerk aus relevanten Branchen-Playern. Das soll ihnen die Chance auf potenzielle Konzernpartner, neue Firmenkunden und Wagniskapital erhöhen. Vor allem aber sollen die Teilnehmer lernen, wie sie ihre Business-Aktivitäten in einem Arbeitsumfeld, in dem andere Gepflogenheiten herrschen, als sie es von zuhause gewohnt sind, weiter vorantreiben.

Der German Accelerator wird unterstützt durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Das BMWi fördert bereits seit 2007 mit EXIST Unternehmensgründungen aus der Wissenschaft, die einen technologieorientierten Schwerpunkt haben. Zwei Gründer, die von EXIST profitierten, berichten von ihren Erfahrungen, die sie im Rahmen des Accelerator-Programmes im Silicon Valley gemacht haben.

„Im Valley herrscht eine hohe Aktivierungsenergie und ein starker Cluster-Effekt“

„Man lernt die Spielregeln. Dann ist man mehr oder weniger auf sich allein gestellt, was aber durchaus sehr positiv ist.“ So fasst Johannes Emigholz von Silexica seinen Aufenthalt im Silicon Valley zusammen. „Das Valley ist einfach sehr speziell. Wie man miteinander umgeht und welches die ungeschriebenen Gesetze sind, wird einem jedoch direkt in der ersten Woche des Accelerators vermittelt“, sagt der Mitgründer und COO.

Silexica ist ein Spinoff der RWTH Aachen, das Programmier-Tools für Multicore Prozessor-Architekturen entwickelt. Im Silicon Valley vor Ort zu sein, gibt für ihn zwei generelle Kernnutzen: die Schnelligkeit, mit der Geschäftsaktivitäten vorangetrieben werden und das dynamische Networking, das das tägliche Business dort bestimmt. The American Way of Doing Business ist sogar ein Thema, das in Woche Eins im obligatorischen Bootcamp neben Bereichen wie HR oder Recht behandelt wird.

Die rasche Let’s try it-Mentalität wird dort stark gelebt – gerade bei tieftechnologischen Innovationen. „Es kann also passieren, dass man durch ein zufälliges Gespräch mit einem der Mentoren direkt den richtigen Ansprechpartner in der Semiconductor Industry vorgestellt bekommt. Mit dem trifft man sich gleich am nächsten Morgen um 8 Uhr bei Starbucks. Diese Person kennt natürlich mehr Leute aus der Branche – und bereits am nächsten Morgen hat man den ganzen Tag voll mit Kaffee-Dates und Business Opportunities.“

Team Silexica Silexica: Rainer Leupers, Maximilian Odendahl, Weihua Sheng, Johannes Emigholz und Jeronimo Castrillon

Kontakte seien ohnehin das A und O. „Und das ist einer der großen Benefits des German Accelerators: Durch das initiale Kennenlernen von relevanten Akteuren, die einen durch Zufallsfaktoren dann mit weiteren wichtigen Leuten vernetzen, wird einem ein großer Vorsprung in puncto Business Development verschafft“, so Emigholz. Es sei im Valley beispielsweise absolut kein Usus, kalt eine E-Mail an große interessante Firmen zu schreiben. Das funktioniere vielleicht in Deutschland, aber die positive Rückmeldung in den USA läuft quasi gen Null. „Dadurch gestaltet sich auch der komplette Arbeitsalltag anders: Die kurzen Wege in der riesigen, dichten Metropolregion begünstigen das Networking, das hier tagtäglich gelebt wird. Man ist ständig unterwegs und trifft Leute, die in relevanten Industrien verwurzelt sind.“

Warum glaubt er, dass gerade sie damals auserwählt wurden? „Zehn Jahre Forschung und Entwicklung an einer renommierten Universität und eine Deep Tech-Innovation waren wohl eine gute Kombination, aus der sich dann die Logik ergab, den relevanten Markt anzusteuern – und dieser sitzt für uns nun einmal zu 50 Prozent in den USA. Ob das nun aber letztendlich der Grund für die Entscheidung war, kann ich allerdings nicht sagen“, sagt Emigholz.

