werner von siemens

Ein Auszug aus dem Kapitel „Die ersten Telegraphenlinien“ des Buchs „Werner von Siemens. Lebenserinnerungen“. Von Siemens gründete den Vorläufer der Siemens AG mit heute knapp 350.000 Mitarbeitern im Jahre 1847 gemeinsam mit Johann Georg Halske. Ihr Telegraphen-Unternehmen entstand in einer Zeit, in der sich Deutschland zu einer Industrienation entwickelte. Der folgende Buchauszug zeigt einen Ausschnitt der frühen Unternehmensgeschichte und gibt einen Einblick in das Leben des 19. Jahrhunderts.

Mit meiner offiziellen Ernennung zum Kommandanten von Friedrichsort und dem Auftrage, durch Anlage von Batterien für die Verteidigung des Hafens von Eckernförde zu sorgen, hatte meine Stellung den etwas abenteuerlichen Charakter verloren, der ihr bis dahin anhaftete. Sie hatte damit aber auch einen großen Teil des Reizes eingebüßt, den sie bisher auf mich ausübte. Namentlich als ich meine Aufgaben erfüllt hatte und der Beginn der Friedensunterhandlungen weitere kriegerische Tätigkeit sehr unwahrscheinlich machte, ergriff mich immer lebhafter die Sehnsucht nach der Wiederaufnahme meiner wissenschaftlich-technischen Tätigkeit in Berlin.

Dort waren inzwischen große Veränderungen eingetreten. Die militärische Kommission für die Einführung der elektrischen Telegraphen war auch formell aufgelöst und die Telegraphie dem neugeschaffenen Handelsministerium unterstellt. Zum Leiter dieser Abteilung war ein Regierungsassessor Nottebohm ernannt, der bereits in der Telegraphenkommission einen Verwaltungsposten bekleidet hatte. Es war der Entschluß gefaßt, auf dem von der Kommission betretenen Wege fortzuschreiten und zunächst in aller Eile eine unterirdische Leitung von Berlin nach Frankfurt a. M., wo die deutsche Nationalversammlung tagte, erbauen zu lassen.

Infolgedessen gelangte an mich die Anfrage, ob ich geneigt sei, den Bau dieser Linie nach den von mir der Kommission gemachten Vorschlägen zu leiten. Falls ich darauf einginge, sollte beim Kriegsminister mein Kommando zur Dienstleistung beim Handelsministerium beantragt werden. Obgleich mir die Unterstellung unter den Regierungsassessor Nottebohm nicht sehr zusagte, nahm ich die Berufung doch an, da sie mich von dem jetzt so eintönig gewordenen militärischen Leben in der kleinen Festung erlöste und mir Gelegenheit bot, meine Vorschläge in großem Maßstabe zur praktischen Ausführung zu bringen.

werner von siemens

Die Lebenserinnerungen von Werner von Siemens auf 320 Seiten, erschienen im Finanzbuch Verlag.

In Berlin fand ich Halske bereits eifrig mit Arbeiten für die zu erbauende Linie beschäftigt. Man hatte beschlossen, die Linie ganz unterirdisch anzulegen, da man befürchtete, daß oberirdische Leitungen in jener politisch so hoch erregten Zeit zerstört werden würden. Die mit umpreßter Guttapercha isolierten Leitungen sollten ohne äußeren Schutz in einen anderthalb Fuß tiefen Graben auf dem Eisenbahndamm verlegt werden. Der von mir vorgeschlagene Schutz der Leitungen durch Umhüllung mit Eisendrähten, Eisenröhren oder Tonrinnen wurde der großen Kostspieligkeit wegen nicht genehmigt.

Mit der Berliner Gummiwarenfabrik von Fonrobert & Pruckner war bereits ein Vertrag für die weitere Herstellung unterirdischer Leitungen abgeschlossen. Es war dies dieselbe Fabrik, der ich mein Modell zur Umpressung von Kupferdrähten mit Guttapercha überlassen, und die auch die Versuchsleitung von Berlin nach Großbeeren mit einer nach jenem Modell erbauten Umpressungsmaschine hergestellt hatte. Ich mußte mich darauf beschränken, für möglichst gute Isolierung der Leitungen Sorge zu tragen. Dem stellten sich aber insofern erhebliche Schwierigkeiten entgegen, als durch den plötzlich eintretenden großen Bedarf an Guttapercha die gut isolierende Qualität derselben dem Markte bald entzogen wurde.

Um dieses Hindernis des verlangten schnellen Fortschritts der Arbeit nach Möglichkeit zu beseitigen, beschloß man, die kurz vorher in England erfundene Vulkanisierung der Guttapercha, d. h. ihre innige Mischung mit Schwefel in Anwendung zu bringen, wodurch auch bei schlechterer Qualität der Guttapercha die Isolierung sowohl wie die Widerstandsfähigkeit der Leitungen gegen äußere Beschädigungen erhöht wurde. Leider erwies sich die Vulkanisierung später als ein Fehlgriff, da der Schwefel sich mit dem Kupfer des Leiters verband und dadurch allmählich auch die nächstliegenden Schichten der Guttapercha kupferhaltig und leitend wurden. Diesem Übelstande war es namentlich zuzuschreiben, daß die zur Zeit der Legung so vollkommen isolierten Leitungen nach wenigen Monaten schon einen Teil ihrer Isolation verloren hatten.

Auf die Prüfung der Leitungen in der Fabrik wurde besonders große Sorgfalt verwendet. Halske fertigte für diesen Zweck Galvanometer an, die an Empfindlichkeit alle bis dahin bekannten weit übertrafen. Bei den Prüfungen mit diesen empfindlichen Galvanometern beobachtete ich im Jahre 1847 zum erstenmal die auffallende Erscheinung, daß auch ein vollkommen isoliertes, in Wasser liegendes Leitungsstück beim Einschalten einer Batterie einen kurzen Strom gab, dem bei Ausschluß der Batterie ein gleich starker, entgegengesetzt gerichteter Strom folgte. Es war dies die erste Beobachtung der elektrostatischen Ladung durch galvanische Ketten.

Ich war anfangs geneigt, hierin eine Polarisationserscheinung zu erblicken, da man das Galvanometer damals noch nicht für fähig hielt, den Durchgang statischer Elektrizität anzuzeigen. Die Erscheinungen auf längeren, gut isolierten Linien sollten es mir aber bald ganz unzweifelhaft machen, daß man es mit elektrostatischer Flaschenladung und nicht mit Polarisationserscheinungen zu tun hatte.

Die anfängliche Schwierigkeit, fehlerhaft isolierende Stellen in einem längeren Leitungsstücke zu finden, vermochte ich auf folgende Weise zu überwinden. Der mit Guttapercha umpreßte, trockene Draht wurde durch ein gegen Erde isoliertes, mit Wasser gefülltes Gefäß gezogen, während die zweite Spirale dünnen, übersponnenen Drahtes, die den Elektromagneten eines Neefschen Hammers umgab, zwischen den isolierten Kupferdraht und Erde eingeschaltet wurde. Wenn nun ein mit der Erde in leitender Verbindung stehender Arbeiter einen Finger in das Wasser des isolierten Gefäßes tauchte, so empfand er in dem Augenblicke elektrische Erschütterungen, in welchem eine fehlerhafte Stelle des mit Guttapercha umpreßten Drahtes in das Wasser eintauchte. So gelang es, alle kleinen, auf keine andere Art zu entdeckenden Isolationsfehler aufzufinden und nach ihrer Beseitigung Leitungen von außerordentlich hoher Isolierung zu erhalten.

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