Verdi Cloudworking Crowdsourcing

Ist Cloudworking/Crowdsourcing wirklich schlecht?

Es sind recht harte Worte, die Verdi in seinem „Berliner Cloudworking-Crowdsourcing-Papier“ zum Thema Arbeit aus der Cloud findet. Von der „massenhaften Vernichtung guter, sicherer und hochqualifizierter Arbeitsplätze“ ist dort genau so die Rede wie von einer Aushöhlung der Unternehmensbesteuerung oder einem „Preisdumping bisher ungekannten Ausmaßes“. Entstanden ist das Positionspapier auf einem Treffen von Mitgliedern von Betriebsratsgremien und Aufsichtsräten großer deutscher IT-Unternehmen im vergangenen Herbst. Ist Cloudworking beziehungsweise Crowdsourcing wirklich derart schädlich, dass es „wesentliche Säulen unseres Gemeinwesens gefährdet“?

Zumindest die unterzeichnenden Arbeitnehmervertreter sehen mitunter gravierende Probleme bei dieser neuen Art der Arbeitsorganisation: Unternehmen können Kleinaufträge auf den unterschiedlichen Plattformen weltweit ausschreiben, wobei – immer je nach Modell – jedes Mitglied in einem solchen Arbeitsnetzwerk damit beginnen kann, an dem vom Unternehmen gewünschten Arbeitsschritt zu arbeiten. Die fertigen Ergebnisse werden dann dem Auftraggeber präsentiert. Das Unternehmen kann sich dann jenes Ergebnis aussuchen, das am besten seinen Vorstellungen entspricht. „Natürlich wird auch nur das bezahlt. Alle anderen Entwickler haben umsonst gearbeitet. Sie gehen leer aus“, so die Warnung der Gewerkschaft.

Volkswirtschaftliche Auswirkungen?

Allerdings ist dieser Umstand den Entwicklern in solchen Fällen von Beginn durchaus bekannt. Gleichzeitig kommen Fragen nach der Effizienz des Modells und letztendlich auch der Motivation der Auftragnehmer auf, wirklich Bestleistungen abzuliefern – nach denen sie letztendlich bewertet werden. Zumindest volkswirtschaftlich betrachtet sind solche Konzepte tatsächlich fragwürdig, allerdings folgt auch nicht jede Vermittlungs-Plattform einem solchen Vorlage-und-Auswahl-Verfahren.

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Verdi-Argumente wie Lohndumping oder einer Aushöhlung der Unternehmensbesteuerung lassen sich demgegenüber allenfalls in Teilen nachvollziehen. Längst ist es dabei gang und gäbe, Aufträge an ausländische „Subunternehmer“ zu vergeben, auch im großen Stil und über entsprechende Agenturen – auch wenn es dabei je nach Vertragsgestaltung durchaus Unterschiede zum Cloud-Modell geben mag. Tatsache ist auch, dass gerade die großen Unternehmen selbst gerne auch auf selbstständige Programmierer zurückgreifen, wenn nur kurzfristig besondere Fähigkeiten – etwa das einmalige Design eines App-Icons – gefordert sind oder „Lastenausgleich“ betrieben werden muss – mehr oder weniger also genau aus den Gründen, mit denen auch die Cloudworking-Anbieter werben.

Chancen für junge Unternehmen…

Angesichts der umgangreichen Verdi-Kritik verwundert es wenig, dass die Freelancer-Vermittlung My little Job (www.mylittlejob.de) ihr Konzept in einem offenen Brief verteidigt. Die vorgetragenen Argumente sind umfangreich: So biete Cloudworking etwa neue, flexible Möglichkeiten eines Zusatzverdiensts für Studenten, ohne gleich einen festen Nebenjob eingehen zu müssen. Unternehmen, die eine Überkapazität nicht stemmen können, biete sich derweil jener Weg, in Zeiten von hohem Auftragseingang mithilfe von externen Kräften Leistungen fristgerecht zu erbringen – mit allem damit zusammenhängenden volkswirtschaftlichem Nutzen.

