Saftkur Kale & me

Steht man einen Tag im Büro ohne Essen durch?

Schon bei dem Blick in den Kühlschrank am Sonntagmorgen bekomme ich schlechte Laune. 18 kleine Fläschchen mit buntem Saft und Mandelmilch stapeln sich dort. Sie sollen meine Nahrung für die nächsten drei Tage sein. Zusätzlich darf ich Tee und Wasser trinken. Eine „Saftkur“ nennt man das, die mich von „ungesunden Gewohnheiten“ befreit. In den USA soll das ein totaler Trend sein. Immerhin kann ich dann mitreden, denke ich mir.

Meine Säfte kommen von dem Hamburger Startup „Kale and me“, das vergangene Woche auch in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ auftreten durfte und Oliver Samwer als Investor an Bord hat. Die komplette Saftkur kann man im Internet bestellen oder bei den Gründern direkt im Büro nahe der Hamburger Reeperbahn abholen.

79 Euro kosten 18 Flaschen, macht knapp 4,40 Euro pro Flasche mit 320 Milliliter Saft. Den Preis rechtfertigt das Startup mit der teuren Herstellung der Säfte mit dem sogenannten HPP-Haltbarkeitsverfahren, bei dem Bakterien abgetötet, Vitamine und Nährstoffe aber erhalten bleiben. Auch andere junge Unternehmen, beispielsweise Detox Delight, All about Raw oder Yuicery, bieten Saftkuren zu ähnlich hohen Preisen an.

Bevor es losgeht, schaue ich mir den Imagefilm auf der Seite von Kale and me an und lese den ausführlichen Bericht einer t3n-Kollegin. Ich erfahre, dass die Gründer ihre Säfte in der kleinen Safterei Rüter Fruchtsaft in der Lüneburger Heide herstellen und viele Zutaten für die Säfte im Alten Land südlich von Hamburg beziehen. Das finde ich sehr sympathisch. 10.000 bis 15.000 Säfte produziert Kale and me mittlerweile pro Tag. Ich bin also nicht die einzige, die diesen Trend ausprobieren will.

Tag 1: Meine Freunde haben Mitleid, ich habe Fressneid

Auf die Etiketten der 18 Säfte in meinem Kühlschrank sind Nummern von eins bis sechs gedruckt. An dem besagten Sonntagmorgen, der nun eine Woche her ist, greife ich mir die Plastikflasche mit der Nummer eins. „Pamela Pine“, heißt der Saft. Die Zutaten: Apfel, Gurke, Ananas, Zitrone und Minze. Ich gehe raus auf die Terrasse, wo Freunde von mir sitzen, die einen opulenten Brunch vorbereitet haben. Ich bekomme sofort Fressneid. Meine Freunde schauen mich mitleidig an, den Saft wollen sie trotzdem mal probieren. Großzügig gönne ich ihnen einen Schluck von dem teuren Zeugs und schlürfe meinem Tee.

Kale and Me Saefte

Die sechs Säfte von Kale and me

Den Tag über merke ich, wie häufig ich im Alltag über Essen nachdenke. Reflexartig öffne ich mehrmals den Kühlschrank. Doch die ganzen Gedanken und die Mühe, die die Zubereitung von Essen kostet, kann ich mir sparen. Ich habe ja meine Säfte. Alle zwei Stündchen trinke ich eine Flasche leer, am Vormittag mit Karotte, zum Mittagessen mit Avocado, am Nachmittag mit rote Beete, danach mit Grünkohl. Am Abend gibt’s eine Mandelmilch mit Datteln. Alle Säfte schmecken mir, sehr gut sogar. Selbst den Grünkohl-Saft, der mit Gurke, Staudensellerie, Apfel, Spinat und Zitrone angereichert wird, finde ich super.

Den Sonntag über schlafe ich viel, konzentriere mich wenig. So halte ich den Tag mit wenig Kohlenhydraten und rund 800 Kilokalorien gut durch. Meine schlechte Laune verfliegt nach dem Brunch schnell, ich fühle mich leicht. Nachts schlafe ich herrlich, so gut wie selten zuvor. So schlimm ist es gar nicht, glaube ich.

