Ein Teil des Silicon-Valley-Mythos geht so: Tag und Nacht arbeitet ein kleines verschworenes Team an der Programmierung eines neuen digitalen Produktes. Es gibt Programmiersprints über mehrere Tage, an denen an Schlaf nicht zu denken ist. Auf den Schreibtischen stapeln sich Pizzaschachteln und Coladosen. Niemand fragt nach Feierabend. Die Nacht wird zum Arbeitstag gemacht. Man muss schneller sein als die Konkurrenz, Pausen kosten wertvolle Zeit. Alle haben eine gemeinsame Vision, die man ohne Rücksicht auf Verluste umsetzt. Auch ohne Rücksicht auf das eigene Wohlbefinden.

Im Fall von Dustin Moskovitz ist es genau so gewesen. Am Ende seines Tunnels stand dann immerhin ein soziales Netzwerk, das heute weltbekannt und erfolgreich ist: Facebook. Trotzdem blickt Mitgründer Moskovitz heute mit gemischten Gefühlen auf die Anfangszeit des Unternehmens zurück. Nach den Diskussionen über die Arbeitsbedingungen bei Amazon weitet er die Kritik aus und spricht in einem Artikel auf der Plattform Medium von unzumutbaren Zuständen bei den meisten Tech-Unternehmen.

Moskovitz wünscht sich heute, dass er sein Leben anders gelebt hätte: „Ich wünsche mir, dass ich mehr geschlafen und regelmäßig Sport gemacht hätte. Ich wünsche, dass ich mich besser ernährt hätte – es gab Zeiten, da habe ich mehr Cola und Energy Drinks konsumiert als Wasser. Ich wünsche, dass ich mir mehr Zeit für andere Erfahrungen genommen hätte, die mich unglaublich weitergebracht haben, als ich ihnen endlich eine Chance gegeben habe.“

Gerade am Anfang haben viele Mitarbeiter in Startups das Gefühl, dass sie rund um die Uhr für ihre Idee arbeiten müssen, um am Ende erfolgreich zu sein. „Word hard – play hard“, ist da ein gerne verwendetes Motto. Moskovitz bezweifelt aber den Sinngehalt solcher Durchhalteparolen am Arbeitsplatz. „Ich hätte mehr Energie gehabt und sie klüger eingesetzt. Und ich wäre glücklicher gewesen.“ In Wahrheit habe er nicht zwischen Arbeit und Privatleben gewählt, sondern sei keiner Seite seines Lebens wirklich gerecht geworden.

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Laut dem Facebook-Mitgründer wird in den meisten leistungsstarken Unternehmen vor allem im Tech-Bereich extrem hart gearbeitet – so hart, dass es für die meisten Mitarbeiter einfach zu viel wird. Und er zitiert eine Studie, die besagt, dass ein Angestellter kaum noch etwas leisten kann, wenn er bereits 40 Stunden in der Woche gearbeitet hat. Danach wird sein Beitrag eher kontraproduktiv. In seiner jetzigen Position als Chef der Büroorganisations-Software Asana macht Moskovitz alles anders: „Wir fördern eine gesunde Work-Life-Balance, gerade weil wir kühl und hart nach Profit streben. Wir maximieren Geschwindigkeit und Glück gleichzeitig.“

Zum Thema Arbeitszeiten in Deutschland hat sich gerade auch DGB-Chef Reiner Hoffmann geäußert. Das ist ja auch sein Job. Er spricht sich für einen raschen Abbau unbezahlter Überstunden aus. Über die Realitätsferne der deutschen Gewerkschaften können viele Startup-Mitarbeiter wahrscheinlich nur lachen.

Fotos: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von Tanel Teemusk /  Kevin Krejci