Unister-Mitgründer Thomas Wagner

Erfolgsstory oder Debakel? Über Unister wurde schon beides geschrieben. In den vergangenen Monaten stand der Leipziger Portalbetreiber, dessen Travel-Tochter mehr Reisen vermittelt als TUI, Thomas Cook oder Alltours, meist in schlechtem Licht. Nicht ohne Grund. Razzien am Hauptstandort, U-Haft für das Management, Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung – und immer häufiger offene Fragen, wie es um die finanzielle Lage des mächtigen Unternehmens steht. Zuletzt hatte Unister bekannt gegeben, 150 Stellen zu streichen und die eigenen Aktivitäten zu überprüfen.

Und dann ist da noch der Streit zwischen den beiden Gründern. Allem Anschein nach ist dieser zuletzt eskaliert. Im jüngsten Bericht „Das Himmelfahrtskommando“ des Handelsblatts unterstellt der angeblich mit Hausverbot versehene Mitgründer Daniel Kirchhof dem aktuellen Management unter anderem, „Mitarbeiter, Gesellschafter und Geschäftspartner in rechtswidriger Weise mit geheimdienstlichen Methoden (illegal) überwachen zu lassen“.

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Kirchhof habe einen Brief verfasst, eine „Abrechnung mit dem eigenen Unternehmen“, heißt es im Bericht. Vor allem aber wohl mit der Person, die das Gesicht von Unister ist: Mitgründer Thomas Wagner, einst als Wunderkind der deutschen Startup-Szene bezeichnet. Während das Handelsblatt Wagner einen „Hang zum Irrationalen“ zuschreibt – und zwischen den Zeilen eine gewisse Extravaganz –, spricht sein ehemaliger Geschäftspartner Kirchhof von Realitätsverlust.

Mit dem Handelsblatt habe keiner der Protagonisten vor der Veröffentlichung sprechen wollen. Nun äußert sich Unister-Boss Wagner dennoch – mit einem offenen Brief an die Chefredaktion der Zeitung. In diesem geht der Mitgründer etwa auf die Finanzlage ein. „Das von Ihnen [aufgebaute] Bild des drohenden Ruins hingegen wäre geradezu lachhaft, wenn es nicht eben geschäftsschädigend wäre“, wütet Wagner. Die Zeitung hatte eine lange Liste von Belastungen aufgeführt: ausufernde Rechtskosten, der gescheiterte Verkauf der Travel-Tochter, die viel zu teure Übernahme des maroden Konkurrenten Travel Viva, obskure Options- und Darlehengeschäfte mit einem Gesellschafter – und 20 Millionen Euro, deren Verbleib derzeit geprüft werde. Unister habe das Geschäftsjahr 2014 operativ (Ebitda) profitabel abgeschlossen, so Wagner knapp.

Hinzu kommen laut Handelsblatt-Bericht Kredite „von inzwischen angeblich über 40 Millionen Euro“ mit denen sich Unister seit Jahren über Wasser halte und die bald fällig würden. Wagner: „Mit Stolz und tiefem Vertrauen arbeiten wir mit mehreren seriösen Kreditgebern zusammen und prüfen zudem in aller Gelassenheit neue Wege der Fremdfinanzierung, um künftiges Wachstum voranzutreiben. So es dies ist, was Sie umgangssprachlich mit ,Schulden’ meinen, bestätigen wir dies gern.“ Unister sehe sich als Inkubator, der zahlreiche innovative Startups in seinem Portfolio habe.

Hart zur Sache geht Wagner in dem Brief mit Ex-Geschäftspartner Kirchhof. Der stehe „im Verdacht, Unternehmensgelder in nicht unerheblicher Größenordnung veruntreut zu haben“. Vor diesem Hintergrund bemühe man sich „um die vollständige Trennung von Herrn Kirchhof aus dem Gesellschafterkreis“. Der Mitgründer hatte einen großen Teil seiner Anteile bereits abgegeben. „Mit Respekt vor unserem Mitgründer und dem Gesetz bleiben wir vorerst bei der Unschuldsvermutung und nennen auch keine weiteren Details“, so Wagner zwar in seinem offenen Brief. Damit stehen allerdings ganz erhebliche gegenseitige Vorwürfe im Raum.

Zu den Bespitzelungs-Behauptungen sagt Wagner übrigens nichts. Nur so viel: „Der von Ihnen zitierte Brief, der angeblich aber vermutlich nicht nachweislich aus der Feder von Herrn Kirchhof stammen soll, gibt in der Tat Anlass zur Sorge. Die wenigen berechtigten Hinweise nehmen wir ernst.“

Bild: Unister