2016-07-14 Thomas Wagner

Die Ereignisse um den Portalbetreiber Unister und den Tod des Gründers Thomas Wagner entwickeln sich zu einem regelrechten Krimi. Gerüchte um die Reise gibt es viele, nun hat die Lebensgefährtin von Thomas Wagner ausgesagt, wie das Magazin Focus mit Berufung auf Justizkreise am Freitag berichtet.

Demnach sei Wagner stets auf der Suche nach Krediten für das finanziell angeschlagene Unister gewesen. Ein Leipziger Unternehmer habe dem Gründer dann Anfang Juni ein Geschäft vorgeschlagen: Wagner habe die Möglichkeit, sich zwölf Millionen Euro von einem israelischen Geschäftsmann in bar zu leihen. Im Gegenzug müsse er allerdings 1,5 Millionen Euro für eine Kreditausfallversicherung zahlen. Laut Focus sei der Gründer zunächst skeptisch gewesen, habe den Vertrag dann aber als „rechtlich sauber“ eingestuft. Barzahlungen in Millionenhöhe hielt Wagner offenbar nicht für ungewöhnlich.

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Dem Focus-Bericht nach gab die Lebensgefährtin Wagners an, vor dessen Reise nach Italien gemeinsam mit ihm 1,5 Millionen Euro in Leipzig bei der Bank abgehoben zu haben. In Venedig habe Wagner schließlich in einem Hotel den Deal gemacht, sein Geld übergeben und einen Koffer voller Schweizer Franken erhalten. Zwölf Millionen Euro sollten es umgerechnet sein. Doch kurz darauf habe der Gründer festgestellt, dass nur die oberen Scheine echtes Geld gewesen seien, insgesamt etwa 10.000 Schweizer Franken. Wagner erstattete sofort Anzeige bei der Polizei.

Der Unister-Gründer trat die Reise mit seinem Mitgründer und Gesellschafter Oliver Schilling an, laut Focus außerdem mit dem Vermittler des betrügerischen Geldgeschäfts. Auf dem Rückflug von Venedig nach Leipzig stürzte der kleine Privatflieger am 14. Juli ab, die Insassen und der Pilot kamen ums Leben.

Das Unglück zog nur vier Tage später die Insolvenz der Holding der Unister-Gruppe nach sich, vier weitere Pleiten von Tochterfirmen folgten bisher. Seit gestern ist klar, dass auch die wichtige Reisesparte von Unister betroffen ist.

Wie schlimm steht es um die Finanzen von Unister?

Der kurze Abstand zwischen Absturz und Insolvenz wirft zahlreiche Fragen auf. Wie wichtig war der Millionenkredit für die Liquidität von Unister? War das Geld nötig, um das Geschäft überhaupt weiter betreiben zu können? Andererseits ist diese Summe relativ zu den Operationen Unisters niedrig. Das Loch könnte deutlich größer gewesen sein, die Millionen wären da möglicherweise wenig entscheidend.

Bisher hat sich der zuständige Insolvenzverwalter Lucas Flöther nicht explizit zu der Finanzlage geäußert. Für Außenstehende ist der Zustand der Firma völlig undurchsichtig. Der letzte Jahresabschluss der Holding stammt aus dem Jahr 2011, der Bilanzverlust lag damals bei 2,5 Millionen Euro. Damit hat Unister die Publizitätspflicht für seine Bilanzen und die Gewinn- und Verlustrechnungen um Jahre überzogen – und nimmt dafür Geldstrafen in Kauf, um die finanzielle Situation des Unternehmens zu verbergen.

Dass Unister in der Klemme steckt, zeichnete sich bereits häufiger ab, zuletzt im Herbst 2015. Die Gruppe soll im Streit mit einem seiner größten Kreditgeber liegen, dem Versicherungskonzern Hanse Merkur. Mit mindestens 40 Millionen Euro soll dieser das Geschäft des Internetriesen am Laufen halten, schrieb das Handelsblatt. Die fälligen Darlehen aber würden von Unister nicht zurückgezahlt.

„Scheinimperium“

Die Firma soll einst eine Milliarde Euro wert gewesen sein. Im Jahr 2014 befragte Die Zeit Experten zu den wenigen, verfügbaren Unister-Bilanzen und schätzte den Umsatz auf 400 Millionen Euro. Wagner hielt an diesem Glauben fest, obwohl es für das Unternehmen Schritt für Schritt bergab ging. Es gab zwei Razzien, Wagner und Mitgesellschafter wurden der Steuerhinterziehung verdächtigt.

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Das Handelsblatt schrieb im Herbst 2015, der Unternehmenswert liege nur noch zwischen 100 und 150 Millionen Euro. Zuvor scheiterten zahlreiche Versuche, bestimmte Portale zu verkaufen – beispielweise die ausgegliederte Reisesparte an den Medienkonzern ProSieben Sat.1. Das Unternehmen strukturierte sich neu und strich zahlreiche Stellen: Derzeit arbeiten noch etwa 1.100 Menschen für Unister, Ende 2014 waren es noch mehr als 1.700.

Die Zeit betitelte Unister bereits damals als „Scheinimperium“. Der Direktor des Instituts für Wirtschaftsprüfung in Saarbrücken, Michael Olbrich, sagte der Zeitung: „Mir drängt sich der Verdacht auf, dass bei Unister und Travel24.com massive Bilanzpolitik betrieben worden sein könnte, womöglich, um Unternehmensteile attraktiv erscheinen zu lassen in Phasen, in denen man am Kapitalmarkt Geld eintreiben wollte.“

Bild: Unister