Raab Absolute Mehrheit

Es sollte das Talk-Novum der vergangenen Monate, wenn nicht sogar Jahre werden: ProSieben-Frontmann Stefan Raab wagte sich am Sonntag mit seinem neuen Format Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen an das Thema Politik. Mit Verena Delius war auch ein Mitglied der Berliner Startupszene vertreten, kam aber über die zweite Runde nicht hinaus.

„Absolute Mehrheit“ überzeugte nicht

Natürlich wurde einiges über das neue Politik-Talk-Format „Absolute Mehrheit“ im Vorfeld geschrieben, fürchteten viele Kritiker doch eine Verrohung der politischen Diskussion. Ganz überraschend kam die kurzfristige Absage von Bundesumweltminister Peter Altmaier daher wohl auch nicht. Und dennoch: wenn ein Stefan Raab mitmischt, schwingt immer auch ein wenig das Damokles-Schwert des Quotenverlusts über den Öffentlich-Rechtlichen. Letztlich werden sich Freunde der gepflegten Unterhaltung zwar ohnehin nicht mit der Kombination von Game-Show und Polit-Talk anfreunden können, dennoch ließ das Format im Vorfeld eine gewisse Zugkraft vermuten. Diese blieb in der Sendung, abgesehen von der Quote, jedoch aus.

Dabei war der Grundgedanke des Showformats ganz einfach: Die drei Themenkomplexe Energiewende, Soziale Netzwerke und Steuergerechtigkeit sollten je eine Runde bilden, zu deren Ende jeweils Peter Limbourg die Debatte analysieren und ein Zuschauer-Voting präsentieren sollte. Derjenige mit den wenigsten Anrufen durfte weiter mitreden, konnte aber nicht mehr die 100.000 Euro gewinnen. Diese würden einem Finalisten vorbehalten bleiben, der mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereint.

Doch so temporeich dieser Ansatz auch konzipiert war, er ging nicht auf. Wann immer eine Diskussion aufzukommen schien, würgte Stefan Raab das Geschehen ab und hetzte an Peter Limbourgs Pult zum oberflächlichen Auswerten des Geschehens. Limbourg selbst kam dabei über die Rolle eines hölzernen Statisten nicht hinaus. Oberflächlich betete er belanglose Zahlen neben dem Wachhund Stefan Raab herunter und lieferte den peinlichen Höhepunkt der Sendung, als er Raab zum Schluß der Sendung lobte, dass er auch Politik könne.

Die Talkgäste „diskutainten“

Dass er Politik könne, wollte selbst Raab als Kompliment nicht wirklich hören. Über den Verlauf der Sendung präsentierte er sich bissig und sarkastisch – stets bemüht, die Diskussion mit lockeren Sprüchen am Leben zu halten und nicht in einen trockenen Talk abdriften zu lassen. Negativ-Höhepunkt war dabei Raabs rassistisch anmutender Witz gegenüber Philipp Rösler, den auch der Spiegel in seiner Rezension zu Raabs neuer Show monierte: „Wenn Rösler das beim Abendessen sieht, fallen ihm hoffentlich nicht die Stäbchen aus der Hand“, sagte Raab in Reaktion auf ein Statement von Wolfgang Kubicki.

So unterhaltsam das Pointen-Ping-Pong stellenweise sein konnte, eine wirkliche Diskussion wollte nicht zustande kommen. So tief wie bei Raabs Promi-Turmspringen ging es also nicht zu – höchstens hier und da beim Niveau. Die Tiefe des Gesprächs kam währenddessen über den Nicht-Schwimmer-Bereich nicht hinaus. Dies bekamen auch die Gesprächsteilnehmer mit und agierten eher wie Mini-Entertainer, sofern sie denn nicht von Kalauer-Raab unterbrochen wurden.

Während CDU-Vertreter Michael Fuchs als einziger Krawatten-Träger von der Diskussionsführung überfahren wurde und prompt als erster ausschied, blieb auch Verena Delius blass. Im Duell mit vier Berufspolitikern kam sie ohne Hilfe von Raab praktisch nicht zu Wort. Hatte sie dann einmal Redezeit, positionierte sie sich aber geschickt mit Statements, welche eine eher volksnahe Perspektive kolportierten. Dennoch schied sie in der zweiten Runde knapp gegen SPD-Mann Thomas Oppermann aus – und das nachdem sie länger die „geile Drei“ gewesen war. Für Aufmerksamkeit konnte sie dennoch sorgen, auch wenn die Webseite von Goodbeans (www.goodbeans.de) während der Sendung größtenteils nicht zu erreichen war.

Mit 42,6 Prozent der Stimmen „gewann“ schließlich Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Kubicki, durfte angesichts fehlender Prozente aber nicht die 100.000 Euro einstreichen. Die Welt feierte ihn dennoch als Flirt-Sieger des Abends. Warum sich Kubicki schließlich gegen den Zweitplatzierten Jan van Aken durchsetzen konnte, wurde in der insgesamt langweiligen Abstimmung nicht klar.

Fazit: Viel Unterhaltung, wenig Talk

Bevor im Januar die zweite Polit-Runde bei Raab ansteht, sollte an dem an und für sich interessant-gewagten Konzept also noch gefeilt werden. Wenn es gelingt, den Totalausfall Peter Limbourg besser einzubinden und die Diskussion besser am Laufen zu halten, ließe sich vielleicht auch etwas mehr Tiefgang erzielen. Für Unterhaltung war auch so gesorgt – weniger Themen würden dem Showformat wohl dennoch gut tun. Wenn dann auch noch das fäkalbraune Sofa und das karge Studio mit Billigburg-Atmosphäre einem ansprechenden Studioaufbau weichen würden, ließe sich das Format zumindest besser aushalten.

Die Arte-Zielgruppe wird wohl – zurecht – dennoch nicht einschalten. Aber für diese braucht sich Raab ja ohnehin nicht zu interessieren: Mit 1,28 Millionen der 14- bis 19-Jährigen, brachte es der Entertainer auf einen Marktanteil von 18,3 Prozent. Bitter für die Politik, wenn sich die Jugend zukünftig auf dieser Basis informiert, gut für Quotenjäger Raab.

Bildmaterial: ProSieben Sat.1