Tel Aviv

Szene-Austausch in der Factory

So eine Eröffnungsrede bei einer Konferenz ist eine schöne Gelegenheit, um Klartext zu sprechen. Florian Heinemann, Gründer von Project A Ventures, ließ sich die Chance nicht entgehen. Bei der Tel Aviv Week in der Berliner Factory fand er klare Worte zum Status der deutschen Startup-Szene. Das Ökosystem für Startups sei „okayish“ sagte er und beklagte im nächsten Satz: „Wir sollten uns nicht abfeiern. Wir sind einfach zu langsam. Welche Bereiche stehen bei uns an der Spitze? Autos? Nein. Schuhe, Mode und Pizzalieferanten. Das ist Deutschland. Wo sind die deutschen Ingenieure?“

heinemann

Project-A-Chef Florian Heinemann

Berlin habe laut Heinemann im Vergleich zu Israel viel zu wenig Startups, die sich um das Thema Technik kümmern und viel zu wenig Wagniskapital für den Techbereich. Immer noch würden Studenten der technischen Bereiche lieber zu Siemens oder Bosch gehen, statt selber zu gründen. Die großen Firmen würden sich zwar inzwischen intensiv um Startups kümmern und mit ihnen zusammenarbeiten, aber das alleine sei nicht genug, um das große Schwungrad aus Innovationen, Investitionen und erfolgreichen Exits in Gang zu setzen.

Aber warum ist das alles anders in Israel? Das hat vor allem mit der Mentalität, den Lebensumständen der jungen Leute und der Armee zu tun. Nathan Low von der Sunrise Financial Group versuchte es so zu erklären: „19 Jahre alte junge Leute lernen in der Armee, wie man Verantwortung übernimmt und ein Startup leitet. Israelis sind außerdem nie zufrieden, sie möchten die Welt verändern.“ Jedes Jahr entstehen in Israel 1.000 neue Tech-Startups. 350 multinationale Tech-Firmen haben inzwischen eine Zweigstelle in Israel. Viel Wagniskapital komme inzwischen auch aus China. 7.000 chinesische CEOs hätten sich bis heute die Entwicklungen in Israel angeschaut.

Deutsche wollen Evolution, Israelis Revolution

Aber sind Israelis wirklich so anders als Deutsche? Eran Davidson vom Davidson Technology Growth Debt Fund machte es an folgenden, vielleicht etwas überspitzten Gegensätzen deutlich:

Perfektion ist das Ziel (Deutschland) – Perfektion heißt Ineffektivität (Israel)

Eingebaute Langlebigkeit – Quick Wins sind ein Muss

Nachdenken – Machen

So wie es immer war – Lass uns etwas Neues machen

Stolz auf Genialität – Stolz auf Praktikabilität

Mehr Features – Einfacher

Evolution – Revolution

Besonders im Bereich des sogenannten Internets der Dinge seien in den kommenden Monaten laut den israelischen Spezialisten besonders schnelle und dramatische Entwicklungen zu erwarten. Startups würden der Industrie helfen, ihre Technik zu digitalisieren und ihre Produktivität zu erhöhen. In der Landwirtschaft seien durch Sensoren punktgenaue Techniken beim Einsatz von Dünger, Wasser und Pestiziden möglich. Medizin und der Consumerbereich seien weitere Schwerpunkte dieser Entwicklung.

In Workshops trafen sich am Nachmittag die Vertreter großer deutscher Firmen mit den Startups zu Workshops, um eine mögliche Zusammenarbeit auszuloten. Denn Corporates haben inzwischen verstanden, was Startups für sie leisten können. Florian Heinemann hatte es am Morgen in seiner Keynote so ausgedrückt: „Startups sind outgesourcte Innovation.“

Bild: Gründerszene