Auch Argumente wie eine mögliche Vernichtung qualifizierter Arbeitsplätze will My little Job nicht gelten lassen. Diesen würde durch Studenten, wie sie oft auf den Plattformen zu finden sind, nicht gefährdet. Gleiches dürfte wohl auch für einzelne ausländische Auftragnehmer gelten. Bislang hat sich Cloudworking tatsächlich in der Breite noch nicht durchgesetzt. Der Verdi-Kritik der maximalen Verlagerung des unternehmerischen Risikos auf Individuen tritt die Plattform mit dem Aspekt entgegen, dass der Auftragnehmer parallel mehrere Auftraggeber habe und somit letztendlich unabhängig(er) von den Geschicken einzelner Arbeitgeber sei.

… aber auch Risiken

Durchaus realistisch ist bei der Arbeit über Freelancer-Plattformen dabei das Risiko, dass einzelne Lösungen oder sogar ganze Geschäftsmodelle kopiert werden. Je nach Rechtslage kann es in einem solchen Fall schwierig werden, das geistige Eigentum zu schützen. Berichte über solche Vorkommnisse gab es bereits mehrere. Die Auftraggeber davor zumindest zu einem gewissen Maße schützen soll auf Plattformen wie Twago (www.twago.de) oder Freelancer.com (www.freelancer.com) ein Bewertungssystem, in denen die vorherige Nutzer Kommentare abgeben können. Die Plattformen selbst sehen sich zumeist nur als Vermittler, nicht aber als Schlichter oder gar Rechtsbeistand.

Dass Verdi auch solche Bewertungsmechanismen kritisiert, hat derweil einen anderen Hintergrund. Da diese allein auf die Bedürfnisse der Auftraggeber abgestimmt seien, so das Argument der Gewerkschaft, würden die Freelancer zu gläsernen Akteuren. My little Job weist in dem offenen Brief demgegenüber darauf hin, dass es in der Cloud allein um die Leistung gehe und hebt die durch die Bewertungen entstehendende Transparenz als uneingeschränkt positiv hervor. Tatsächlich dürfte die Wahrheit, wie so oft, in der Mitte liegen. Dennoch wäre es aus Sicht der Plattformbetreiber kein schlechter Schachzug, hier eine gewisse Bewertungsqualität sicherzustellen. Kann ein Freelancer eine schlechte Bewertung bekommen, nur weil die Vorstellungen des Auftraggebers etwa hinsichtlich des Zeitrahmens unrealistisch waren?

Zwei Welten

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Letztendlich prallen beim Thema Cloudworking/ Crowdsourcing zwei Welten aufeinander: Dass die Arbeitnehmervertreter größerer (IT-)Konzerne gegen aus ihrer Sicht laxe Beschäftigungsverhältnisse wehren, ist mit der Angst um den Wegfall von (mehr oder weniger) festen Arbeitsplätzen schnell erklärt. Und es ist ja sogar die Aufgabe der Gewerkschaften, deren Fortbestand sicher zu stellen. Beraten hatten sich dabei große deutsche IT-Unternehmen – Dienstleister also, die ihr Know-how gerne für gutes (und selten nicht wenig) Geld anbieten. Ganz von der Hand weisen lassen sich einige Kritikpunkte dennoch nicht.

Gleichzeitig bieten sich für junge und schnell wachsende Unternehmen einerseits und nach flexiblen und selbst zu gestaltenden Arbeitsbedingungen suchende Freelancer neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Dabei wird Cloudworking beziehungsweise Crowdsourcing in den kommenden Jahren kaum eine wesentliche Anzahl an „traditionellen“ Beschäftigungsverhältnissen ersetzen. Nichts desto trotz sollten sich alle Beteiligten auch abseits der harschen Verdi-Anmerkungen bewusst sein, dass solche Arbeitskonzepte gleichermaßen Chancen wie auch Risiken mit sich bringen – und das für Arbeitnehmer, Unternehmen und Gesellschaft.

Bildmaterial: Sylvia Krahl / pixelio.de