Was Startups für die Luftfahrt leisten können - EXIST

Die Luft- und Raumfahrt – Eine Schlüsselbranche auch für Startups

Die Luft- und Raumfahrtindustrie hält in Deutschland technologisch und ökonomisch eine besonders strategische Rolle inne: Als innovationsstarke, forschungsintensive und bewährte Branche verbindet sie Hightech-Lösungen aus Bereichen wie IT oder Produktion miteinander, wodurch sich der weltweite Markterfolg begründet. Im vergangenen Jahr beschäftigte der Sektor rund 106.000 Mitarbeiter und verzeichnete einen Umsatz von 34,7 Mrd. Euro – fast 20 Mrd. Euro mehr als noch im Jahr 2011.

Innerhalb dieser Wirtschaft wächst die Bedeutung von Startups. Denn: Sie können den dort ansässigen Unternehmen durch ihre unkonventionellen Ideen neue Perspektiven aufzeigen. So findet auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA Berlin Air Show in diesem Jahr zum ersten Mal der ausgebuchte ILA Startup Day statt, auf dem 50 junge Gründerteams ihre Lösungen für die Aerospace-Branche vorstellen. Damit wollen die Veranstalter die Innovationskraft von Startups fördern, ihnen eine Bühne für ihre Produkte und Verfahren bieten und sie mit wichtigen Key Playern vernetzen.

Hohes Potenzial für Kooperationen zwischen Old und New Economy

Der Vernetzungsaspekt und der Austausch zwischen Old und New Economy spielen auf Events wie diesen eine wichtige Rolle – schließlich bringen etablierte Unternehmen nicht nur jahrelange Expertise in puncto Innovationsmanagement, ein großes Kontaktnetzwerk und finanzielle Ressourcen mit, sondern auch Zugänge zu relevanten Industrien und strategisches Business-Knowhow. Für den Geschäftsausbau vieler Startups ist dies durchaus von Interesse. Startups bieten Grownups wiederum innovative digitale Technologien und neuartige Geschäftsmodelle, die sich gewinnbringend in die Aerospace-Prozesse integrieren lassen. Eine Kombination aus Old und New Space Economy ist für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Branche essenziell, denn nur so können neue Innovationen schnell zur Marktreife gebracht werden.

Was sind die Erfahrungen von Startups, die sich in der Luft- und Raumfahrt bewegen?

Doch wie einfach ist es für Gründer, eine Kooperation mit einem Aerospace-Konzern zu starten? Welche Chancen liegen darin, welche Herausforderungen gibt es dabei? Zwei Aussteller-Startups des ILA Startup Days, die bereits mit großen Unternehmen zusammenarbeiten und dadurch neue Geschäftszweige aufbauen konnten, zeigen ihre Sicht auf die Dinge. Gefördert wurden beide Startups von EXIST – dem Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi), das darauf abzielt, neue Technologien und innovative Verfahren von Startups schnell von der Theorie in die praktische Anwendung zu überführen und die Gründerteams mit großen Unternehmen zu vernetzen.

Cevotec

Sind große Unternehmen generell bereit dazu, Startups in ihren Vorhaben zu unterstützen? „Im Prinzip ja“, meint Thorsten Gröne, Mitgründer des Münchener Startups Cevotec, „wenngleich häufig den ‚Insidern’ der Luftfahrtbranche schon beim ersten Blick auf eine Innovation klar wird, welcher Aufwand notwendig ist, um die Technologie in der kommerziellen Luftfahrt zu etablieren.“ Viele Startups seien sich diesem Aufwand laut Gröne nicht bewusst und wundern sich, warum nicht jeder Industrie-Experte sofort absolut begeistert ist.

Zudem sei die Lücke zwischen Das macht Sinn und So kann es realisiert werden in der Luftfahrt aufgrund hoher Sicherheitsanforderungen um einiges größer als in anderen Industrien. „Hier brauchen Startups Unterstützung, um Innovationen schneller und einfacher in der Branche umzusetzen, ohne die Sicherheit zu riskieren“, so Gröne. Positiv befindet er das Engagement der großen Player: Acceleratoren und andere Unterstützungsprogramme seien gut ausgebaut, sodass Startups schnell Zugänge zu wertvollen Kontakten und Netzwerken erhalten – was die Chance auf die Weiterentwicklung ihres Business erhöht.

