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Bietet seine Cloud-Lösungen Startups und dem Mittelstand an: Telekom-Chef Tim Höttges (rechts), hier mit Kanzlerin Merkel (Mitte) auf der Cebit

Der Aufzug entlässt seine Fahrgäste direkt ins Foyer, Stimmengewirr hallt durch den gedrungenen Raum. Gläser klirren, Anzugträger stehen an der Bar, Grüppchen unterhalten sich im Halbdunkel, während auf der Dachterrasse vereinzelt Telefonate geführt werden. Es ist voll in der Telekom Design Gallery im Bonner Hauptquartier, wo sich Startups und Mittelständler auf Einladung des Telekom-Konzerns treffen. Hier wird versucht, die beiden Welt zu verkuppeln – und natürlich auch selbst davon zu profitieren. In zwei Gruppen werden die Besucher durch die Räume geführt, ein Bereich ist etwa wie ein Wohnzimmer ausgestattet, hier geht es um „Smart Home“. Unternehmen wie die Analytics-Plattform Datalover oder das Startup Navvis, das eine Scanning-Technologie für Innenräume anbietet, pitchen ihre Produkte und werben um Kunden.

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Nicht nur mit dieser Veranstaltung positioniert sich der Konzern seit März bewusst als „Brückenbauer“. So will die Telekom etwa mit dem Startup-Programm TechBoost den Austausch zwischen beiden Seiten fördern. Warum macht die Telekom das? „Bei einem kleinen Mittelständler und seinem Betrieb sind keine Kapazitäten oder Ressourcen frei, um weltweit die Startupszene zu durchleuchten“, erzählt Telekom-Chef Tim Höttges gegenüber Gründerszene. „Sie müssen jemanden haben, der ihnen hilft. Jemanden, der Berührungsängste abbaut, Kontakte vermittelt, das Ökosystem vorstellt und zeigt, wie diese Szene arbeitet.“ Umgekehrt fehle es Startups oft an Kontakten, um ihr Geschäft mit Unternehmenskunden aufzubauen, so Höttges. Und: Die jungen Unternehmen sollen die Telekom-Cloud-Lösung statt Angebote wie Amazon Web Services nutzen. „Warum nach Amerika schweifen, wenn es vor der Haustür Chancen gibt?“

Obwohl Digitalisierung kein neues Thema ist, zeigen verschiedene Studien immer wieder, dass Mittelständler tatsächlich noch immer vor Herausforderungen stehen. Im April 2017 berichtete die Wirtschaftswoche über die Studie „Psychologie der Digitalisierung“, die zeigte, dass sich viele Mittelständler bei dem Thema unsicher und gehemmt fühlten. Auch Höttges glaubt: „Die Geschäftsmodelle beherrschen [die Mittelständler] perfekt und managen sie bereits über Generationen.“ Dann kämen Startups und machten den Prozess plötzlich ganz anders. „Auch noch mit anderen Qualifikationen, nämlich mit Software. Da existieren einfach Berührungsängste.“ Dabei könnten Startups, die von Natur aus digitale Geschäftsmodelle haben, und die etablierten Unternehmen voneinander profitieren.

Obwohl sich einer Bitkom-Umfrage aus dem Januar 2017 zufolge gerade einmal 18 Prozent der Mittelständler externe Hilfe für die Digitalisierung suchen, ist die Telekom nicht das einzige Unternehmen, dass sich damit beschäftigt, den Mittelstand an die Digitalisierung – und damit unweigerlich an die Welt der Startups – heranzuführen. Auch große Consulting-Firmen wie McKinsey bieten eine entsprechende Beratung an.

Hinzu kommen frisch gestartete Digitalunternehmen wie etwa die Berliner Agentur Neue Signale. Doch gibt es trotz dieser Beratungsresistenz überhaupt einen Markt? Der Geschäftsführer Bas Timmers glaubt: „Deutsche Mittelständler wurde bisher nicht dazu gezwungen, sich zu transformieren, weil es ihnen gut ging.“ Aber auch das werde sich ändern. So sei seine Agentur von einem Dienstleister kontaktiert worden, als dieser vier Kunden und damit 20 Prozent seines Umsatzes verlor. Der Grund: die Kunden hätten sich nach innovativeren und digitalen Lösungen umgeschaut.

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Auch Jörg Bienert, der sein Data-Unternehmen Parstream vor fast zwei Jahren an Cisco verkaufte, hat ebenfalls eine Agentur aufgebaut, die Mittelständler beraten soll: Aiso-Lab bewegt sich im Hype-Bereich künstliche Intelligenz. Einige Unternehmen seien bereits digital gut aufgestellt, glaubt er. Andere würden jedoch noch keinen Bedarf sehen. Zwar sieht der Gründer und Geschäftsführer es als wichtig an, dass sich Unternehmen mit der Digitalisierung beschäftigten. Doch gleichzeitig warnt er: „Die Beratung von Mittelständlern zur Digitalisierung ist ein heißes Thema.“ Deshalb stürzten sich viele Unternehmen darauf, „fast jeder, der Consulting in seinem Firmennamen hat und nach neuen Themen sucht“.

Währenddessen will die Telekom mit ihrer Erfahrung punkten. Das lässt Konzernchef Höttges immer wieder gerne durchblicken, wenn er hier im Bonner Hauptquartier über das Thema redet. Dass es Herausforderungen gibt, wenn zwei so unterschiedliche und doch so voneinander abhängige Welten aufeinanderprallen, ist Höttges durchaus bewusst. Umso mehr glaubt er, dass das Lernen voneinander wichtig ist: „Das ist in unserer Gesellschaft nicht immer so durchlässig, sondern manchmal etwas hierarchisch.“

Bild: Gettyimages / JOHN MACDOUGALL