„Man geht einfach viel schlauer raus, als man vorher war“

Auch Jens Kühnapfel von virtualQ hat die Erfahrung gemacht, dass das Startup-Ökosystem im Valley viel aktiver und offener gelebt wird als in Deutschland. „Erfolgreiche Unternehmer, die ‚wissen, wie es geht’, sind generell immer bereit, sich mit jungen Gründern auszutauschen und ihnen zu helfen,“ so der Co-Founder des Berliner und Stuttgarter Startups. virtualQ entwickelt eine Software, die sich für Anrufer in Hotline-Warteschleifen einreiht und ihnen eine Push-Notification sendet, sobald sie an der Reihe sind. Das erspart Kunden Zeit und Nerven, und Unternehmen können wiederum ihre Auslastung optimieren.

Für Kühnapfel spielten während des Accelerator-Programmes vor allem die zahlreichen Meetups eine zentrale Rolle, da diese als wertvolle Türöffner agierten. „Hier rennt man schnell durch Zufall in die richtigen Leute rein – wie etwa den ehemaligen CIO von Amazon oder einen Partner von Andreessen Horowitz. Leute mit so einem unglaublichen Erfahrungsschatz in Bezug auf Startups sind in Deutschland wirklich selten zu finden.“ Bei Events dieser Art lernte der Gründer viele andere Startups kennen, über die er wiederum an wichtige Entscheidungsträger potenzieller Partnerunternehmen gelang.

Team virtualQvirtualQ: Niels Liebisch, Ulf und Jens Kühnapfel

Highlights waren für ihn die Treffen mit Top-Investoren und hochkarätigen Delegationen und der damit verbundene Lern-Effekt. Aktuell sind im Valley viele deutsche Delegationen, wodurch sich für virtualQ einige interessante Geschäftsbeziehungen ergaben, die das Team nun in Deutschland weiterverfolgt. „Am lehrreichsten und hilfreichsten waren aber dennoch die Gespräche mit den Mentoren und erfahrenen Unternehmern, die einem ganz klar sagen, was bei ihnen funktioniert hat und was nicht. Davon werden wir noch lange profitieren.“

Innovation, Strategie, Ökosystem: Der German Accelerator unterstützt Startups beim Einstieg in den US-Markt

Die Plätze im Accelerator sind mittlerweile so begehrt, dass im Herbst 2015 ein neuer Ableger in Cambridge/Boston eröffnet wurde: Der German Accelerator Life Sciences (GALS). Das Programm, das sich explizit an Startups aus Bereichen wie Digital Health oder Medizintechnik richtet, hilft Gründern im größten Life Sciences Cluster der Welt dabei, ihr Produkt in den USA zu etablieren.

Voraussetzung für eine Teilnahme? Die Unternehmen dürfen nicht älter als fünf Jahre sein und müssen bereits in Deutschland ihr Potenzial unter Beweis gestellt haben. Zudem muss das Produkt technologisch orientiert sein und Relevanz für den US-Markt haben.

Ziel des Programmes ist nicht, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in die USA zu verlagern. Gründer sollen lernen, wie man neue Märkte erschließt und Marketing und Vertrieb zielgruppengerecht ausbaut. Vor allem aber sollen sie erleben, welchen Stellenwert ein Kontaktnetzwerk in puncto Business Development haben kann.

Bewerbungen für die nächste Runde können noch bis zum 21. August 2016 eingereicht werden.

EXIST als erste Anschubhilfe für Startup-Innovationen

Das BMWi ist Hauptunterstützer des German Accelerators. Mit dem Programm EXIST fördert das BMWi innovative Startup-Ausgründungen aus der Wissenschaft, die technologisch ausgerichtet sind. Mit insgesamt drei Ausrichtungen zielt das Programm darauf ab, die Innovationskraft und den Gründergeist sowohl an öffentlichen und privaten Hochschulen, als auch an außeruniversitären wissenschaftlichen Einrichtungen zu stärken.

„Mit EXIST erhält man einen unglaublichen Vorsprung – quasi geschenkt. Damit haben wir schon so viel erreichen können, noch bevor wir das erste Geld aufgenommen haben. Das Programm als solches ist einfach sensationell dafür, dass Innovation entstehen und in eine Unternehmensgründung übertragen werden können“, resümiert Johannes Emigholz.

Mehr Infos zu EXIST und zu den Fördermitteln gibt es hier!

 

Artikelbild: virtualQ
Bild Silexica: Silexica
Bild virtualQ: virtualQ