Farbenfroh: Das Zelt von 3M auf der SXSW-Konferenz

„Das wird vermutlich mein letztes Jahr“, dachte ich auf dem Hinflug zur meiner vierten South by Southwest Interactive (SXSW), einer der größten Digital- und Tech-Konferenzen der Welt, die jährlich in Austin, Texas, stattfindet. „Nach 22 Jahren Bestehen wird sie sicherlich zu groß, zu wenig relevant, zu unübersichtlich.“ Im vergangenen Jahr trat die Sandwich-Kette Subway als einer der Hauptsponsoren auf, in diesem Jahr übernahm McDonald’s das Ruder. „Es wird viel zu kommerziell, ich lasse das in Zukunft“, waren meine Gedanken. Aber: Die SXSW ist ein Klassiker unter den Tech-Konferenzen und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Kaum Werbung. Normalerweise pflastern die Startups alles zu.

Das nächste große Ding?

Hoffnung haben auch die unzähligen Startups, die jedes Jahr zur SXSW reisen. Apps wie Foursquare und GroupMe launchten auf der Konferenz – so versuchen jedes Jahr wieder junge Unternehmen, dort ebenfalls groß rauszukommen. In ganz Austin verteilten Startups Werbeplakate, Zettelchen und Aufkleber. Um diese nach der Konferenz leichter ablösen zu können, wurde um Parkuhren, Laternen und Säulen vorsorglich Klarsichtfolie gewickelt. Allerdings sah die Schlacht um Aufmerksamkeit auf den Straßen im Vergleich zu den Vorjahren weniger spektakulär aus.

Innerhalb des Konferenzprogramms schienen Startups mehr Raum einzunehmen: Besonders im Hilton-Hotel hatten sie eine größere Fläche und Bühnenpräsenz. Pitches und Mentor-Sessions fanden täglich zu verschiedenen Themen statt. Auch McDonald’s und Visa ließen Gründer pitchen.

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Zum siebten Mal fand außerdem der SXSW-Accelerator, der Startup-Wettbewerb der Konferenz, statt. Insgesamt hatten sich mehr als 500 Startups aus der ganzen Welt beworben, nur 48 davon durften sich dann präsentieren. Als einziges deutsches Unternehmen war Tinnitracks nominiert – und hat in seinem Themenfeld, Digital Health and Life Sciences Technologies, den ersten Platz geholt.

„Ich bin wirklich sprachlos über diesen Erfolg, der ganz klar auf dem gesamten Team und unseren zahlreichen Unterstützern basiert“, erzählte mir Jörg Land, Geschäftsführer von Tinnitracks, nach dem Sieg. „Dass wir uns gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen konnten, ist ein großer Schritt für uns.“

Auch Heiko Hubertz, Gründer des Gaming-Unternehmens Bigpoint, zeigte sich beeindruckt von der Innovationskraft der Startups, die bei der SXSW pitchten. Dass mit Tinnitracks ein deutsches Unternehmen den Pokal mit nach Hause nehmen durfte, freut ihn. „Nicht nur weil ich Unterstützer von Tinnitracks bin, sondern weil es zeigt, welche innovativen und qualitativen Startups wir als Hidden Champions in Deutschland haben.”

G Tipp – Lesenswert bei Gründerszene  Meerkat und Co: Alles für die Katz!

Und für welches Startup könnte die SXSW noch ein Sprungbrett sein? Bereits vor der Konferenz wurde gemunkelt, Meerkat werde die SXSW-App 2015. Mit Meerkat können Videos live auf Twitter gestreamt werden. Und tatsächlich: Überall wurde die App genutzt; häufig von Journalisten und Reportern, die Keynotes, Panels oder Talks live streamten. Auch auf Partys kam Meerkat zum Einsatz, um die Festival-Eindrücke mit Followern zu teilen. Ein erster Erfolg für die App – ob dieser auch nach der Konferenz anhält, bleibt abzuwarten.

Die großen Player

Neben Startups aus aller Welt kamen auch große Tech-Unternehmen wie Yahoo, Google, Facebook und Spotify zur SXSW – und fuhren die Marketingbudgets hoch. Sie präsentierten neue Produkte, hielten Panels und schmissen Partys, um die Fans bei Laune zu halten. Google beispielsweise lud in das GoogleFiber-Haus ein. Besucher konnten dort Virtual-Reality-Brillen testen oder Sound-Profile anlegen lassen.

Doug MacMillan (Wall Street Journal) interviewte Lyfts CEO Logan Green

Die Großen wollten auch auf der Bühne überzeugen. So versuchte Lyfts CEO Logan Green im Interview, sein Unternehmen von Uber abzugrenzen, sprach von unterschiedlichen Visionen und äußerte humorvoll, aber offen seine Abneigung gegen den Konkurrenten. Der, so sagte er, sei „ein paar Mal zu weit gegangen“. BuzzFeeds CEO Jonah Peretti war in diesem Jahr erneut als Keynote-Speaker eingeladen – eines der Highlights der Konferenz. „Content ist Kommunikation“ war der Schlachtruf, als er in dem vollbesetzten Keynote-Saal präsentierte.

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Neben Amazon, Google, Eventbride und anderen großen Namen, mischte sich dieses Jahr übrigens die Berliner Foto-Sharing-Plattform EyeEm unter die Speaker, um zu erklären, wie Startups erfolgreich eine Community aufbauen können.

SXSW, Du hast Dich verändert

Die diesjährige SXSW war tatsächlich anders als in den Jahren zuvor. Die Straßen schienen leerer als sonst, für gute Sessions musste man kaum anstehen. Komplett überwältigt war ich jedoch von keinem der Inhalte. Das könnte zugegebenermaßen daran liegen, dass ich Konferenzen sehr gerne und viel besuche. Dadurch wiederholen sich Programmpunkte wie das Interview mit Andrew Keen über sein Buch „The Internet is not the Answer“ für mich. Die SXSW 2015 schien gleichzeitig weniger technische Inhalte zu haben. Und es gab nicht so viele witzige Startups in den Straßen, dafür mehr offizielle Pitches in den Räumen.

Trotzdem: Das Spektakel drumherum, die alten und neuen Gesichter, mit denen man in Austin Tag und Nacht erlebte, machten die SXSW Interactive wieder zu einem Erlebnis. Im nächsten Jahr werde ich wohl doch wieder hier sein.

Bildeindrücke von der SXSW:
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Tinnitracks-Mitgründer Jörg Land beim Sieges-Pitch auf der Bühne des SXSW-Accelerators.

Bilder: Felicitas Hackmann