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Ich war zuletzt im Dezember 2014 in Los Angeles. Alles ist von Fabric säuberlich aufgezeichnet.

Studien zeigen, dass die meisten Smartphone-Besitzer immer die gleichen fünf Apps benutzen. Da gibt es kaum Bewegung in den Gewohnheiten. Facebook, WhatsApp, vielleicht noch eine Banking-App oder Mails und Wetterdaten abfragen. Das war’s meistens schon. Es ist extrem schwierig, Nutzer für eine neue App zu begeistern. Es gibt immer wieder Hypes. Zuletzt schaffte es die Fotobearbeitungs-App Prisma auf die Screens vieler Nutzer. Aber bereits nach einigen Tagen flaute die Begeisterung wieder ab.

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Jetzt haben sich die ehemaligen Facebook-Mitarbeiter Arun Vijayvergiya und Nikolay Valtchanovan an einem digitalen Tagebuch versucht. Fabric heißt die App, die derzeit nur für iOS zur Verfügung steht. Und bei mir hat sie ab sofort einen Stammplatz auf dem Startscreen meines iPhones. Warum?

Tagtäglich bewege ich mich in vielen digitalen Netzwerken und hinterlasse dort meine Einträge. Dazu kommen Fotos, Termine, Reisen, Fahrten durch die Stadt, Begegnungen mit Menschen – Fabric baut aus all diesen Daten, die sich alle auf dem iPhone befinden, automatisch ein smartes Tagebuch. Nach der Installation habe ich die App mit meinen Accounts bei Facebook, Instagram und mit meiner Camera Roll verknüpft. Fabric baut aus diesen Daten eine Map und eine Timeline, die bei mir bis Anfang 2013 zurückreicht. Hier kann ich nachverfolgen, wann ich wo war und dazu die Fotos, die ich dort gemacht habe.

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Meine US-Reisen seit 2013 im Überblick.

 

 

 

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Und das sind hübsch sortiert die Orte, die ich in Los Angeles besucht habe.

Die Ansicht meines digitalen Tagebuchs wird nach verschiedenen Kriterien sortiert. Nach dem Kalender und Tagen, die ich anschauen möchte. Klar. Aber auch nach Orten und Städten, die ich besucht habe, oder nach Personen. Ich klicke auf meinen alten Freund Karsten. Es erscheint die O’Farrell Street in San Francisco. Hier haben wir uns das letzte Mal im Oktober 2013 bei einem Konzert getroffen. Dazu bekomme ich drei Fotos angezeigt, die ich dort gemacht habe. Sehr schön.

Fabric weiß eine ganze Menge über mich. Meine Tage werden in Momente geteilt, mein Weg durch die Stadt auf einer Karte eingezeichnet. Bei mir waren es von gestern Morgen bis heute Morgen acht Momente – mit genauen Orts- und Zeitangaben:

  • Aufenthalt bei Gründerszene: 3:46 Stunden
  • Spaziergang: 15 Minuten
  • Lunch im Chupenga: 19 Minuten
  • Kiosk Presse & Tabak: 6 Minuten
  • Spaziergang: 10 Minuten
  • Gründerszene: 4:19 Stunden
  • Autofahrt: 29 Minuten
  • Wohnung: 14:40 Stunden

Eine Social-Komponente gibt es auch. Wenn man Freunde zur App hinzufügt, werden alle Begegnungen mit ihnen getrackt. In Zukunft sollen Nutzer alles abspeichern können, was sie wollen. Biodaten, Musik oder Aufzeichnungen aller Art. Die Gründer nennen das Prinzip „Augmented Memory“.

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Als vergesslicher Mensch, der keine Lust hat, sich dauernd Notizen zu machen, bin ich dankbar für diese Art des automatischen Tagebuchs. Es macht Spaß sich auf diese Art und Weise durch Fotos zu klicken und zu erinnern. Dabei führt die App eigentlich nur Daten zusammen, die sich sowieso auf meinem iPhone befinden. Das macht sie allerdings auf eine sehr elegante Art und Weise, die Fabric bei mir zu den häufig benutzten Apps machen wird.

Bleibt eigentlich nur die Datenfrage. Diese App führt mir plastisch vor Augen, welche Daten sich auf meinem Smartphone befinden. Durch die Verknüpfung der Accounts ergeben sich noch mehr Einsichten in mein tägliches Leben. Das ist bei anderen Apps auch so, aber bei Fabric bekommt man einen gehörigen Schreck. Man kann diese App aber auch anders benutzen. Denn sie zeigt eindrucksvoll, welche persönlichen Daten das Smartphone aufzeichnet. Und sie zeigt, wie mein Leben aus der Sicht eines Menschen aussieht, dem diese Daten zur Verfügung stehen.

Mein Leben ist allerdings mehr als eine Sammlung von Momenten, die Fabric zusammenstellt. Da gibt es viele Erlebnisse, Begegnungen, Orte, Musik, Bücher und Gedanken, die nicht in Form von Metadaten auf meinem Smartphone hinterlegt sind. Und an die kann ich mich zur Not auch ohne das neue digitale Tagebuch erinnern.

Foto: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Spree2010