Der Forscher Stephen Hawking verwendet das Programm aus Deutschland.

In dem alten Sparkassengebäude von Göppingen sitzt das Tech-Unternehmen TeamViewer. Nur wenige deutsche Unternehmen haben ihre Software überall auf der Welt so weit verbreitet. Insgesamt 1,2 Milliarden Mal wurde das Programm nach Unternehmensangaben heruntergeladen, 200 Millionen Nutzer haben es in den vergangenen zwölf Monaten verwendet.

Das Potential des schwäbischen Unternehmens sah auch die Private-Equity-Firma Permira, die das Software-Unternehmen 2014 für 870 Millionen Euro kaufte. So bringt es TeamViewer umgerechnet auf einen Preis von knapp einer Milliarde US-Dollar – und hat damit Einhorn-Status.

TeamViewer ermöglicht es, Geräte fernzuwarten. Gibt es etwa Probleme mit einem Computer, kann sich der Nutzer von einem anderen Gerät auf den betroffenen Computer hinzu schalten und den Fehler beheben. Für Privatnutzer ist TeamViewer kostenlos, Unternehmen müssen dafür bezahlen. Der Jahresumsatz soll bei circa 160 Millionen Euro liegen, heißt es aus dem Unternehmensumfeld.

Der CEO Andreas König kam mit der Übernahme von Permira an Bord, vorher war er Vorstand bei der Swisscom. Er soll das 2005 gegründete Unternehmen, das 600 Mitarbeiter beschäftigt, weiter voranbringen.

Im Interview erklärt der TeamViewer-Chef, welche Rolle seine Software in einer vernetzten Zukunft spielen soll und wie der berühmte Physiker Stephen Hawking das Produkt verwendet.

Herr König, bei einem Geschäftsmodell wie dem von TeamViewer ist das Vertrauen der Kunden unglaublich wichtig. Kürzlich wurden tausende Accounts gehackt – die Passwörter stammten aus einem anderen Datenleck. Der Ärger der Nutzer von TeamViewer war trotzdem groß. Wie geht man als Chef damit um?

Richtig ist, dass wir keinerlei Hinweis dafür haben, dass es bei TeamViewer eine Sicherheitslücke gab oder gibt. Doch für den Kunden ist es erst einmal egal, wer die Schuld an dem Sicherheitsproblem trägt. Wir mussten aus diesem Grund unglaublich schnell reagieren. Dass TeamViewer zum Ziel von Online-Kriminellen wurde, spiegelt auch unseren Bekanntheitsgrad wider. Als virales Produkt suchen wir ja naturgemäß die Aufmerksamkeit.

Wie hat TeamViewer denn reagiert?

Zwei neue Sicherheitsfeatures sind mittlerweile live. Die Nutzer können festlegen, was vertrauenswürdige Geräte sind. Greift jemand von einem anderen Device zu, wird der Zugriff abgelehnt. Außerdem merkt das System, wenn jemand von dem identischen Account erst in München und wenige Minuten später in Moskau zugreift. Auch dann blocken wir den Account.

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In solchen Fällen geht es vor allem um Schnelligkeit. Nach wie vielen Stunden hat das Unternehmen reagiert?

An den Sicherheitsvorkehrungen haben wir bereits zuvor gearbeitet, innerhalb von zwei Tagen hat unser Engineering-Team die beiden Funktionen fertiggestellt. Es ist noch nicht ganz so schön, wie es aussehen soll, aber es erfüllt seinen Zweck. Wir haben aus dem Fall aber auch Dinge gelernt, zum Beispiel, wie wir die Kommunikation noch verbessern können.

Was meinen Sie damit?

Es ging in diesem Fall um einzelne Worte. Wir haben in der Mitteilung geschrieben, manche Nutzer hätten „sorglos“ gehandelt, weil sie das gleiche Passwort wie auf anderen Plattformen verwendet haben. Allein dieses eine Wort hatte für viele einen bitteren Beigeschmack.

TeamViewer will gerade die zahlende Kundengruppe, also Unternehmen, verstärkt gewinnen. Wie kommt Ihr damit voran?

Wir haben 200 Millionen Nutzer, die TeamViewer in den vergangenen zwölf Monaten verwendet haben. Beim Umsatz, den wir nur mit den Unternehmen machen, wollen wir in diesem Jahr circa 30 bis 40 Prozent wachsen. Unser Prinzip ist es, das Produkt für Privatnutzer so einfach zu machen, dass sie es im Berufsleben auch verwenden möchten. Genau wie etwa WhatsApp und Skype – dort gibt es auch Produkte für Unternehmen. Zudem bauen wir gerade den indirekten Vertrieb auf und setzen ein Programm für Konzernkunden auf.

Wie entwickelt sich das Produkt TeamViewer weiter?

Vor allem wollen wir unsere Meeting-Funktionalität als alleinstehendes Produkt anbieten. Für Teammeetings können bis zu 300 Leute zusammengeschaltet werden und Screens in HD-Qualität teilen. Durch die einfache Bedienung können wir uns von den Konkurrenzprodukten abheben. Auch hier wollen wir unseren bewährten Ansatz beibehalten: für Privatnutzer kostenlos, Unternehmen müssen bezahlen. Dieses Produkt soll im Laufe des Jahres kommen.

Die Vernetzung aller Geräte, das Internet of Things, ist ein Zukunftstrend. Welche Rolle spielt die Fernsteuerung durch TeamViewer dabei?

Unsere Vorstellung ist es, dass TeamViewer auf jedem Device laufen soll, egal wie klein. Schon heute gibt es beispielsweise eine Schneekanone, die sich über TeamViewer fernsteuern lässt. Ein anderes Beispiel ist eine Lachsfarm mitten auf dem Meer, die per TeamViewer die Fütterung koordiniert. Stephen Hawking greift über TeamViewer auf ein Teleskop zu. Künftig wird es sogar der Fall sein, dass manche Computer im Weltall von der Erde aus via TeamViewer kontrolliert werden.

Was sind alltägliche Anwendungsbeispiele?

Heizungen könnten in Zukunft etwa komplett über TeamViewer aus der Ferne gewartet werden. Der Installateur greift aus der Ferne auf den Computer im Keller zu und sieht, was das Problem ist. Wir arbeiten außerdem mit einem Autozulieferer zusammen, der eine kleine Box mit ins Auto einbaut. So lässt sich auch ein Auto warten.

Gerade bei Autos kann man sich vorstellen, dass der Wagen per TeamViewer komplett übernommen wird. Eine Vorstellung, die Angst machen kann.

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Ja, deswegen arbeiten wir ständig an weiteren Sicherheitsvorkehrungen. Allerdings bieten schon die bestehenden Merkmale ein Höchstmaß an Sicherheit. Zum Beispiel kann der Nutzer schon heute durch eine sogenannte Whitelist genau festlegen, auf welchen Geräten der TeamViewer-Zugang funktionieren darf. Wir verwenden außerdem die höchste Verschlüsselungstechnik.

Gibt es keinen Konflikt zwischen dem Anspruch, ein einfaches Produkt zu bauen, und sicher zu sein?

Diesen Konflikt gibt es immer. Als Reaktion darauf darf man allerdings nicht anfangen, ein kompliziertes Produkt zu entwickeln. Ein vergleichsweise einfach zu handhabendes Mittel, das für ein exponentielles Plus an Sicherheit sorgt, ist beispielsweise unsere Zwei-Faktor-Authentifizierung.

TeamViewer-Chef Andreas König (rechts)

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von lwpkommunikacio (oben); Chris Marxen/Heureka (unten)