Wird mehr und mehr zum Randgeschäft bei Ströer: die klassische Außenwerbung

Vor zwei Monaten war das Münchner Payment-Unternehmen Wirecard betroffen – jetzt haben Shortseller die Aktie des Kölner Internetkonzerns Ströer ins Visier genommen. Am Donnerstag brach der Kurs der im MDax notierten Aktie um bis zu einem Drittel ein. Der Grund: ein über 60 Seiten starker Report der US-Researchfirma Muddy Waters, in dem Ströer geschönte Zahlen und Verfehlungen der Unternehmensführung vorgeworfen werden.

Hinter Muddy Waters steht der Jurist Carson Block, der sich vor allem mit kritischen Reports zu chinesischen Firmen einen Namen gemacht hat. Im Dezember hatte ein Muddy-Waters-Papier zur französischen Supermarktkette Casino einen Kurssturz ausgelöst – von dem auch Block profitierte, der mit Leerverkäufen gegen die Casino-Aktie gewettet hatte. Das Prinzip hinter dem sogenannten Shortselling: Investoren leihen sich Wertpapiere, um sie sofort weiterzuverkaufen. Das Ziel ist, bis zur Rückgabe des Papiers dieses zu einem niedrigeren Kurs einzukaufen und die Differenz als Gewinn einstreichen zu können.

Auch bei Ströer halte man Leerverkaufspositionen, heißt es von Muddy Waters. Die US-Amerikaner sind damit allerdings nicht allein: Eine Auswertung des Magazins Capital ergab gerade, dass bei Ströer gut ein Drittel aller überhaupt handelbaren Aktien derzeit leerverkauft sein soll.

Ströer reagierte schnell und wies am Nachmittag gegenüber Investoren alle Anschuldigungen zurück: „Der Bericht ist weit hergeholt, enthält nichts Neues und ist verleumderisch.“ In einer Pressemitteilung hieß es weiter, der Report sei „mindestens tendenziös und im Ergebnis vollkommen haltlos“. Man werde das Papier „auf falsche Angaben überprüfen und zeitnah inhaltlich Stellung beziehen“.

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Die Geschäftsaussichten von Ströer seien weiterhin „ausgezeichnet“, betont das Unternehmen, an den zuletzt veröffentlichten Prognosen halte man fest. Mit dem radikalen Umbau zum Internetkonzern und einer hyperaktiven Akquisitionstätigkeit hat das frühere Außenwerbungsunternehmen zuletzt glänzende Zahlen geschafft.

Genau daran meldet Muddy Waters Zweifel an: Man halte das organische Wachstum und den Cashflow für deutlich geringer als von Ströer berichtet. Unklar sei, ob die „überhöhten Zahlen das Ergebnis von Inkompetenz sind oder der Versuch, Investoren in die Irre zu führen“. In jedem Fall seien die Kölner „nicht das Unternehmen, wofür es der Markt anscheinend hält“.

Auch die Ergebnisse von Ströers Video-Außenwerbungsgeschäft werden im Report angezweifelt, sie lägen unrealistisch deutlich über denen der Wettbewerber. Darüber hinaus schreibt Muddy Waters von Aktienveräußerungen durch Insider, die nicht korrekt gemeldet worden seien. Den Ströer-Aufsichtsrat halten die US-Amerikaner für „nicht mehr ausreichend unabhängig“.

Am späten Nachmittag erholte sich die Ströer-Aktie etwas, lag aber immer noch fast 20 Prozent unter dem Vortageswert.

Bild: Ströer