Was ist eigentlich Wirklichkeit? Das, was wir sehen? Der ZDF-Satitiker Jan Böhmermann hat uns in dieser Woche noch einmal eindrucksvoll vorgeführt, dass wir nicht mehr glauben dürfen, was wir sehen. Meisterhaft hat er mit den Ebenen der Wirklichkeit und der Wahrnehmung gespielt. Und mit den Möglichkeiten der Digitalisierung. Hat der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis den Deutschen den ausgetreckten Mittelfinger gezeigt oder nicht? Wir haben es doch mit eigenen Augen gesehen. In der Talkshow von Günther Jauch. Doch das reicht nicht mehr in digitalen Zeiten. Aber die Aufregung um die Geste ist echt. Das Video aus der Talkshow ist es auch. Aber hat sich jemand die Mühe gemacht, sich die Varoufakis-Rede genau anzuhören? Es scheint alles so einfach. Aber es ist kompliziert.

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Können wir noch glauben, was wir hören? Ein Album von Miley Cyrus ist ein Computer-Gemälde. Aber keine Musik, so wie wir sie kennen. Klang-Architekten und Ingenieure haben am Computer mit der allmächtigen Klangsoftware Pro Tools Songs zusammenprogrammiert. Dazu entwickeln Marketingspezialisten eine Kampagne, die für weltweite Aufmerksamkeit sorgt. Mit viel Nacktheit, die die Grenzen von Pornografie in der öffentlichen Darstellung neu verhandelt. Es entsteht ein modernes Pop-Produkt, das wie jede andere globale Handelsware durchkomponiert und in den Markt gedrückt wird. Das unterscheidet sich nur noch in Nuancen von der Markteinführung neuer Smartphones von Apple oder Samsung.

Digitalisierung schafft neue Freiheiten. Videos, Musik und neue Geschäftsmodelle können auf einem handelsüblichen Laptop hergestellt werden. Alles ist mit Lichtgeschwindigkeit im Netz und damit überall. Viel mehr braucht man nicht, um neue Wirklichkeiten herzustellen. Die Verantwortung für die Auswahl und die Nutzung liegt beim Konsumenten. Und viele fühlen sich von dieser Verantwortung überfordert. Alles ist gleichzeitig wahr und alles ist falsch. Gerade heute haben die Medien die Aufgabe, diese Wirklichkeiten einzuordnen, zu bewerten und dafür zu sorgen, dass ihre Kunden tatsächlich klarer sehen. Leider hat die Redaktion von Jauch in dieser Disziplin käglich versagt und dem Ruf der Branche und dem Ansehen des Internets geschadet.

Ähnlich wie die Macher des Startups Durated. Eigentlich wollten sie eine nachhaltige, soziale E-Commerce-Plattform in Berlin aufbauen. Transparenter Konsum sollte gefördert werden. Zwei Millionen Euro sollen Geldgeber und die schwedischen Gründer in das Modell gesteckt haben. Doch jetzt sind nur noch Schulden und schlechte Laune übrig. Löhne und Krankenkassenbeiträge sollen schon lange nicht mehr gezahlt worden sein. Telefonisch oder per Email sind die Macher Joakim Lundeborg und Fredrik Ivarsson nicht mehr erreichbar. Dafür protzen sie lieber mit dicken Autos und einem Haus in Lugano. Meine Kollegin Christina Kyriasoglou hat sich regelrecht in diese seltsame Geschichte der dreisten Gründer verbissen und ihre Recherche liest sich spannend wie ein Krimi.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen auch in der großen Politik oft auseinander. Die Große Koalition hatte in Sachen Startups einen Katalog von 30 Maßnahmen beschlossen, der aus Deutschland ein Gründerland machen sollte. Der Digitalverband Bitkom hat in dieser Woche geprüft, welche Maßnahmen inzwischen umgesetzt oder zumindest angegangen wurden. Die Bilanz ist ernüchternd. Nur sechs Projekte sind abgeschlossen. Der Rest ist entweder noch gar nicht angegangen oder auf dem Weg. Läuft – würde man im Fahrstuhl dem Chef sagen. Läuft nur leider gar nicht. Da ist noch viel zu tun. Eine Agenda reicht nicht. Wir freuen uns weiter auf die Umsetzung.

Gefreut haben wir uns über die App Bristlr. Endlich ist sie da, die App für den hippen Bartträger von heute. Hier soll zusammenfinden, was zusammen gehört. Bartträger und Frauen, die gerne einen Bart kraulen. Egal ob Drei-Tage-Bart, Zwirbelbart oder Rauschbart – hier findet die Dame mit einer Schwäche für Gesichtsbehaarung den richtigen Typen. Endlich.

Für die Finanzinstitute ist diese Woche ein Albtraum wahr geworden. Facebook hat angekündigt, dass in Zukunft Geld über seine Messenger-App versendet werden kann. Eine Banklizenz ist vorhanden und die Technik auch. Jetzt wird sich heraustellen, ob Banken in der Lage sind, auf diese Herausforderung zu reagieren. Bei dieser Gelegenheit grübele ich gerade, wie meine IBAN-Nummer lautet. Das ist ein wahres Monstrum von Zahl, das man bei jeder Überweisung angeben muss. So kann man natürlich auch auf die Herausforderungen der digitalen Finanzwelt reagieren: Mach’ es den Kunden so schwierig wie möglich. Eigentlich wissen die Banken sehr gut, was da auf sie zukommt. Facebook erhöht jetzt den Druck, sich neu aufzustellen. Für den Kunden kann das nur gut sein.

Wir lassen uns jetzt endlich auch einen Bart stehen und gleiten flüssig in das herrliche Original-Wochenende. Wie immer mit ein paar krassfetten Musiktipps, die sich gewaschen haben.

Der Sänger und Songschreiber Michael Brown ist gestorben. Seine Musik, die er mit The Left Banke und Montage gemacht hat, wird ewig leben.

Jan Wigger von Spiegel Online ist überzeugt, dass man noch in 20 Jahren über dieses Album reden wird. Der Sänger Dagobert hat ein Video im Hochformat gedreht. Schräg.

Jeff Tweedy von Wilco ist ein musikalisches Genie. Und nach all den Krankheiten und Schwierigkeiten hat er als Solokünstler auch noch seinen Humor entdeckt. Perfekt.

Foto: Screenshot / Youtube / Dagobert