Er war ihr Chef in einem gehypten Berliner Startup – und er nutzte seine Macht aus: Mit Kommentaren über ihr Aussehen setzte er seine junge Mitarbeiterin, die noch in der Probezeit war, unter Druck. Als sie versuchte, sich zu wehren, sagte er nur: „Wenn du so herumläufst, ist es kein Wunder, dass du sexuell belästigt wirst.“

„Frauen zählen nichts“, sagte eine andere Mitarbeiterin des Startups gegenüber Gründerszene über die Unternehmenskultur. Beide Frauen möchten anonym bleiben: Man halte sie sowieso für labil und ihre Arbeit für weniger gut. Eine sagt: Wegen abfälliger und arroganter Bemerkungen von Vorgesetzten verließen Mitarbeiterinnen das Unternehmen meist schnell wieder.

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Ähnliche Vorfälle geschehen in der Tech-Branche häufig. In den USA ist die Sexismus-Debatte derzeit einmal mehr in vollem Gange, nachdem eine ehemalige Uber-Entwicklerin über die Missstände in dem Milliarden-Startup gebloggt hatte. Seitdem gab es viele Berichte: Erst vergangenes Wochenende wurden in einem Artikel Vorwürfe gegen den US-Investor Justin Caldbeck laut. Eine Gründerin sagt, er habe sie in sein Hotelzimmer eingeladen. Eine andere gibt an, von ihm unter dem Tisch angefasst worden zu sein. Die Empörung danach war groß, der Bericht veranlasste sogar LinkedIn-Gründer Reid Hoffman dazu, einen langen Blog-Post mit dem Titel „Menschenrechte für Gründerinnen“ zu schreiben. Darin urteilt er: „Das ist komplett unmoralisches und abscheuliches Verhalten.“ Caldbeck trat wenig später zurück.

„Ich werde Berlin nicht verlassen, ohne Sex mit dir gehabt zu haben“

In der deutschen Tech-Szene sieht es kaum anders aus. Immer wieder berichten Mitarbeiterinnen auch gegenüber Gründerszene von Vorfällen. Selten trauen sie sich an die Öffentlichkeit. Ein bekanntes Beispiel stammt noch aus dem Jahr 2014, wo ein Investor gleich zwei Startup-Mitarbeiterinnen nach einer Konferenz anschrieb: „Ich werde Berlin nicht verlassen, ohne Sex mit dir gehabt zu haben. Deal?“

Gründerszene wollte nun von bekannten Berliner Startups wissen, ob es bei ihnen bereits Fälle sexueller Belästigung gab – und wie sie mit dem Thema umgehen.

Delivery HeroHelloFreshLesara, N26 und FinLeap – also fünf Unternehmen, die zusammen etwa 8.000* Mitarbeiter beschäftigen – geben an, dass es bisher keinen Vorfall gegeben habe oder kein Vorfall bekannt sei.

screenshot-smsZalando und Rocket Internet kommentieren die Frage von Gründerszene nach konkreten Vorfällen nicht, senden aber klare Statements zum Umgang. So heißt es etwa von Zalando: „Im Fall solcher Handlungen durch Zalando-Mitarbeiter distanzieren wir uns ausdrücklich und ziehen etwaige rechtliche Schritte in Erwägung.“ Rocket schreibt: „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begegnen sich mit sehr viel Respekt, sodass sexistische, rassistische oder xenophobe Belästigungen kein Problem im Unternehmen darstellen.“ Sollten sich dennoch Vorwürfe erhärten, greife man „zu drastischen disziplinarischen Maßnahmen“.

Von dem Mode-Onlineshop Lesara heißt es, man verfolge eine „Zero Tolerance Policy“. Der Kochboxen-Versender HelloFresh erklärt, das Thema „Diversity“ werde sehr stark vom C-Level unterstützt und vorangetrieben. So engagiere sich beispielsweise der IT-Chef für eine höhere Frauenquote in seinem Team. Das sei „ein wichtiges Signal an alle Mitarbeiter“.

