Warum Startups und öffentliche Verwaltung sich annähern sollten

Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ist derzeit eine der größten Herausforderungen für Behörden. Bundesministerien, Landesverwaltungen und kommunale Ämter wollen digitaler werden, um leichter mit Bürgern kommunizieren zu können und um interne Prozesse effizienter zu gestalten. Im europäischen Vergleich hat Deutschland aber noch Nachholbedarf: Im Digital Progress Report der EU-Kommission landet Deutschland bei digitalen Dienstleistungen auf Platz 18 von 28, wahrlich kein tolles Ergebnis.

Hier könnten Startups mit ihren innovativen und digitalen Konzepten ins Spiel kommen. Als digitaler Technologietreiber können sie mit ihren Ideen, Produkten und Dienstleistungen den digitalen Wandel der öffentlichen Verwaltung voranbringen.

Startups und öffentliche Verwaltung könnten nicht unterschiedlicher sein. Und dennoch können sie voneinander profitieren – für Startups könnte sich mit der öffentlichen Verwaltung ein bislang von ihnen wenig beachteter neuer Markt auftun.

So kann die Zusammenarbeit gelingen

Startups werden Innovationspartner der öffentlichen Verwaltung

Startups können Inspiration und Ideengeber für die öffentliche Verwaltung sein. Sie zeichnen sich durch ihre Innovationsfreude aus, ihre Unternehmenskultur ist fehlertolerant und erlaubt es, zu experimentieren. Diese Eigenschaften heben sie deutlich von der öffentlichen Verwaltung ab – und sie könnten hier genau diese Vorteile, gepaart mit ihrer Agilität und schnellen Reaktionsfähigkeit, gewinnbringend einsetzen. Im Zusammenspiel mit der öffentlichen Verwaltung wären sie die Inkubatoren für neue Ideen. Neue Lösungen aus der Gründerszene, die sich in der Testphase als erfolgreich erwiesen haben, können von der öffentlichen Verwaltung übernommen werden.

Startups entwickeln ein Verständnis für die „Verwaltungsmentalität“

Zentrale Aufgabe der öffentlichen Verwaltung ist es, Rechtsvorschriften auszuführen und dabei verbindliche Entscheidungen zu treffen. Die Handlungen müssen fehlerfrei sein – Entscheidungen werden daher gründlich geprüft. Die öffentliche Verwaltung muss in ihren Handlungen in erster Linie zuverlässig sein. Diese „Null-Fehler-Mentalität“ ist diametral entgegengesetzt zum „Trial-and-Error-Prinzip“ der Startup-Szene. Lösungen können also nur dann implementiert werden, wenn diese sicher und fehlerfrei funktionieren und sich in den vorgegebenen rechtlichen Rahmen einfügen.

Verwaltungsorganisationen sind trotz vieler Reform- und Modernisierungsansätze noch immer hierarchisch strukturiert. Dienstwege genauso wie rechtliche und politische Vorgaben müssen befolgt werden, was die Reaktionszeiten zum Teil verlangsamen und Entscheidungsfindungsprozesse verlängern kann.

Startups sollten bei der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Verwaltung somit ein Verständnis für deren Funktions- und Arbeitsprozesse entwickeln und diese mit Hilfe digitaler Lösungen verbessern: interne Prozesse und koordinative Aufgaben genauso wie die externe Kooperation und Kommunikation.

Startups und öffentliche Verwaltung treiben die Weiterentwicklung von Vergabeverfahren gemeinsam voran

Eine Hürde bei der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Verwaltung können vergaberechtliche Vorgaben sein. Der Beschaffungsprozess der öffentlichen Verwaltung durchläuft gesetzlich vorgegebene Verfahren. Vergabeverfahren können zeit- und kostenaufwändig sein, bei gleichzeitig unsicheren Erfolgsaussichten für die Bieter.

Ein Aspekt mit hohem Optimierungspotential sind beispielsweise die Anforderungen an Referenzen. Junge Unternehmen punkten damit, dass ihre Produkte Neuheiten am Markt sind – sie könnten hier zum Beispiel an der oft geforderten Mindestzahl an Referenzen scheitern. Eine „Innovationsprämie“ oder die geringere Gewichtung von Referenzen könnten hier gangbare Lösungen sein. Langfristig könnte der Gesetzgeber zudem schnellere und vereinfachte Verfahren speziell für die Gründerszene entwickeln.

Eine weitere Möglichkeit zur Zusammenarbeit innerhalb des geltenden Vergaberechts könnte die verstärkte Anwendung des neuen Verfahrens „Innovationspartnerschaft“ sein. Dies ist ein besonderes Vergabeverfahren zur Entwicklung innovativer, noch nicht auf dem Markt verfügbarer Liefer- oder Dienstleistungen und zum anschließenden Erwerb der daraus hervorgehenden Leistungen. Das Verfahren beginnt mit einem Teilnahmewettbewerb, in dem die Bewerber ihre Fähigkeiten in den Bereichen der Forschung, Entwicklung und Erstellung innovativer Lösungen unter Beweis stellen. Die am besten geeigneten Bewerber können dann ein Angebot in Form eines Forschungs- oder Innovationsprojekts einreichen. Hat der Auftraggeber sich für ein Projekt entschieden, folgen eine Forschungs- und Entwicklungsphase, in der die innovativen Leistungen entwickelt werden, und eine Leistungsphase, in der die gemeinsam entwickelten Leistungen erbracht werden. Mit einem attraktiven Vergütungsmodell können diese Phasen so gestaltet werden, dass auch Startups von diesem Verfahren profitieren.

Startups sollten sich von Vergabeverfahren also nicht abschrecken lassen, sondern gemeinsam mit der öffentlichen Verwaltung nach Wegen suchen, wie im Rahmen des geltenden Rechts Verfahrenserleichterungen für Unternehmen aus der Gründerszene ermöglicht werden können.

Institut für den öffentlichen Sektor und KPMG unterstützen Kooperationen zwischen Gründern und öffentlicher Verwaltung

Für eine verstärkte Zusammenarbeit von Startups und öffentlicher Verwaltung fehlt es bislang an Kontakt- und Anknüpfungspunkten für diese so unterschiedlichen Akteure. Themen, Herausforderungen und Anforderungen der öffentlichen Verwaltung sind vielen Unternehmen aus der Gründerszene bislang zu wenig bekannt.

Das von KPMG geförderte Institut für den öffentlichen Sektor hat im letzten Jahr mit der Veranstaltung myGovernment den Boden für mögliche Kooperationen bereitet. Es sind dort bereits zahlreiche Ideen präsentiert worden – und gute Kontakte zwischen Startups und öffentlicher Verwaltung zustande gekommen. Dies will das Institut nun ausbauen.

Das Institut für den öffentlichen Sektor arbeitet daher an einem Portal, auf dem sich Startups und Verwaltungen miteinander vernetzen können. Auf der Plattform sollen Startups die Möglichkeit bekommen, ihre digitalen Lösungen und Ideen für die öffentliche Verwaltung zu präsentieren. Gleichzeitig können Mitglieder der öffentlichen Verwaltung dort ihre Herausforderungen thematisieren, bei deren Lösung sie sich innovative „Startup-Power“ wünschen. Daraus sollen ein aktiver Austausch und eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Gründerszene und öffentlicher Verwaltung entstehen.

Aktuelle Informationen zu den Entwicklungen gibt es auf www.my-government.de.

 

Ansprechpartner:
Dr. Ferdinand Schuster
Institut für den öffentlichen Sektor e.V.
fschuster@kpmg.com

 

Artikelbild: KPMG