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Mit Live-Musik wird heute mehr Geld verdient als mit Tonträgern

Nach unserem Hintergrundbericht über den Musik-Streaming-Dienst Deezer begann eine große Diskussion. Musiker und Produzenten haben uns erzählt, wie dürftig sie bezahlt werden, wenn ihre Musik gestreamt wird. Bei ihnen haben Spotify, Apple Music und Deezer keinen guten Ruf. Keine Frage, das Musikgeschäft hat sich durch die Digitalisierung dramatisch gewandelt.

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Konnte man vor Jahren mit CD-Veröffentlichungen noch gutes Geld verdienen oder zumindest sein Musiker-Leben bestreiten, wird heute immer mehr gestreamt oder auf Youtube kostenfrei Musik konsumiert. Einnahmen bestreiten viele Künstler heute vor allem mit Konzerten. Wir haben uns mit dem ehemaligen Chef von Universal und Ex-Staatssekretär Tim Renner über Musik-Streaming und die schwierige Lage der Künstler unterhalten.

Wer verdient eigentlich das Geld beim Streamen?

Es ist einfache Mathematik: Der Musikmarkt ist wegen der Streamingdienste im vergangenen Jahr in Deutschland um 4,2 Prozent gewachsen. Dieses Wachstum wird auf Basis der Umsätze der Labels ermittelt. Wenn zeitgleich die Einnahmen der Künstler sinken, dann bleibt beim „Middleman“ mehr hängen. Dieser Profiteur, der zwischen den Streamingdiensten und den Künstlern agiert, sind die Plattenfirmen.

Wie sieht die Rechnung für Plattenfirmen aus?

Sie rechnen Künstler nach den Parametern ab, die auch für CD oder LP galten. Im Preis eines Tonträger sind aber Kosten der Plattenfirmen enthalten, wie zum Beispiel Herstellung, Lagerhaltung, Shopping, Billing, Retourenabwicklung – aber auch die GEMA-Gebühr, die beim Streaming die Plattform übernehmen muss. Beim Streamen entfallen all diese Kosten – und das Label ist doppelter Gewinner, der Künstler der Gelackmeierte.

Was zahlen die Streamingdienste den Labels?

70 Prozent Ihrer Umsätze zahlen Streamingplattformen an die Inhaber der Leistungsschutzrechte. Nach Zahlungen an die GEMA verbleiben knapp 20 Prozent, mit denen die Anbieter Dinge wie Server, Aufbereitung oder Zahlungsabwicklung begleichen müssen. Das ist eher knapp gerechnet, da bereichert sich keine der Plattformen.

Wie geht es denn jetzt weiter?

Im Fall von Spotify wird mit einen Börsengang spekuliert. Das wäre für die Künstler eine besonders bittere Variante. Denn für die Erlaubnis, ihre Rechte zu nutzen, halten die Plattenfirmen 30 Prozent der Anteile an Spotify. Momentan wird Spotify auf 14 Milliarden Euro Wert geschätzt. 4,2 Milliarden Euro würden beim Börsengang also Richtung Plattenfirmen fließen. Davon bekämen die Künstler mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Cent.

Danke für das Gespräch, Tim!

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von greggo33