Tag 2: Ich habe weniger Hunger

Am Montagmorgen bekomme ich Angst vor dem Tag im Büro. Arbeiten ohne Essen? Doch auch diesen Tag halte ich gut durch. Nur das Mittagessen, bei dem eine Freundin eine Portion Pasta vor mir isst, quält mich. Merke: Nicht mit Freunden während einer Saftkur essen gehen.

Das Gute: Ich habe mit jedem im Büro ein Gesprächsthema. Jeder will alles über meine Saftkur wissen. Wieso mache ich das? Wie fühle ich mich? Was ist in den Säften enthalten? Wie teuer sind sie? Beim Essen – besser gesagt: Trinken – hat wirklich jeder eine Meinung.

Den Montag bringe ich gut rum, ich trinke viel Tee und Wasser. Das Nachmittagstief bleibt aus. Abends gehe ich direkt nach Hause und bewege mich kaum mehr. Für Sport fühle ich mich nicht fit genug. Obwohl man während einer Saftkur ruhig Sport treiben könne, wie es auf der Seite von Kale and me heißt. Im Notfall dürfe ich auch Hühner- oder Gemüsebrühe essen, steht in der kleinen Anleitung, die meinem Paket beigelegt wurde. Oder sogar Bananen. Klingt verlockend. Aber mich hat der Ehrgeiz gepackt, ich bleibe bei meinem Saft.

Tag 3: Der Tiefpunkt

Der dritte Tag wird der schlimmste. Ich bin froh, dass ich nicht fünf Tage lang diese Saftkur machen muss. Den Vormittag stehe ich gut durch, mittags werde ich richtig hungrig. Kein Saft, kein Tee will mich wieder fit machen. Ich fühle mich schwach, aber aufgeben ist keine Option.

Abends folgt mein Tiefpunkt: Eine Kollegin feiert Abschied, es gibt Pizza von Dominos. Der Geruch macht mich total verrückt. Eine andere Kollegin sagt mir, ich sähe müde aus. Also gehe ich nach Hause und lege mich ins Bett. Sozial ist eine Saftkur wirklich nicht. Zuhause trinke ich meine Mandelmilch und gucke eine Doku. An Essen denke ich nicht mehr, der Hunger ist weg – und da kommt der Ehrgeiz wieder: Nächstes Mal mache ich die Kur für fünf Tage, denke ich mir.

Die Tage danach

Am Tag nach meiner Saftkur habe ich morgens kaum Hunger, was sehr ungewöhnlich für mich ist. Ich möchte wieder Obst, Gemüse, Saft, Vitamine. Tagsüber merke ich, dass ich kein Verlangen nach Snacks zwischendurch habe. Ich mache mir lieber einen Tee. Nach der Mittagspause – in der ich unbedingt ein salziges Gericht essen will – fühle ich mich vollgestopft. Ich vermisse das Leichtigkeitsgefühl aus den drei Tagen davor. Wenig essen kann schön sein, habe ich gelernt.

Kale and me Gruender

Die Gründer von Kale and me

Eine Saftkur zu machen, ist faszinierend. Nie hätte ich gedacht, dass ich mit fünf Säften, einer Mandelmilch, Tee und Wasser einen Tag im Büro gut durchstehe. „Die Kur zeigt Dir, wie stark Dein Hungergefühl von Deinem Kopf und nicht von Deinem Magen gesteuert wird“, heißt es auf der Seite von Kale and me. Das kann ich bestätigen. Durch die Saftkur wird mir bewusst, wie häufig ich aus Langeweile esse. Wer abnehmen will, den führt die Saftkur sicherlich auf den richtigen Weg.

Auf der Seite des Startups heißt es, man solle eine Saftkur lieber kürzer und dafür regelmäßig machen. Eine Wiederholung kann ich mir gut vorstellen. Meine zweite Saftkur würde ich jedoch mit Suppen ergänzen, zeitweise habe ich mich zu schwach gefühlt. Oder ich würde für jeden Tag zwei Säfte zusätzlich bestellen. Allerdings sollte man von so einer Kur keine Wunder erwarten. Ich habe natürlich etwas abgenommen, aber wie neugeboren fühle ich mich nicht.

Bild: Helen Nolan / Gründerszene