Cevotec Cevotec: Felix Michl, Neven Majic und Thorsten Gröne

Die Herausforderungen der „Big Aerospace“-Branche sieht Gröne insbesondere in den vielen teuren Zertifizierungen von Fertigungsverfahren, Material und Arbeitsprozessen, die mit jeder Menge Tests und Dokumentationen verbunden sind. „Diese kann ein Startup kaum alleine stemmen“, sagt Gröne. Dem gegenüber stünden allerdings große Chancen: „Ein enormer Weltmarkt, riesige Aufträge, die sich über Jahre ziehen, sowie natürlich auch die Möglichkeit, sich in den ‚Traum von Fliegen’ aktiv einbringen zu können.“

Cevotec Fiber Patch Placement: Herstellung einer komplex gekrümmten 3D-Oberfläche

Cevotec bietet mit Fiber Patch Placement, kurz FPP, die erste Produktionstechnologie für Carbon-Bauteile an, die mit Patch-Laminaten arbeitet und es Herstellern ermöglicht, komplexe Bauteile in hohen Stückzahlen zu fertigen. Das Startup ist ein Spin-Off des Lehrstuhls für Carbon Composites der TU München und wird unter anderem von der Europäischen Raumfahrtagentur ESA sowie EXIST-Forschungstransfer gefördert. Der EXIST-Forschungstransfer war für die Cevotec-Gründer die Basis, um 2014 mit ihrem Projekt an der TU München zu starten – welches dann Anfang 2015 in der Firmengründung mündete. „Ohne EXIST hätte es Cevotec in dieser Form nicht gegeben, und die innovative FPP-Technologie wäre wahrscheinlich zu den Akten gelegt worden. Die Unterstützung von forschungs- und kapitalintensiven Projekten durch EXIST ist sehr vorbildlich; wir konnten davon sehr profitieren“, kommentiert Gröne.

Im Mai 2016 konnte Cevotec eine Finanzierungsrunde von 1,75 Mio. Euro abschließen. Die FPP-Technologie hat das Team gemeinsam mit Airbus entwickelt, führt die Weiterentwicklung allerdings aktuell eigenständig weiter.

Vectoflow

„Große Unternehmen sind definitiv offen für Kollaborationen mit Startups,“ meint auch Katharina Kreitz von Vectoflow. „Gerade die hohe Innovationsgeschwindigkeit, die kurzen Entscheidungswege und die Flexibilität, mit der wir schnell auf Kundenwünsche reagieren, sind interessant für sie. Zudem sind Startups mit viel Leidenschaft und Kreativität bei der Sache – man lebt ja quasi für seine Firma.“

Eine Herausforderung im Hinblick auf Kooperationen sei jedoch immer wieder, überhaupt erst einmal die Chance zu bekommen, Kunden von der hohen Qualität des Produktes zu überzeugen. „Geben die Unternehmen einem allerdings diese Chance, sind sie in der Regel begeistert“, sagt die Mitgründerin. „Es ist ja für das Unternehmen natürlich erstmal ein Risiko, etwas Neues auszuprobieren. Aber: Nur auf diese Weise können Innovationen entstehen.“ Vectoflow wurde im ersten Jahr durch das EXIST-Gründerstipendium gefördert. Die Unterstützung hat das Team primär zum Prototypenbau genutzt, um so die Produktentwicklung schnell voranzutreiben.

Vectoflow Vectoflow: Katharina Kreitz, Dr. Christian Haigermoser und Florian Wehner

Vectoflow produziert Mehrlochsonden und Systeme, die statischen und totalen Druck, Geschwindigkeit und Anströmwinkel von Strömungen messen. Diese sind in Bezug auf Form, Größe und Material perfekt an das jeweilige Einsatzgebiet angepasst. Das Fertigungsverfahren stellt eine starke Robustheit sicher, sodass die Sonden auch in rauen Umgebungen eingesetzt werden können.

Vectoflow Vectoflow-Sonden

„Anwendungsgebiete finden sich überall dort, wo die Aero- bzw. Fluiddynamik einen essenziellen Stellhebel zur Systemeffizienz beiträgt – natürlich in der Luft- und Raumfahrt, aber auch in Bereichen wie Automotive, Energie oder Turbomaschinen“, erzählt Kreitz. Das Team arbeitet derzeit mit diversen großen Firmen zusammen, darunter Audi Sport oder Siemens.

EXIST – Unterstützung für technologische Innovationen

EXIST unterstützt Studierende, Absolventen und Wissenschaftler bei der Konzeption, Entwicklung und Umsetzung ihrer Gründungsvorhaben. Die drei Fördersäulen zielen darauf ab, die Anzahl an technologieorientierten und wissensbasierten Unternehmensgründungen zu erhöhen. Damit sollen neue Technologien und Geschäftsmodelle schneller von der Wissenschaft in die Praxis geführt, und damit Gründungsdynamik und Unternehmergeist hierzulande gestärkt werden.

Alle Infos zu EXIST gibt es hier.

 

Artikelbild: pexels.com
Bild Cevotec: Cevotec
Bild Vectoflow: Vectoflow