Die Realität bleibt ernüchternd

Einen Ansprechpartner für Vertrauliches gibt es bei der Fintech-Schmiede FinLeap. Vom Unternehmen heißt es, man beschäftige auf jeder Führungsebene starke Frauen, die ebenfalls als Ansprechpartnerinnen für derartige Fälle fungieren könnten. „Chauvinismus und Frauenfeindlichkeit haben bei uns keine Chance.“

Dass Startups für sich klare Werte definiert haben, ist ein wichtiger Schritt. Doch die Praxis sieht noch ganz anders aus.

So zeigt eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie, dass sexuelle Belästigung in Startups häufiger vorkommt als in klassischen Unternehmen. Mehr als die Hälfte der befragten Startup-Mitarbeiterinnen bekamen demnach in den vergangenen zwölf Monaten anzügliche Kommentare zu hören. Ein Drittel berichtet von unerwünschten Berührungen und ein Fünftel von unerwünschten Küssen. In älteren Unternehmen sind diese Zahlen deutlich niedriger (siehe Grafik).

Die Daten erhob das Marktforschungsinstitut Innofact im Auftrag der Bild am Sonntag. Die Umfrage unter den insgesamt 1.247 Frauen ist nicht bevölkerungsrepräsentativ, da der Anteil von Mitarbeiterinnen in Startups zu niedrig ist. Deswegen mussten sie gezielt für die Studie angesprochen werden.

Die Umfrage ergibt weiter, dass zwar 80 Prozent der befragten Startup-Mitarbeiterinnen über den Vorfall sprechen. Nur knapp 15 Prozent melden das Ereignis aber den Vorgesetzten oder einer im Startup zuständigen Person.

Die meisten melden Vorfälle nicht

Zehn Prozent der Startup-Mitarbeiterinnen erstatten keine Meldung, weil sie Angst vor Folgen wie Kündigung oder Mobbing haben; sieben Prozent wollen keine Unruhe im Betrieb stiften und sechs Prozent schämen sich für den Vorfall. Fünf Prozent glauben, eine Meldung würde nichts nutzen. Hingegen sind 27 Prozent der Ansicht, der Vorfall sei nicht schlimm genug oder als Spaß gemeint gewesen.

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Ein Grund für die wenigen Meldungen könnte aber auch sein, dass laut der Studie in Startups Belästigung deutlich häufiger von den Vorgesetzten ausgeht: 12,8 Prozent der befragten Startup-Mitarbeiterinnen sagen, ihr Chef habe sie belästigt. In klassischen Unternehmen geben das nur 2,4 Prozent der befragten Frauen an.

Warum die Unterschiede zwischen Startups und älteren Unternehmen so groß sind, kann viele Gründe haben. In Startups sind die Mitarbeiter jünger und die Hierarchien flacher. Es gibt viele Partys und viel Alkohol. Soziologin Christiane Funken erklärt gegenüber der BamS, es bestünden weniger Regeln in noch jungen Unternehmen. Viele Gründer würden außerdem den hohen Erfolgsdruck kaum aushalten, was zu Überforderung führe.

Sicherlich spielt eine große Rolle, dass Frauen in der Tech-Branche weiterhin kaum sichtbar sind. Bei deutschen Risikokapitalgebern gibt es fast keine Partnerinnen. Ein Blick in die großen Startups der Branche zeigt ebenfalls ein klares Bild:

  • Bei Delivery Hero, das am Freitagmorgen an die Börse geht und mehr als 12.000 Mitarbeiter beschäftigt (darunter etwa 6.700 Fahrer), gibt es unter den elf Plätzen im Management und Aufsichtsrat keine Frau.
  • Unter dem fünfköpfigen „Global Management“ bei HelloFresh findet sich keine Frau, unter den sieben Länder-CEOs zwei Chefinnen.
  • Im Aufsichtsrat und auf Vorstandsebene bei Zalando finden sich zwei Frauen unter insgesamt zwölf Personen.
  • Im Rocket-Aufsichtsrat sitzen acht Männer, die neun Top-Management-Plätze bei Rocket Internet besetzen ebenfalls nur Männer.

Fintech-Chefin und Ex-Bankerin Anne Boden fand auf der männlich dominierten Tech-Konferenz Noah vergangene Woche klare Worte: „Seit den 80er Jahren hat sich nichts verändert.“

Titelbild: Westend61/Getty; (*Fahrerflotte von Delivery Hero mit über 6.700 festen und freien Kurieren nicht mit eingerechnet.)