Tame Torsten Müller

Zwischen Relevanz und Rauschen

Wer mehr als ein paar Handvoll nicht besonders wortkargen Leuten auf Twitter folgt, kennt das Problem: Zwischen Spam, Werbung und Konversationen verliert man im Stream schnell den Überblick. Dem will das von Frederik Fischer, Arno Dirlam und Torsten Müller gestartete Tame (www.tame.it) Abhilfe schaffen. Als „Kontext-Suchmaschine“, wie man sich selbst bezeichnet, soll das Angebot Relevantes vom Rauschen trennen.

In einer Vorabversion ist Tame schon seit einer Weile verfügbar, nun startet Tazaldoo, das Unternehmen hinter der Plattform mit dem (Re)Launch sein Geschäftsmodell, samt neuem Design und neuen Funktionen – und einem Preismodell. Um dies umzusetzen, wurde das Team seit April von vier auf zehn Mitarbeiter aufgestockt – finanziert vom IBB Frühphasenfonds und über eine Crowdfundingkampagne, die 250.000 Euro eingefahren hatte. Ab Oktober startet Tame beim German Silicon Valley Accelerator in San Francisco.

Im Interview verrät Mitgründer Müller, wie sein Unternehmen bislang ohne VC-Geld über die Runden kam, was Tame „kann“ und welche weiteren Funktionen für Tame geplant sind, aber auch, wie Tazaldoo mit der sozialen Suchmaschine Geld verdienen will.

Hallo Torsten! Erkläre doch bitte in drei kurzen Sätzen, was Tame ist und was es dem Nutzer genau bietet.

Tame ist die erste Kontextsuchmaschine für Twitter. Tame liefert auf einen Blick die relevantesten Themen, Nutzer und Inhalte aus dem eigenen Twitter-Netzwerk und zu jedem frei wählbaren Suchbegriff. Vor allem Journalisten, PR-Experten und Marketingspezialisten sparen mit Tame wertvolle Zeit bei der Recherche.

Wie ist Tame entstanden? Gab es ein konkretes Vorbild – Suchmaschinen für Social-Media-Kanäle gibt es ja bereits mehrere…

Ein konkretes Vorbild gab es für Tame nicht. Aber die Tatsache, dass Google das Echtzeitnetz, also vorrangig Twitter, nicht indiziert, hat uns inspiriert. Die Ursprungsidee stammt allerdings aus dem Jahr 2011, als im Zuge des arabischen Frühlings soziale Medien wichtige Nachrichtenquellen wurden – mit dem Nachteil, dass es eine Flut an (nicht verifizierbaren) Inhalten gibt. Mit der Umsetzung haben wir dann ein Jahr später angefangen, nachdem wir zwischenzeitlich mit Arno einen Entwickler ins Gründerteam geholt und eine erste Finanzierung mit Exist bekommen haben. Erstmals präsentiert haben wir Tame bei Hacks und Hackers in Berlin, einem regelmäßigen Treffen von Journalisten und Entwicklern.

Stelle doch mal kurz das Team vor…

Das Kernteam von Tame ist eine Mischung aus Journalisten und Entwicklern. Ich würde gerne Arno, Mitgründer und CTO hervorheben – denn er übersetzt schließlich unsere Ideen in Code. Impulsgeber ist meist Frederik, unser Geschäftsführer, der als Journalist viele Jahre für Fernsehen, Radio und Online-Medien gearbeitet hat und sich ausgiebig mit dem Innovationsbedarf der Branche auseinandergesetzt hat.

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Ich selbst habe ebenfalls einen journalistischen, allerdings auch einen PR-Background und verantworte somit Marketing und Vertrieb. Quasi seit Beginn ist Matthias dabei, der die Frontend-Entwicklung leitet. Im April stieß Tobias als Redakteur, Community Manager und SEO-Experte zum Team. Charles und Oliver verstärken seit kurzem die Entwicklung. Damit bei unserem schnellen Wachstum kein Chaos ausbricht, unterstützt uns Sarah bei der Büroorganisation, sowie bei Personal- und Buchhaltungsfragen.

Die sozialen Netzwerke sammeln haufenweise Informationen – und spucken diese nicht immer so aus, wie es der Nutzer gerne hätte. Was ist Euer Ziel mit Tame?

Unser Ziel ist es, die Informationsflut in sozialen Medien zu bändigen. Viele Nutzer fühlen sich von der Masse an Inhalten überwältigt, die in Streams auf die Nutzer herab prasseln. Beispiel Twitter: Bei täglich 400 Millionen Tweets geht einfach eine Menge unter. Wir wollen die relevanten Inhalte herausheben und unseren Nutzern Zeit bei der Recherche sparen. Dazu kommt, dass die Suchfunktionen der sozialen Netzwerke – wie (nicht nur) wir finden – meist unterirdisch sind. Neben Twitter haben prinzipiell noch ein paar weitere Plattformen Bedarf, gebändigt zu werden.

