Vint Cerf

Als junger Mann war Vint Cerf ein Geek. Jetzt ist er ein Gentleman mit einem leichten Hang zur Exzentrik.

Ein Internet-Evangelist hat es nicht leicht in diesen Tagen. In Zeiten von Fake News, Hate Speech, Trump und Filterblasen. Vint Cerf gilt als einer der Väter des Internet, weil er maßgeblich an der Entwicklung des TCP/IP-Protokolls beteiligt war, das alle Rechner zu einem Netz verbinden kann. Er ist jetzt in seinen 70ern und immer noch rastlos unterwegs, um sich den brennenden Fragen rund um die Vernetzung der Welt zu stellen. Sein offizieller Job ist Vice President bei Google, doch in seinem Alter steht man natürlich über den Dingen. 

Drei Tage verbrachte Cerf vergangene Woche in Berlin, unablässig gab er Interviews, hielt Keynotes, hielt Lunch-Empfänge ab und stellte sich in der Factory auch den Fragen von Gründerszene. Wie steht man so ein Programm durch? Cerf: „Das Geheimnis ist, dass du keine Pausen einlegen darfst. Denn dann verlierst du deine Energie.“ Gestoppt wird der weißbärtige, gepflegte Gentleman im Nadelstreifen-Dreiteiler höchstens durch seine Hörhilfe. Dann wird einfach mit geübtem Griff die Batterie ausgewechselt. Ohne jede Spur von Nervosität. Live auf der Bühne. Es muss ja weitergehen. 

Moralische Standards entwickeln

Mit seiner Erfindung aus dem Jahr 1973 hat er der Welt das Internet gegeben. Cerf hat keinen Cent daran verdient, aber der weise Mann bedauert das nicht. Er sei damals ein Geek gewesen, dem es um die Sache ging. Seine Leistung hat sich später ausgezahlt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen – und heute wird er wahrscheinlich umso besser bezahlt. Sein Weinkeller soll jedenfalls eindrucksvoll sein. Die Temperatur darin reguliert er über sein Smartphone. Egal, wo er sich gerade aufhält auf der Welt.

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Auch Cerf sieht das Internet in einer Krise. Und einen einfachen Ausweg hat auch er leider nicht zu bieten. Wie konnte das Netz zu einer Bedrohung werden? Wird gerade unsere freie Welt und unsere Demokratie gehackt? Es ist eben kompliziert, wenn die ganze Welt vernetzt ist.

Cerf: „Systeme müssen technisch und gesellschaftlich widerstandsfähiger werden.“ Was genau meint er damit? „Wir müssen bestimmte moralische Standards entwickeln, welches Verhalten hinnehmbar ist und welches nicht. Sozialer Druck ist nicht zu unterschätzen. Das klingt schwach, aber die schwächste Kraft im Universum ist die Gravitation.“ Und die hält immerhin Sonnensysteme und den ganzen Rest des Universums zusammen.

Demokratie kommt mit einem Preis

Am Ende geht es laut Vint Cerf um die Frage, was uns wichtiger ist: das freie Rederecht oder die Verfolgung derjenigen, die es missbrauchen. Cerf selber hat dazu eine ganz eindeutige Haltung: „Das Internet hat etwas völlig Neues getan. Jeder Mensch kann laut sprechen und von allen anderen gehört werden. Das ist Demokratie. Aber sie kommt mit einem Preis. Es gibt keine zentrale Kraft, die die Beiträge kontrolliert, wie das in einer Redaktion gemacht wird. Die Nutzung dieses Megafons muss gelernt werden.“ Wir sind also noch in der Lernphase. 

Außerdem appelliert Cerf immer wieder an die Verantwortung der einzelnen Nutzer und an den Einsatz des eigenen Gehirns: „Wir filtern schon sehr lange, was uns erreicht und was nicht. Das können wir ganz gut. Wir müssen auch weiterhin die Verantwortung dafür übernehmen und sie nicht an eine Software oder private Firma abgeben.“ Facebook oder sein Arbeitgeber Google dürften auf keinen Fall für uns entscheiden, was wir lesen oder nicht lesen. Es sei aber laut Cerf nicht ausgeschlossen, dass die rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz eine Hilfe sein und uns in Zukunft bei der Filterung von Inhalten helfen könnten. Doch eine technische Lösung sei noch lange nicht in Sicht.

„Es hat sich einfach so ergeben“

Interessant ist auch Cerfs Sichtweise auf Personal Computer. Sie seien eigentlich gar nicht dafür entwickelt worden, um mit ihnen ins Netz zu gehen. „Früher waren Computer groß wie Kleiderschränke. Man konnte sie nicht einfach mit sich herumtragen. Dann kamen die ersten Personal Computer und jeder konnte einen davon besitzen. Damit hat man viele persönliche Dinge erledigt. Und all diese Dinge waren dann mit dem Aufkommen des Internets plötzlich ein Teil des Netzwerkes. So war das eigentlich nicht geplant. Es hat sich einfach so ergeben.“ 

Vint Cerf ist ein durch und durch liberaler Denker. Er will nicht, dass wir uns von Institutionen vorschreiben lassen, was wir im Netz dürfen oder nicht dürfen. Er hofft auf den Verstand, die Moral und die Umsicht der Nutzer. Auch wenn es derzeit so aussieht, als ob dunkle Mächte durch das Internet die Grenzen zwischen Richtig und Falsch oder Gut und Böse verschwimmen lassen könnten. Das sind laut Cerf am Ende untaugliche Versuche, wenn wir soziale Standards entwickeln und nicht alles glauben und weiterverbreiten, was uns vorgesetzt wird.

AOL-CDs aus der Müsli-Packung

Cerf: „Es wird immer so getan, als ob uns das Internet etwas vorsetzt, mit dem wir uns dann auseinandersetzen müssen. Das stimmt aber nicht. Wir alle sind freiwillig im Netz. Wir klicken uns freiwillig auf Seiten, wir abonnieren freiwillig Quellen auf Facebook. Niemand zwingt uns, irgendwo hinzugehen.“

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So ähnlich argumentiert sein Arbeitgeber Google auch. Einer der Werbesprüche lautet: „Es ist deine Entscheidung.“ Und natürlich weiß auch Vint Cerf, dass das vielleicht wünschenswert wäre, aber in der Realität oft anders aussieht und das Surf- und Suchverhalten der Nutzer heute auch durch Algorithmen, Bots und geschickte Manipulation beeinflusst wird.

Am Ende hat Cerf auf der Bühne der Factory noch eine Anekdote zum Niedergang von AOL auf Lager. Der Webpionier hatte ja in Deutschland mit Werbefiguren wie Boris Becker für den Durchbruch des Internets als Massenphänomen gesorgt, konnte aber diesen Erfolg nicht aufrechterhalten. Cerf: „Als ich sah, dass diese AOL-CDs aus der Müslipackung fielen, war mir klar, dass das nichts Gutes zu bedeuten hat.“

Von der Blockchain-Technik hält er übrigens auch nicht viel und den jungen Gründern rät er, sich im Bio-Tech-Bereich umzuschauen. Hier sei die nächste Revolution zu erwarten.

Dann verschwindet der weise Mann des Internets zu einem letzten Interview in seine Garderobe, um am nächsten Tag zurück nach Washington zu fliegen. Der Flieger geht pünktlich um 7 Uhr morgens. Nur keine Pause einlegen. Sonst lässt die Energie nach. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft vom Vater des Internets. 

So funktioniert das Internet-Adressbuch. 

Foto: BENFUCHS.DE / Factory