Arbeiten bis zum Umfallen? Was modernes Arbeiten mit uns macht - BARMER GEK

Work-Life-Balance – aus dem Gleichgewicht geraten?

Während des Frühstücks noch schnell eine E-Mail schreiben, abends in der S-Bahn Notizen aus dem Meeting durchgehen und während des Tatorts kurz nachverfolgen, was eigentlich aus dem Projekt der letzten Woche geworden ist: Da wir von quasi überall aus online arbeiten können, tun wir dies auch. Selbst eines der letzten Funklöcher, das Flugzeug, ist mittlerweile mit Wi-Fi ausgestattet und verleitet dazu, liegengebliebene Aufgaben schnell noch zu erledigen.

Es wird immer verlockender, „mal eben zwischendurch“ eine E-Mail zu schreiben, den Verlauf eines Projektes zu überwachen oder kurz zu schauen, was gerade im Team passiert. Doch welchen Effekt hat es auf unser Leben, wenn wir vom Strand aus E-Mails schreiben, uns trotz einer akuten Angina ins Büro schleppen – und weder Kopf noch Handy jemals ausschalten?

Wenn Arbeit zur Sucht wird

Wer an Suchtkranke denkt, hat ein klares Bild vor Augen: Jemand, der von einer bestimmten Substanz abhängig ist und sein Leben nicht mehr unter Kontrolle hat. Jemand, der erfolgreich in seinem Job ist, passt eher nicht in dieses Bild. Doch genau wie ein Mensch alkohol- oder nikotinabhängig sein kann, kann auch Arbeit zum Suchtmittel werden.

Das Problem bei der Arbeitssucht ist, dass sie nicht leicht zu erkennen ist. Es ist mittlerweile ganz normal geworden, schnell vor dem Computer etwas zu essen, früher ins Büro zu kommen, es später zu verlassen und auch am Wochenende über mehrere Kanäle gleichzeitig erreichbar zu sein. Doch dies beutetet noch lange nicht, dass jemand an einer Arbeitssucht erkrankt ist.

Der Unterschied zu Arbeitssüchtigen besteht darin, dass diese nicht mehr auf Arbeit verzichten können und sogar unter Entzugserscheinungen leiden. Die Arbeit nimmt im Leben von Arbeitssüchtigen einen Stellenwert ein, der höher ist als der von Freunden, Familien und Freizeit. Viele Arbeitssüchtige isolieren sich schließlich von ihrem sozialen Umfeld. Problematisch ist, dass ein solches suchtgefährdetes Verhalten oft durch die Umwelt positiv bewertet und belohnt wird: Jemand, der hart arbeitet und ständige Höchstleistungen erbringt, fällt im Büroalltag nicht unangenehm auf. Erst wenn sich die Arbeitssucht in einem anderem, vermeintlich destruktiverem Verhalten – wie zum Beispiel einer Depression oder einer Alkoholsucht – manifestiert, wird das krankhafte Verhalten erkannt.

Früher kommen, länger bleiben: Wie unsere Arbeitskultur uns krankmacht

Selbst wer nicht unter einer klaren Form von Arbeitssucht leidet, leistet immer häufiger Überstunden. Europaweit ist Deutschland das Land, in dem die Diskrepanz zwischen vertraglich festgelegter und tatsächlich geleisteter Arbeitszeit am größten ist. In vielen Unternehmen gehört es zur Unternehmenskultur, nicht vor dem Chef das Büro zu verlassen. So machte die im Sommer veröffentlichte E-Mail eines US-amerikanischen Bankers an seine Praktikanten zum Beispiel deutlich, welche absurden und unproduktiven Ausmaße diese Kultur teilweise bereits angenommen hat. In der E-Mail wurde ausdrücklich davon abgeraten, vor den Vorgesetzten in den Feierabend zu starten und empfohlen, für mögliche Nachtschichten eine Yogamatte und ein Kissen mitzubringen. Auch wenn dieses Beispiel extrem ist, zeigt es doch auch, wie die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit zunehmend verschwimmen.

Arbeitssucht: Ursachen und Konsequenzen

Aber warum arbeiten Menschen bis zum Umfallen? Selten hat dieses exzessive Überarbeiten mit Geld zu tun, sondern findet ihre Ursache im Wunsch nach Geltung, Status und Anerkennung. Manche Wissenschaftler vermuten aber auch biologische Parameter als Ursache für eine mögliche Arbeitssucht: Extreme Arbeitsbelastungen können zur Ausschüttung von körpereigenen Substanzen führen, die regelrecht „high“ machen.

