VC Typologie

Der Lässige, der Draufgänger oder der Intellektuelle?

Ein Beitrag von David Rosskamp, Investment Professional bei Earlybird Venture Capital in Berlin und München.

Wie Risikokapitalgeber ticken

Welche „Philosophie“ verfolgen Risikokapitalgeber? Diese Frage wird relativ selten gestellt, dabei unterscheiden sich Ansätze von Venture Capitalisten mitunter erheblich. Auch wenn die deutsche VC-Landschaft in ihrer Ausdifferenzierung (vergleichsweise) noch in den Kinderschuhen steckt, ist eine Betrachtung der verschiedenen Vorgehensweisen durchaus interessant. Eine Ontologie der Ansätze kann unter Umständen bei der Auswahl des Investors helfen; zumindest sorgt sie aber für interessanten Gesprächsstoff.

Hinweis: Dies sind keine „Strategien“ von Venture-Fonds. Strategien im engeren Sinne beziehen sich eher auf die Auswahl der Anlageklasse – diese ist bei VCs vergleichsweise ähnlich. Es geht vielmehr um die zugrunde liegende Doktrin oder Vision.

1. Opportunistische Investoren

Opportunistische Investoren handeln ereignisgesteuert und ohne festes Gerüst an Überzeugungen oder Theorien, das ihre Flexibilität einschränken würde. Eine gesunde Dosis an Opportunismus wird sich zwar bei den meisten Investoren finden lassen, allerdings immer sekundär zu anderen Leitlinien. Der opportunistische Investor hingegen investiert völlig ohne Philosophie oder Doktrin, er engagiert sich in allen Industrien, Geschäftsmodellen oder Unternehmen – vorausgesetzt, der erwartete Ertrag ist hoch genug.

2. Thematische Investoren

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Thematische Investoren dürften die am weitesten verbreitete Spezies der Venture-Investoren sein. Sie fokussieren sich auf „E-Commerce“ oder „SaaS“ oder „Mobile“ oder „Adtech“ oder „Asien“, das heißt, sie operieren innerhalb einer bestimmten Industrie, Unternehmensart oder Geographie. Einschränkend sollte man sagen, dass Risikokapital generell gewissen „Themen“ unterworfen ist – die klassischen Beispiele sind wohl „Digitale Technologie“ oder auch „Life Sciences“. Es geht also eher um die zweite Stufe der thematischen Einschränkung.

Einmal festgelegt, wird der rein thematische Investor nur innerhalb einer bestimmten Sub-Industrie (oder -Geographie) operieren, die er aus einem vergleichsweise weiten Winkel erfasst. Dort endet dann sein philosophischer Unterbau. Ein thesengetriebener Investor würde an dieser Stelle erst beginnen, und auf die Thematik einen intellektuellen Oberbau setzen.

3. Thesengetriebene Investoren

Thesengetriebenes Investment bedeutet prinzipiell, dass der Investor seinen Investmententscheidungen den eben besprochenen intellektuellen Oberbau gibt. Dieser bestimmt die Ausgestaltung der Investmenttypen innerhalb eines gegebenen Themas (das kann „Tech“, aber auch ein spezifisches Subset sein). Der Klarheit halber würde ich zwischen induktiven, deduktiven und kombinatorischen Ansätzen einer These unterscheiden. Alle haben gemeinsam, dass eine starke Doktrin der Investmententscheidung zugrunde liegt. Mit anderen Worten: Themen sind das Makro-Level, Thesen sind Mikro.

Induktive Thesen

Induktive Thesen ziehen das Unternehmen als Ausgangspunkt heran. Ausgehend von einem idealisierten Konzept einer Unternehmung suchen Investoren ihre Beteiligung aus. Beispiele dafür sind: Margenanforderungen, Marktreife des Geschäftsmodells, Zusammensetzung oder Qualifikation des Teams. Alle diese sind im Regelfall Charakteristika, die zum Investmentzeitpunkt schon vorliegen, die also Gegenwartsmomente sind.

Sie bilden aus Investorensicht die notwendige Basis für herausragenden Erfolg und Skalierbarkeit eines Startups. Man kann zutreffend argumentieren, dass wohl alle VC-Investoren auf Grundlage einer induktiven These arbeiten (so wollen die meisten „Traktion“ oder ein „skalierbares Modell“); in diesem Sinne genügt die rein induktive These noch nicht zur Qualifikation als „Thesen-Investor“.

Deduktive Thesen

Deduktive Thesen beginnen mit einer Vision der Zukunft. Der Investor formuliert einen Narrativ technologischer Entwicklung und bestimmt die Elemente, die zur Realisierung desselben nötig sein werden. Jedes potenzielle Investment wird dann an diesen Maßstäben gemessen. Beispiele für solche Thesen sind der Glaube an „Netzwerke“ oder die „Cloud Economy“ oder „Breitband-getriebenes Fernsehen“.

Jede These kann in mehrere individuelle Elemente zerlegt werden und es besteht eine gewisse Überschneidung zu induktiven Thesen (so zum Beispiel, wenn man von „software eats the world“ spricht – hier nimmt man implizit Software als das präferierte Geschäftsmodell einer Großvision an). Nichtsdestotrotz liegt der Fokus klar auf einem Versprechen technologisch-industrieller Zukunft, zu dessen Realisierung bestimmte Qualitäten eines Startups vorliegen müssen.

Kombinatorische Ansätze

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Kombinatorische Ansätze verbinden deduktive und induktive Elemente – die deduktive Vision wird durch eine induktive Qualifikation ergänzt. Ein hervorragendes Beispiel ist die These, in „mobile Netzwerke“ (deduktiv) zu investieren, die „verteidigbar“ sind und eine „differenzierte Nutzererfahrung“ (induktiv) aufweisen. Für mich ergeben derartige Ansätze den meisten Sinn, da sie hinreichend konkret sind und den Weg zur Erfüllung einer Vision aufzeigen wollen.

Alle genannten Konzepte haben ihren Stellenwert; vom Thesen-Investor kann man aber vor allem bei rein deduktiver und kombinatorischer Doktrin sprechen. Insgesamt kann man von einer zunehmenden Ausdifferenzierung der deutschen du europäischen VC-Landschaft in den nächsten Jahren ausgehen, die einer solchen Typisierung wohl weiteren Auftrieb geben wird.

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache auf David Rosskamps Blog. Übersetzt von David Rosskamp.
Bild: © panthermedia.net / Robert Walters