Smartphone

Sind wir alle nur noch Sklaven des Smartphones?

Auf den Demonstrationen zum 1. Mai in Berlin-Kreuzberg ist uns ein Plakat aufgefallen. Es stammte von der „Radikalen Anti Smartphone Front“: „Lieben statt Liken“, stand darauf. Online gibt es das passende Manifest dazu, in dem unter anderem „Ficken statt Facebook“ gefordert wird. 

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Nur wenige Tage zuvor war nach einem Bericht des Neuen Deutschlands eine Diskussion um die Haltung einiger Kreuzberger zur Digitalisierung entstanden. In dem Zeitungsbericht ging es um die Projekte von Zalando und Google und den Widerstand der Bevölkerung dagegen. Schon hier zeichnete sich ab, wie verständnislos so mancher Anwohner die digitale Szene in seinem Kiez betrachtet.

Ist die Radikale Anti Smartphone Front ein weiteres Beispiel für dieses Unverständnis? Was hat sie nur gegen Handys? Und: Wie stellt sie sich ein technikfreies Leben vor?

Im Folgenden stellen wir die wichtigsten Thesen aus ihrem Manifest vor – und unsere Erwiderung darauf.

„Vor allem das Smartphone ist in die entlegensten Winkel unseres Lebens vorgedrungen und hat unseren Alltag in vielen Bereichen auf den Kopf gestellt.“

Nein, nicht das Smartphone ist vorgedrungen. Wir haben es in die entlegensten Winkel unseres Lebens vordringen lassen. In den meisten Fällen, weil es unseren Alltag erleichtert und flexibler macht.  

„Kein Problem scheint groß genug, als dass es nicht durch die neuen Prophet:innen aus dem Silicon Valley gelöst werden könnte.“

Achtung, Klischee-Alarm! Das Silicon Valley besteht nicht aus „Propheten“. Bei Google arbeiten zum Beispiel mehr als 1000 der besten Wissenschaftler und Forscherinnen aus aller Welt. 

„Doch steigert das Ansehen von Katzenvideos beim gemeinsamen Restaurantbesuch mit der Familie wirklich unsere Lebensqualität?“

Was gehört in jede Diskussion über die Abgründe des Internets? Richtig. Katzenvideos! Man könnte beim gemeinsam Restaurantbesuch übrigens auch Videos zu anderen Themen anschauen. 

„Gehört man zur gesellschaftlichen Avantgarde, wenn man in sozialen Netzwerken die Illusion eines glücklichen und erfüllten Lebens inszenieren kann, obwohl sich dahinter nur ein wackeliges Gerüst aus Lügen und Selbsttäuschung verbirgt?“

Hinter Netzwerkprofilen verbirgt sich ein wackeliges Gerüst aus Lügen und Selbsttäuschung? Wirklich? Woher wisst ihr das? Oder seid ihr einfach nur neidisch auf das bunte, erfüllte Leben der anderen, weil ihr selber keins habt?

„Wird unsere Gesellschaft zu einem lebenswerteren Ort, wenn unsere Öffentlichkeit sich immer weiter in einzelne Fragmente zersplittert, bis sich jeder Mensch in seiner personalisierten digitalen Blase bequem eingenistet hat und für die Probleme und Anliegen andersdenkender Menschen nicht mehr erreichbar ist?“

Diese oft beschworene Blase ist nur eine Legende. Das berichtete zuletzt auch die SZ: „Dicht versiegelte Filterblasen, in denen Nutzer ausschließlich mit zur eigenen Einstellung passenden Informationen konfrontiert werden, gibt es auf politischer Ebene im deutschen Facebook praktisch nicht.“ 

„Wichtiger als eine Horde Abonnent:innen auf Facebook, sind eine Handvoll Freund:innen mit denen wir lachen, weinen und über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens reden können.“

Niemand hat jemals geglaubt, dass eine Facebook-Freundschaft etwas mit einer wirklichen Freundschaft zu tun hat. 

„Denn wer nicht gelangweilt ist, wird nicht kreativ, um neue Wege zu gehen oder Gedanken zu entwickeln, die länger als 140 Zeichen sind.“

Gnade! Bitte keine Anspielungen mehr auf die 140 Zeichen, die auf Twitter möglich sind und die angeblich nicht ausreichen, um sich tiefe Gedanken zu machen. Twitter ist für kurze Sätze und Links. Für lange Texte gibt es andere Vehikel. 

„Im Internet lesen wir allerdings nur was wir suchen und nicht die Dinge, von denen wir gar nicht wussten, dass sie uns interessieren. Schließlich tendieren wir dazu, Artikel zu lesen, die unsere Meinung bestätigen anstatt sie herauszufordern.“

Wir tendieren unser ganzes Leben lang dazu, uns mit Meinungen und Freunden zu umgeben, die uns bestätigen. Dazu braucht es kein Internet. Das Netz kann allerdings ein bequemer Ausweg aus dieser Sackgasse sein. Wenn man mag. 

„Wir stellen außerdem fest, dass wir dem Zufall durch den permanenten Gebrauch von Smartphones keinen Platz mehr in unserem Leben lassen, sodass sich unsere Existenz in ein kühl kalkulierbares Computerspiel verwandelt.“

Der Zufall ist das letzte Refugium der Freiheit? Man bekommt beinahe Mitleid mit den Autoren dieser Zeilen. Denn Freiheit ist die bewusste Entscheidung für einen neuen Weg, eine neue Wendung im Leben. Bei vielen dieser Entscheidungen kann das Smartphone eine kostbare Entscheidungshilfe sein. 

Anstatt sich in einer Simulation der Welt zu verlieren, fordern wir die Menschen deshalb dazu auf, ihr Smartphone ab und zu auszuschalten, sich wieder mehr der Welt da draußen zuzuwenden und die Realität einer kleinen Gemeinschaft zu genießen!

Öfter mal abschalten? Dagegen ist natürlich überhaupt nichts einzuwenden. Aber brauchen wir für diese Einsicht die Radikale Anti Smartphone Front? Unterstützer Leo lässt sich auf deren Website zitieren: „Ich unterstütze die RASF, weil sie der Jugend zeigen möchte, dass es wichtigere Dinge als Facebook gibt.“ Danke, Leo. Das ist bestimmt nett gemeint. 

Foto: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von Takashi(aes256)