Bsirske

Verdi-Chef Bsirske fürchtet sich vor der „Amerikanisierung der Arbeitsbeziehungen“

Passen traditionelle Gewerkschaften eigentlich noch in unsere Zeit? Die Arbeitswelt verändert sich dramatisch. Künstliche Intelligenz und schlaue Robotertechnik stehen vor dem Durchbruch. Mit dem Laptop und Internetzugang lässt es sich überall arbeiten. Es muss nicht immer das Büro sein. So entstehen immer mehr Arbeitsverhältnisse, in denen die alten Regeln nicht mehr gelten. Junge Arbeitnehmer genießen neue Freiheiten, sagen die einen. Andere meinen, die jungen Digitalarbeiter werden wie nie zuvor von ihren Arbeitgebern ausgenutzt und überwacht.

In einem ausführlichen Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat sich jetzt Verdi-Chef Frank Bsirske über seine Sicht der Arbeitswelt der Zukunft geäußert. Die Verhältnisse beim Alles-Versender Amazon machen ihm besondere Sorgen:

„Die Beschäftigten in den Lagern tragen Scanner, mit denen sie in Echtzeit im Arbeitsprozess verfolgbar sind. Protokolle über Inaktivität gehören da zum Führungsinstrumentarium: Die Leute sollen laufen, nicht stehen. Was wir dort erleben, ist transparente Kontrolle mit Daten als Herrschaftsinstrument, eine der großen Herausforderungen für die Zukunft der Arbeit unter Bedingungen der Digitalisierung.“

Auch zu Startups äußerte sich Bsirske. Auch wenn diese nicht im Fokus von Verdi stehen. 

„Digitalisierung ist mehr als die Startup-Ökonomie. Wir erleben in den Betrieben, wie der digitale Umbruch sich ausbreitet. … Wir rücken gerade das Thema soziale Sicherung von Soloselbständigen stärker in den Fokus der Politik. Wir bieten auch den Mitarbeitern in Startups eine Plattform an, wenn die ihre Lebenssituation verbessern wollen.“

Dass die Digitalisierung kommen wird und von der Politik gestaltet werden muss, ist auch dem Gewerkschaftschef klar:

„Wir brauchen den europäischen digitalen Binnenmarkt und eine Industriepolitik in Sachen Digitalisierung.“

Auch die Aufgabe seiner eigenen Organisation verändert sich. Das Instrumentarium von Gewerkschaften muss neu erfunden werden , um den Anforderungen der Zukunft gerecht werden zu können. Es gibt nicht mehr die einfache Unterscheidung zwischen arbeitslos oder angestellt. Dazwischen ist ein ganzes Biotop mit unterschiedlichsten Arbeitsmodellen entstanden. Werden Gewerkschaften überhaupt noch gebraucht, um mit Protest und roten Fahnen die Interessen der Angestellten der Zukunft durchzusetzen?

„Angesichts dieser Vielfalt und der absehbaren Entwicklungen (der Arbeitsmodelle) bereitet uns die Frage, ob die Warnweste oder der heiße Arbeitskampf an sich noch zeitgemäß ist, weniger schlaflose Nächte. Auch in der Digitalbranche wird es im Zweifel um aufmerksamkeitsstarken Protest und Verhandlungskompetenz gehen.“

Auch mit dem selbst organisierten Protest der Fahrer bei Foodora und Deliveroo hat sich Bsirske beschäftigt:

„Wenn die Fahrer von Foodora und Deliveroo sich in einer kleinen Gewerkschaft mehr Chancen ausrechnen, dann ist das ok. Ich würde hier eher an die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) denken, auch wegen der ökonomischen Macht. Die NGG hat übrigens gerade aktiv die Bildung eines Betriebsrates bei Foodora in Köln begleitet. Mit Erfolg.“

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Die nackten Zahlen sprechen für eine erfolgreiche Zukunft von Verdi. Mit rund zwei Millionen Mitgliedern ist sie nach der IG Metall immer noch die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft. Verdi beschäftigt 3.000 Mitarbeiter und nimmt durch Beitragszahlungen jährlich etwa 459,7 Millionen Euro ein. Im vergangenen Jahr sind 5.000 neue Mitglieder hinzugekommen. Immerhin 35 Prozent davon haben sich online bei der Gewerkschaft angemeldet. Man kann sich inzwischen auch online von Verdi beraten lassen. Für Mitglieder ist das kostenlos, alle anderen zahlen eine Gebühr.  Die Bemühungen der Arbeitgeber, den Wandel gemeinsam zu gestalten, sieht Bsirske kritisch. 

„Amazon setzt voll auf die Amerikanisierung der Arbeitsbeziehungen. Gewerkschaften sind für sie Teufelszeug. Aber die weit überwiegende Mehrzahl der Unternehmen weiß um den Wert gemeinsam gestalteter Arbeitsbeziehungen. … Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände verfolgt die Maxime: Beschleunigung durch den Verzicht auf Regulierung. Das gibt jedoch eine völlig andere Ausrichtung vor, als aus Sicht der Arbeitskraft erstrebenswert wäre.“

Viele Gewerkschaftler warnen vor den Schattenseiten der neuen Arbeitswelt. Die ständige Erreichbarkeit sei eine große Belastung für Arbeitnehmer, heißt es zum Beispiel. Gesetzliche Arbeitszeiten würden nicht mehr eingehalten. Eine aktuelle Studie zeigt, dass es vielleicht nicht ganz so dramatisch ist. Die Wissenschaftler am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) haben herausgefunden, dass sogenannte mobile Computerarbeiter in Deutschland am häufigsten Arbeitstage von mehr als zehn Stunden haben. Die Arbeitszufriedenheit dieser Menschen ist trotzdem hoch. Studienautor Oliver Stettes sagt: „Das Interessante ist, dass diese Menschen dafür mehr Autonomie haben, das heißt, sie haben mehr Souveränität zu entscheiden: Wie arbeite ich, wann arbeite ich, was arbeite ich.“

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