mysugr-founders-2017

Die MySugr-Gründer (v. l.): Gerald Stangl, Frank Westermann, Michael Forisch und Fredrik Debong

Eine genaue Kaufsumme dürfe er nicht nennen, aber es sei „vermutlich der größte Exit im Bereich Digital Health in Europa“, sagt Gerald Stangl. Er ist einer von vier Gründern des Wiener Diabetes-App-Startups MySugr, das gerade vom Schweizer Pharma-Großkonzern Roche übernommen wurde. MySugr bietet eine App an, die Diabetikern das Management ihrer Krankheit im Alltag erleichtern soll. Sie kann mit Blutzuckermessgeräten verschiedener Hersteller gekoppelt werden, Krankenkassen sollen entsprechende Paketlösungen in Zukunft erstatten.

MySugr wird nach eigenen Angaben trotz der Übernahme als eigenständiges Startup mit einer offenen Software-Plattform weiterarbeiten. Ihren Mitarbeitern schenkten Stangl und seine Mitgründer Frank Westermann, Michael Forisch und Fredrik Debong zuletzt insgesamt eine Million Euro als Loyalitätsbonus. Wie die Zusammenarbeit mit Roche konkret aussehen soll und was er anderen Gründern rät, erzählt Gerald Stangl im Interview.

Gerald, warum hatte Roche gerade an Eurer App so großes Interesse?

Für große Unternehmen ist es nicht leicht, mit der Geschwindigkeit und Agilität kleinerer Mitbewerber mitzuhalten. Der Deal bietet für Roche eine Gelegenheit, seine digitale Kompetenz zu verstärken. Wir sind die größte mobile Diabetes-Management-Plattform der Welt, mit über einer Million registrierten Usern. Nur durch einen klaren Fokus auf die Wünsche und Bedürfnisse von Diabetikern konnten wir diese treue Nutzerbasis aufbauen.

Anzeige
Wie habt ihr die kritische Masse von Usern erreicht, mit der Eure App überhaupt erst Erfolg haben konnte?

Ein Drittel unserer Mitarbeiter lebt selbst mit Diabetes, die Probleme und Wünsche unserer Kunden bezüglich der Therapie kennen wir daher sehr genau und stellen sie immer an die erste Stelle. Das Mantra unserer Produktentwicklung lautet „user needs over industry needs“. Ansprüche von Geschäftspartnern oder anderen Stakeholdern werden hinten angestellt.

Wie habt Ihr bislang Geld verdient?

Die MySugr-App ist kostenlos, allerdings gibt es auch eine kostenpflichtige Pro-Version. Außerdem ist die Zusammenarbeit mit der Pharma- und Geräte-Industrie ein wichtiges Standbein für uns, zum Beispiel durch die Integration führender Blutzuckermessgeräte mit unserer App. Kürzlich haben wir dann den Einstieg ins Geschäft mit den Krankenkassen geschafft: Das MySugr-Paket aus App, Blutzuckermessgerät, unbegrenzten Teststreifen und persönlichem Diabetes-Coaching per Smartphone ist für Kunden der Versicherungskammer Bayern erstattungsfähig. Nun liegt unser Fokus darauf, weitere Versicherungen an Bord zu holen und das Geschäftsmodell international auszubauen.

Wie geht es für Euch als Gründer weiter?

Alle Gründer und das gesamte Management-Team bleiben an Bord. Wir werden alle unsere Positionen behalten und unser Headquarter in Wien wird ebenso weiter ausgebaut wie unser Office in San Diego.

Wie viel Freiheit behaltet ihr in der Zusammenarbeit mit Roche?

Wir bleiben als eigenständiges Unternehmen und neutrale Plattform bestehen. Mit Roche hatten wir schon lange vor dem Deal eine Produktintegration, Blutzuckermessgeräte von Roche und Beurer können direkt aus der App heraus bestellt und nahtlos mit ihr verbunden werden. Das wird fortgeführt, ebenso wie Kooperationen mit anderen Unternehmen, auch mit solchen, die im direkten Wettbewerb mit Roche stehen, etwa Medtronic oder Abbott. Die Diabetes-Branche bewegt sich zunehmend in Richtung Kooperation und Offenheit.

Euer Exit hat in der Szene für Aufsehen gesorgt. Was ratet ihr anderen Gründern, die so etwas auch gern schaffen würden?

Wer ein Unternehmen nur mit dem Ziel gründet, es bald weiterzuverkaufen, wird es wahrscheinlich nicht weit bringen. Wir haben MySugr gegründet, weil Frank und Fredrik mit ihrer Diabetes-Therapie unzufrieden waren. Anderen Gründern raten wir, Probleme zu lösen. Wenn ihr selbst von ihnen betroffen seid, habt ihr einen großen Wissensvorsprung. Und wenn auch andere von dem gleichen Problem betroffen sind, werdet ihr Kunden finden.

Bild: MySugr