Kenneth Cukier TED Berlin

Economist-Datensammler Kenneth Cukier auf der TED-Bühne im Berliner Admiralspalast

Wie Information die Welt verändert – und regiert?

„Bits of knowledge“ – das war der Slogan des einzigen offiziellen europäischen TED-Events in diesem Jahr, dem TED-Salon Berlin. Was die Informationshäppchen neben der Anspielung auf die Vorträge selbst bedeuteten: Big Data. Das Verarbeiten großer Datenmengen stand im Fokus der Beiträge von vielen Referenten – zum Beispiel aus soziologischer Sicht: Wie sich mit Machine Learning Ernteversicherungen in Afrika verkaufen und so die Erträge der Bauern erhöhen lassen; oder wie Wissen alte und neue Macht voneinander trennen. Und es ging auch darum, wie die Stasi-Version von Big Data aussah, immerhin gastierte die Veranstaltungsreihe im Admiralspalast, der Geburtsstätte der SED.

Demgegenüber betonte Economist-Datensammler Kenneth Cukier auf der TED-Bühne, welche Vorteile eine vernünftige Nutzung von Big Data heute bringen könne – etwa, dass man sich nicht mehr auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen müsse. Sein plakatives Beispiel: Lange galt Apfelkuchen als der mit Abstand populärste Kuchen in den USA. Allerdings nur, weil er als Ganzes verkauft wurde. Als andere Kuchensorten in kleineren Stücken verkauft wurde, habe man festgestellt: „Apfelkuchen ist lediglich jedermanns zweitliebster Kuchen, etwas, worauf man sich einigen kann.“ Mit Big Data, selbst in rudimentären Formen, könne man neue Dinge sehen, sagt Cukier – eine Grundlage für die Weiterentwicklung der Gesellschaft.

G Tipp – Lesenswert bei Gründerszene 10 TED-Talks für Gründer – plus Leserempfehlungen

Mit Big Data sollen mögliche Autounfälle vorhergesagt und rechtzeitig eingegriffen werden können oder neue Krebszellen entdeckt werden. Aber es bestehen auch reelle Gefahren: Etwa, dass man sich für Dinge rechtfertigen müsse, die man noch gar nicht getan hat – wer hier an den Film Minority Report denkt, liegt absolut richtig. Und mehr Effizienz durch Big Data werde Jobs zerstören. Die NSA-Affäre habe noch einmal betont, wie schlecht die Menschheit noch sei beim Sammeln von Daten.

Anzeige
„Es wird immer dumme Unternehmen geben, die Technologie falsch einsetzen“, gibt Cukier dann im Gespräch mit Gründerszene zu. Auch dass es Gefahren gebe, dass mit maßgeschneiderten Informationen allein Kreativität und Einfallsreichtum langfristig beeinträchtigt werden könnten. „Unternehmen müssen schlau sein und Zufälligkeiten in die Algorithmen einbauen – kleine Fehler, wenn man so will.“ Eine Gefahr, dass eine noch stärker durch Algorithmen bestimmte Welt zu rational wird, sieht er allerdings nicht. Die könnten stattdessen helfen, bestehende Missverständnisse zu beseitigen.

Ohnehin habe man sich gerade in Europa auch schon bewusst gegen die Ergebnisse von Daten-Untersuchungen entschieden: Obwohl eindeutig bewiesen sei, dass junge Männer, die gerade ihren Führerschein gemacht haben, häufiger in Unfälle verwickelt sind als junge Frauen, schreibt die EU mittlerweile identische Versicherungsprämien vor. „Nun finanzieren die Frauen die Schäden der Männer mit – weil die EU das Ziel der Gleichbehandlung als vorrangig betrachtet hat“, betont Cukier.

Einfallsreichtum gehe immer gegen bestehende Daten. Big Data könne aber helfen, so der Economist-Datensammler, bestehende Produkte zu verbessern. „Aber niemals können so echte Innovationen entstehen. Informationen sind immer rückwärts gerichtet. Wer das nicht versteht – was sucht der auf der Erde?“ Nichtsdestotrotz müsse frühzeitig, schon bei Kindern, ein Bewusstsein für Big Data und die positiven wie negativen Konsequenzen geschaffen werden. Gleichzeitig sieht er Bildung zusammen mit Medizin als die beiden wichtigsten Bereiche, in denen Big Data einen großen Unterschied machen könne.

Von Uber und veralteten Werten

Anzeige
Was es beim TED-Salon in Berlin noch zu hören gab? Der Limosinendienst Uber bekam zum Beispiel eins aufs Dach. „Wenn wir den den Typen im Auto los werden, wird Uber billiger“, hatte Unternehmenschef Travis Kalanick gesagt, gemeint war natürlich der Fahrer. Das zeigt nach Ansicht von Purpose.com-Gründer Jeremy Heimans, dass Uber noch zur „Old Power“ im Informationszeitalter gehöre. Ein Uber mit modernen Wertvorstellungen würde von den Fahrern zumindest mitbestimmt – wie es bei „New Power“-Unternehmen wie etwa Airbnb oder Kickstarter der Fall wäre. Moderne Macht ensteht, so Heimans, durch „the deployment of mass participation and peer coordination to create change und shift outcomes“.

Und sonst? Kamera-Drohnen, die Gefahren einer App-Gesellschaft, wie durch Big Data die Lebensverhältnisse in Entwicklungsländern verbessert werden können, dass der Staatssicherheitsdienst der DDR die Unmengen an gesammelten Informationen letztendlich nicht auswerten konnte, warum man Gutes tun müsse, damit es einem gut geht, wie sich das Kapital im 21. Jahrhundert verteilt und wie veraltet die öffentliche Meinung und die mediale Darstellung zu diesen Themen sei – das Themenspektrum beim TED-Event in Berlin war groß. Auf die Online-Videos der Veranstaltung darf man also gespannt sein.

Bis es soweit ist, gibt es hier noch einige Impressionen vom ersten deutschen TED-Salon:

Zur Galerie

„On photographing the unfolding of daily life“ – Adam Magyar beim TEDSalon Berlin, Foto: James Duncan Davidson / TED

Bilder: James Duncan Davidson / TED