Doch man muss aufpassen: Überstunden und ständige Erreichbarkeit führen oftmals nicht nur zu psychischem Stress, sondern können auch schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen mit sich bringen. Eine Studie des University College London zeigte etwa eine Korrelation zwischen Überstunden und einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle.

Auf Dauer werden Überstunden und Co. weder produktiv noch gesund sein: Denn wer von seiner Arbeit besessen ist, ist auch häufig nicht mehr in der Lage, Prioritäten zu setzen und zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Ein solches Arbeitsverhalten führt zu Flüchtigkeitsfehlern, die wiederum zu weiterem Stress führen. Ein Teufelskreis, der nicht zu durchbrechen scheint.

Arbeitssucht in der Gründerszene

Im Vergleich zu traditionellen Unternehmen bestechen Startups mit einer besonders ausgeprägten Flexibilität und Produktivität. Diese Eigenschaften erfordern allerdings häufig eine extrem hohe Belastbarkeit sowie Begeisterung für das Produkt und die Firma, was nicht selten in einer regelrechten Arbeitswut endet. Bei dem hohen persönlichen und finanziellen Einsatz, der geleistet werden muss, sowie der hohen Verantwortung, die Gründer übernehmen, ist es verständlich, dass Überstunden geleistet werden müssen und die Arbeit oft Vorrang hat. Doch wie kann man verhindern, dass ein erhöhtes Arbeitspensum ungesund wird?

Klare Grenzen ziehen – auch für sich persönlich

Da gerade bei Gründern und Freelancern die Work-Life-Balance schwieriger zu realisieren ist als für Angestellte, ist es umso wichtiger, klare Grenzen zu ziehen. Diese sollten nicht nur für andere, sondern insbesondere für sie selbst gelten. Es sollte Zeiträume geben, in denen man wirklich nur im absoluten Notfall erreicht werden kann. Ein künstlich festgelegter Feierabend, an dem Lampe und Laptop ausgeschaltet werden, kann dabei helfen, entspannt den Rest des Tages zu genießen. Im Urlaub sollte der Laptop unbedingt zuhause bleiben. Sollte doch etwas passieren, können dienstliche E-Mails auch über das Handy abgerufen werden.

To Do: Mal eine Pause machen

Ein strukturierter Tagesablauf hilft dabei, den Überblick zu behalten. Dabei sind To-Do-Listen und Zeitpläne sinnvoll. Genauso wie geschäftliche Termine sollten hier Pausen eingetragen werden, die auch einzuhalten sind. Zudem könnte ein Tageslimit an Punkten in die Liste integriert werden: Anstatt also ein Projekt nach dem anderen anzunehmen, besser erst Liegengebliebenes abarbeiten und gegebenenfalls Aufgaben an Kollegen delegieren.

Zusammen ist man weniger gestresst

Stress ist kein Ausnahmezustand: 20 Prozent der Deutschen geben an, gestresst zu sein. Und trotzdem ist Stress noch immer ein Thema, über das nicht genug gesprochen wird.

Umso wichtiger ist es daher, gemeinsam gegen Stress und Überarbeitung vorzugehen. Warum als Unternehmen nicht mal ein Teamevent sportlich gestalten und einen Ausflug in die Natur oder in die Kletterhalle machen? Oder Sportkurse für die Mitarbeiter anbieten?

Die BARMER GEK gibt hilfreiche Tipps zur Reduktion von Belastungen sowie Tipps zur Steigerung der Stresskompetenz. Mit einem Stresstest können Arbeitnehmer schauen, wie hoch ihr aktuelles Stresslevel ist – und entsprechend handeln.

Einen Gang runterschalten und weiterkommen

Technologie hat unsere Arbeits- und Lebensweise entscheidend geprägt und verändert – und zwar nicht nur zum Guten. Niemand möchte auf diesen Fortschritt verzichten, aber um produktiv und gesund zu bleiben, müssen die Uhren teilweise zurückgedreht werden.

Arbeitgeber sollten versuchen, das Arbeitsumfeld für ihre Arbeitnehmer so zu gestalten, dass Stress vermieden wird, und ihre Arbeitnehmer dazu ermutigen, eine Auszeit zu nehmen, die Batterien wieder aufzuladen und vielleicht einen Schritt zurückzutreten.

Work-Life-Balance braucht beides: Arbeit, aber eben auch Leben.

 

Bild: lenetssergey/panthermedia.net