Und wie wollt Ihr damit Geld verdienen?

Tame wird erstmal im Freemium-Modell starten. Die Analyse der eigenen Twitter Timeline bleibt kostenfrei (Tame Free), während globale Suchen und weitere Funktionen ab fünf Euro im Monat abonniert werden können (Tame Basic). In den kommenden Monaten werden weitere Modelle starten. Außerdem bieten wir Geschäftskunden die Möglichkeiten, Daten über einen längeren Zeitraum zu analysieren.

Wie habt Ihr Euch bislang finanziert?

Zuerst mit Exist, dem Gründerstipendium vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. Im Dezember haben wir einen Business Angel ins Boot geholt und im April eine Crowdinvestingrunde bei Companisto durchgeführt. Im Rahmen der Kampagne haben 808 Mikroinvestoren 250.000 Euro in uns investiert. Außerdem gehören wir zu den ersten Teams, die durch die Pro FIT Frühphasenfinanzierung von der IBB gefördert werden und verdienen Geld mit dem Vertrieb journalistischer Texte, die wir mithilfe von Tame erstellen.

Es haben sich schon viele versucht, den Twitter-Stream zu bändigen. Letztendlich sind viele gescheitert am fehlenden Willen einer relevanten Menge an Nutzern, Geld zu bezahlen. Ist Tame denn außer für ein paar wenige Power-User – hauptsächlich wohl Blogger oder Journalisten – interessant?

Definitiv. Journalisten sind zwar unsere Kernzielgruppe – ganz einfach, weil wir aus dem Journalismus kommen und den Bedarf dort gesehen haben. Allerdings haben wir schnell festgestellt, dass besonders in der PR und im Marketing ein starkes Interesse besteht, schnell relevante Informationen aus Twitter zu bekommen, Themen und Influencer zu finden, seine Marke zu beobachten und generell den Umgang mit sozialen Medien effizienter und einfacher zu gestalten. Das spiegelt sich in der Segmentierung unserer Nutzer in etwa so wieder. Perspektivisch wollen wir aber jeden Social-Media-Nutzer ansprechen, denn der Bedarf, Ordnung in das Chaos von Echtzeitstreams zu bringen, wird weiter wachsen.

Ihr seid sehr abhängig von der Twitter API. Das Netzwerk könnte mit einer möglichen Personalisierung der Trends aber schnell Eigeninteressen haben. Ist das nicht gefährlich für Euer Geschäftsmodell?

Jein, denn personalisierte Trends sind nur ein Teil von Tame. Viel Potenzial liegt in der globalen Suche und in der Analyse von Twitterdaten. Beides ist natürlich ebenfalls von Twitter abhängig – aber Twitters Strategie ist es ja, die Daten Drittanbietern über die API zur Verfügung zu stellen. Und im schlimmsten Fall bieten wir unseres Dienste für andere Social Media-Kanäle wie Facebook, LinkedIn oder App.net an.

Bislang löst Tame hauptsächlich Links auf und sortiert diese nach Häufigkeit. Entsprechendes gilt für Hashtags und Adressaten. Was ist als nächstes geplant?

Der Algorithmus, dem unser Relevanzranking zu Grunde liegt, wird weiter verbessert. Zum einen wollen wir Spam auf Twitter bekämpfen, zum anderen eine Art Frühwarnsystem für Trends implementieren. Mehr kann ich aber noch nicht verraten.

Soll es bei Twitter bleiben? Facebook und Google haben sich bislang in Sachen API- und Daten-Zugriff ja sehr zurück gehalten. App.net ist zwar sehr offen, hat aber bislang keine relevanten Nutzerzahlen erreichen können…

Momentan liegt unser Fokus bei Twitter, da es als Knotenpunkt im Netz fungiert, und viele Inhalte von anderen Plattformen über Twitter verbreitet werden. Außerdem wächst keine andere Plattform derzeit so schnell. Facebook, Google Plus, Linkedin und ähnliche Plattformen behalten wir aber weiter im Blick. Ob und in welcher Form wir unseren Service erweitern, wollen direkt in San Francisco klären. Von Oktober bis Dezember reist das Gründertam mit dem German Silicon Valley Accelerator ins Zentrum der Internetwirtschaft.

Danke, Torsten, für das Gespräch!

Bild: Tazaldoo